Vom offenen Wassertrog zum Eisenbeton-Hochbehälter.
Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 129. Jahrgang Nr. 11 vom 15. März 1936. S. 5 – 6.
Unser liebes Buchholz schätzt sich in der beneidenswerten Lage, in ausreichendem Maße mit bestem Trinkwasser und Wirtschaftswasser versorgt zu sein. Es ist hinreichend bekannt, daß dies leider nicht in allen Orten der Fall ist; viele Städte und Dörfer, auch solche unserer Umgebung, sind in heißen und trockenen Sommermonaten mit ernster Sorge um ihre Wasserversorgung erfüllt. Wollen wir also den in Buchholz herrschenden Idealzustand nicht als eine Selbstverständlichkeit hinnehmen.
Es war nicht immer so, daß man zu jeder beliebigen Tages- oder Nachtzeit den recht bequem in der Nähe des Küchenherdes angebrachten Wasserhahn aufdreht und das köstliche Naß in erfrischender Kühle in das Gefäß strahlt. Unsere lieben Alten wissen es besser. Sie entsinnen sich noch recht gut der alten Holzröhrenleitung, die ein mitunter recht dürftiges Wässerchen aus den bescheidenen Quellfassungen im Buchholzer Wald nach den offenen Wassertrögen, die zum Teil aus 3 m langen ausgehöhlten Baumstämmen bestanden, leiteten. Mit der Sauberkeit des Wassers war es nicht vom besten bestellt, da man nicht nur mit allen möglichen und zum Teil unsauberen Gefäßen Wasser schöpfte, sondern auch das liebe Vieh zum Tränken an die Tröge führte. Man stellte deshalb später größere Bottiche mit Deckel und Hebevorrichtung auf, die auch eine Anschraubemöglichkeit für Spritzenschläuche zum Feuerschutz aufwiesen. In Buchholz standen gegen 30 solcher Bottiche. Wie schwer mag es gewesen sein, wenn harter Frost die Hebevorrichtung einzelner Bottiche außer Betrieb setzte und die Wasserholer aus der oberen Stadt mit ihren „Kannen“ die vereisten Straßen herunter oft bis auf den Marktplatz kommen mußten. Und dennoch … Ein Stück Alt-Buchholzer Geschichte, ein Stück schöner, altväterlicher Romantik ging mit der Beseitigung der Wasserbottiche dahin. Waren es doch die Punkte, wo sich alt und jung zu frohem Meinungsaustausch zusammenfand, wenn es auch bisweilen an den Wassertrögen zu weniger scherzhaften Auseinandersetzungen gekommen sein soll. Aber das ist so lange her und fast nicht mehr wahr …

Durch den Bau einer Wasserleitung in den Jahren 1888/89 durch die „Königin Marienhütte“ erhielt nun jedes Grundstück einen regelrechten Wasseranschluß. Die neue Wasserleitung brachte eine sichtbare Belebung in Handel und Wandel unserer Stadt. Vor allem regte sich eine ungeahnt lebhafte Bautätigkeit. Während bisher das Bauwasser in Fässern nach den Baustellen und in die Fabriken gefahren werden mußte, mündete nun das Wasserrohr dort, wo es am zweckmäßigsten war. In der Folgezeit löste eine Verbesserung die andere ab: Stollenwässer wurden gefaßt (u. a. aus dem Dorotheenstolln, dem Wittenbergstolln, das Kahrigwasser usw.), Rohrleitungen wurden ausgebaut und verstärkt. Ein Pumpwerk drückte bereits Wasser vom Tal in den Behälter an der Bergstraße und im Jahre 1893 entstand das Wasserwerksgebäude mit Hebewerk. Nun war auch der letzte Bottich verschwunden.
Die gewaltige industrielle Belebung in unserer Stadt, der Bevölkerungszuwachs, der Bau und die Inbetriebnahme des städtischen Schlachthofes, die Bahnhofserweiterung, die Einverleibung Frohnauer und Kleinrückerswalder Flurstücke u. a. m. machten es erforderlich, nach großen und ergiebigeren Quellen Ausschau zu halten. Zunächst hatte man die Erwerbung kleinerer Quellen in der Nähe des Stadtweichbildes, sowie die Mutung von Wasser aus angrenzenden Bergstollengebieten in Erwägung gezogen. Die angestellten Prüfungen ergaben jedoch eine nur geringe Ertragsfähigkeit dieser Wässer, weshalb man von diesen Projekten Abstand nahm und schließlich auf die Entnahme von Wasser aus dem Gebiete des Lampertsbaches im Neudorfer Staatsforst zukam. Am 15. März 1906 wurde mit dem Sächsischen Forstfiskus der Wasserüberlassungsvertrag abgeschlossen. Nun schritt man unverzüglich an die Ausführung des Projektes und führte es ohne Unterbrechung durch.
Der große Wasserleitungsbau gliedert sich in zwei Hauptteile, nämlich in der Quellfassung und in die Zuleitung des Wassers von dem Hauptsammelschrot nach der Stadt. Die Quellfassung führte das Stadtbauamt unter der Leitung des Stadtbaumeisters Wustlich, sowie Wassermeisters Ernst Lötsch in eigener Regie durch. Sie beginnt in Abteilung 89 des Neudorfer Staatsforstreviers in der Nähe des Lampertsbaches und zieht sich diesem entlang bis in der Nähe von Kretscham-Rothensehma. Die Länge der gesamten Quellenleitungen betrug zirka 4000 Meter. Die Quellfassung besteht aus einem Hauptsammelschrot, welcher auf dem der Stadt gehörigen Waldgrundstücke im Staatsforst errichtet wurde. — Die von der Wasserbaufirma August Loeffler in Freiberg gebaute Zuleitung ist rund 10 Kilometer lang.

In einer eindrucksvollen Feier unter Beteiligung der gesamten Einwohnerschaft erfolgte am 24. September 1907 die Weihe der neuen Wasserleitung, wobei der an ihrem Endpunkte im Buchholzer Wald angebrachte Verschluß unter den Klängen des Chorals „Nun danket alle Gott“ losgelöst wurde und aus einem mit der Mündung nach oben aufgeschraubten Mundstücke zum ersten Male das neu gefaßte Neudorfer Quellwasser unter dem Jubel der Buchholzer Einwohner in einer beträchtlich hochaufsteigenden Wassersäule sich ergoß.
In diesem Zusammenhange geziemt es sich wohl, in kurzer Rückschau derer zu gedenken, die vor dem Kriege die Geschicke unseres Gemeinwesens lenkten und in weiser Voraussicht für die Stadt Buchholz eine Wasserversorgung schufen, deren Segen wir seit Jahrzehnten verspüren und derer sich auch noch kommende Generationen erfreuen werden. Es sind die Namen der alten Stadtväter, die sich bis auf den heutigen Tag ihren alten guten Klang erhalten haben. Namen wie Bürgermeister Schmiedel, Gustav Slesina, Kommerzienräte Brauer und Kunze, Stadträte Berthold, Schluttig, Preuß, und aus dem Stadtverordnetenkollegium Namen wie Guido Fischer, Robert Wünsche, Theodor Preuß u. a. m., Persönlichkeiten, deren Namen in der Geschichte der Stadt Buchholz immer fortleben werden.
Unverdrossen arbeitete man weiter am Ausbau der Wasserversorgung für unsere Stadt. So wurde gegen 1910 der Hochbehälter mit 600 Kubikmeter Fassungsvermögen in der oberen Stadt errichtet und die Wasserdruckverhältnisse durch sachgemäßen Leitungsbau reguliert.
Krieg und Nachkriegszeit brachten einen gewissen Stillstand in die weitere Vervollkommnung unserer Wasserversorgungsanlage.
Um nun auch erhöhten Bedürfnissen an Trink- und Wirtschaftswasser, die durch Neuansiedelungen, etwaige neue Industrien, Verbesserung des Feuerschutzes und dergleichen hervorgerufen werden konnten, gerecht werden zu können, hatte man sich von vornherein das Recht zur jederzeitigen Erweiterung der Quellfassung gesichert. Von dem Rechte wurde im Jahre 1929 Gebrauch gemacht. Der schon Ende des Jahres 1927 bemerkbar gewordene Rückgang im Wasserzufluß hatte sich im folgenden Jahre infolge anhaltender Trockenheit so verschärft, daß eine Gefährdung der Wasserversorgung befürchtet werden mußte. Da auch die Schaffung von Arbeit für Erwerbslose vonnöten war und zudem die Frist sich ihrem Ende nahte, bis zu welcher die Stadt Buchholz das Recht zur Erweiterung der Quellfassung ausüben durfte, begann man im Frühjahr 1929 mit der Erweiterung der Quellfassung im sogenannten Moritzbachgebiet im Neudorfer Staatsforstrevier. Die mit einem Kostenaufwand von rund 67.000 RM. durchgeführte Neufassung war im Oktober 1929 fertiggestellt.
Von hohem Wert für die Wasserversorgung in Buchholz ist der in den Jahren 1934/35 durchgeführte Bau einer Ringleitung mit dem Hochbehälter „Ost“. Bezweckt und erreicht wurde damit die Erschließung des vom Sehmafluß in östlicher Richtung ansteigenden Flurgebietes als Bau- und Siedelungsgelände und Behebung der Versorgungsübelstände an der Bismarckstraße, die sich in Wassertrübungen und Druckmangel äußerten. Die Ringleitung gewährleistet eine gleichmäßiger Zirkulation des Wasserlaufes.
Die Länge des gesamten Wasserrohrnetzes der Stadt Buchholz beträgt bei den Quell-Leitungen 4 Kilometer, den Zuleitungen 10 Kilometer und das Ortsrohrnetz ist 38 Kilometer lang, zusammen also 52 Kilometer Rohrnetz! Wasseranschlüsse an Gebäude usw. bestehen z. Zt. rund 800. Die Wasserabgabe betrug im Jahre 1893 täglich ca. 130 Kubikmeter, heute gibt die Stadt Buchholz täglich im Durchschnitt rund 1000 Kubikmeter Wasser an ihre Abnehmer ab, und zwar das prächtige Frischwasser unserer schönen, waldreichen Erzgebirgsheimat.