Nach mündlichen Überlieferungen erzählt von Karl Roscher, Arnsfeld.
Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 129. Jahrgang Nr. 10 vom 8. März 1936. S. 5 – 6.
Wo auf den bewaldeten Höhen des Erzgebirges die deutsch-tschechoslowakischen Grenzpfähle stehen, führt die Landstraße über Berg und Tal von der Reichsgrenze in das Innere des schönen Sachsenlandes. Durch Wälder und über Wiesen, durch Dörfer und Städte geht ihr Weg, teils in weitausholenden Bogen einen Berg umgehend und dann wieder in gewundenen Schleifen eine Höhe erklimmend, den Ausläufen des Gebirges zu. Zwischen zwei dieser erzgebirgischen Dörfer führt die Landstraße im Bogen durch eine saftige Wiese an einer wenig beachteten, schlichten Steinsäule vorüber, die deutlich die Spuren von Wind und Wetter vergangener Jahrzehnte trägt.

Als an einem Oktoberabend des Jahres 1813 ein Regiment der verbündeten Truppen, bestehend aus Österreichern und Kosaken, aus Böhmen kommend, diese Straße passierte, befand sie sich allerdings nicht in dem heutigen guten Zustand. Tiefe Rinnen schnitten die Räder der Bagagewagen in den vom Regen aufgeweichten Boden und mit Schimpfen und Fluchen trieben die Soldaten ihre ermatteten Pferde immer wieder an. Tiere und Menschen waren am Ende ihrer Kräfte und sehnten sich nach Ruhe.
Der Führer der Truppe, ein höherer österreichischer Offizier, war herzlich froh, mit Einbruch der Dunkelheit das für das Nachtquartier vorgesehene Dorf erreicht zu haben, doch mit ganz anderen Gefühlen betrachteten die Dorfbewohner, hinter den Fenstern versteckt, den Einzug der ungeladenen Gäste und die mit ihnen einziehende Not und Bedrückung. Wie ausgestorben war die Dorfstraße, als sich der lange Zug dem in der Mitte des Dorfes gelegenen Kirchberg näherte und hier halt machte. Wagen um Wagen der Bagagekolonne fuhr auf und bald herrschte ein reges Lagerleben mit Hornsignalen und Kommandorufen. Kleine Gruppen von zwei bis vier Mann, zum Teil mit ihren Pferden, entfernten sich vom Lager, um die von den Bauern und Häuslern zu stellenden Nachtquartiere aufzusuchen.
Die Not des Krieges war auch im Erzgebirge hart zu spüren. Die Bevölkerung war verarmt. Mißernten und Krankheiten taten das ihre, um das Unglück zu vergrößern. Es war deshalb nicht zu verwundern, daß die Einquartierer schon verwünscht und verflucht waren, ehe sie noch die Schwelle des Hauses betreten hatten. Neben der Verpflegung und Unterbringung der Mannschaften und Offiziere mußte auch für die Pferde gesorgt werden, obwohl das vorhandene Futter nicht einmal für das eigene Vieh notdürftig reichte.
Die Nacht breitete ihre Schatten aus und bald lag alles nach des Tages Last und Mühe in tiefem Schlaf. Beim Wagenpark am Kirchberg glimmte das Wachtfeuer. Ein Windstoß trieb eine Menge dürres Laub unter die Wagen und brachte die erlöschende Glut zum Aufflackern. Die Gewehre im arm, fest in ihre Mäntel gehüllt, saßen zwei Soldaten am Feuer und schienen mit ihren Gedanken in weiter Ferne, vielleicht in der Heimat zu sein. Der Jüngere der beiden versuchte wiederholt ein Gespräch zustande zu bringen, doch erhielt er entweder gar keine oder eine mürrische abweisende Antwort, sodaß er schließlich den Versuch aufgab. Um den Schlaf einigermaßen zu bekämpfen, stopfte er sich eine Pfeife Tabak und setzte diese mit einem Span am Wachtfeuer in Brand. Plötzlich stand sein Kamerad auf, packte sein Gewehr fester und ging mit vorsichtigen, jedes Geräusch vermeidenden Schritten um den Wagenpark. Beleidigt durch die Schweigsamkeit des anderen begrüßte der Jüngere seinen Kamerad nach der Rückkehr mit einem derben Fluch.
„Hast Du Geister vom nahen Gottesacker gesehen oder hat Dich das Rascheln des dürren Laubes erschreckt“ frug er und versuchte die inzwischen erloschene Pfeife erneut in Brand zu setzen. Ein unverständiges Brummen war die Antwort des Gefragten und dabei versuchte er mit verschärfter Aufmerksamkeit die stockfinstere Nacht mit seinen Augen zu durchdringen.
„Mir war es, als ob sich jemand an den Wagen zu schaffen machte“ sprach der Ältere, nachdem er wieder am Feuer Platz genommen hatte, „aber ich muß mich wohl getäuscht haben.“
Der Morgen graute und mit ihm erwachte das Leben im Dorf. Signale ertönten, Hunde bellten, Hähne krähten und bald herrschte überall das eilige Treiben im Lager, das den Aufbruch einer größeren Truppe kennzeichnet.
Dumpfer Kanonendonner ließ erkennen, daß in der Ferne eine große Schlacht im Gange sei. Das war für den Führer des Regiments ein gewaltiger Ansporn, die Leute zur größten Eile anzutreiben.
Aufatmend sahen die Dorfbewohner aus sicherer Entfernung dem eiligen Aufbruch zu und freuten sich, daß der unliebsame Besuch diesmal nicht lange anhielt und daß er so reibungslos abgelaufen war. Ein alter Bauer war jedoch anderer Ansicht. Er meinte, er könnte erst beruhigt sein, wenn er die Gesellschaft viele Meilen von hier entfernt wüßte.
Schon setzten sich die ersten Züge in Bewegung, als der Führer eine Meldung erhielt, die ihm gewaltig zu erschüttern schien. Mit wutverzerrten Zügen trieb er sein Pferd an einen der Planenwagen, riß die Plane zurück und fing fürchterlich zu fluchen an.
Die Regimentskasse war in der Nacht gestohlen worden. Die beiden Posten des Wagenparkes wurden verhört. Das ganze Dorf wurde durchsucht, doch ohne Erfolg. Die Kriegskasse war und blieb verschwunden.
Drei Einwohner wurden verdächtigt und festgenommen, obwohl die Verdächtigung jeder Grundlage und jedes Beweises entbehrte.
Die Zeit drängte. Ein kurzer Kriegsrat wurde abgehalten und dann führte man die drei Verdächtigen außerhalb des Ortes in die sogenannte Tränke.
Keiner der Bewohner des Dorfes wagte sich diesem traurigen Zug anzuschließen.
Jeder wußte, was sich in den nächsten Minuten abspielen würde.
Eine Salve krachte und nach Abzug des Heerhaufens blieb ein kleiner frischaufgeworfener Erdhügel zurück.
Heute noch weiß der Volksmund von allerlei Spukgestalten an dieser Stelle, von einem Reiter ohne Kopf usw. zu berichten, doch erinnert nur die alte, schlichte Steinsäule noch an die Geschehnisse jener Zeit.