Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 47, 134. Jahrgang, 1. Dezember 1940, S. 1, 4.
Ein Werkmeister aus Hermannsdorf wanderte in 50 Jahren drei Mal um den Erdball
Wenn die Entstehung des in der ältesten Urkunde vom Jahre 1411 erwähnten Ortes Tannenberg über ein halbes Jahrtausend zurückliegt, so darf die Zeit vor nunmehr hundert Jahren als beginnendes Aufblühen eines Segen spendenden Erwerbszweiges im Ortsteil Obertannenberg bezeichnet werden. Außer dem die weitaus meisten Fluren und Waldungen beherrschenden Rittergut und etlichen Oel- und Sägemühlen sowie einer schon damals regsamen Landwirtschaft hatte bis dahin noch keinerlei Industrie hierorts Einzug gehalten.
Am 14. Dezember 1837 erwarb der Kauf- und Handelsherr Carl Ferdinand Höffer in Chemnitz vom damaligen Rittergutsbesitzer und Patronatsherrn Carl Friedrich Böhme ein im stillen Tal des Geyersbaches, etwa 1 km vor dessen Einmündung in den Zschopaufluß, gelegenes Areal zum Bau einer Spinnerei und das den Bauplatz berührende Wasser, außerdem am 20. Dezember 1837 von Christian Jonathan Meischner dessen Oelmühle mit Scheune in Obertannenberg.
Der im Frühjahr 1838 inmitten des immergrünen Tannenwaldes begonnene Fabrikbau wurde am 16. April 1839 mit Turm und Fangspitze vollendet und im Sommer desselben Jahres der Betrieb unter damals primitivsten Verhältnissen aufgenommen. Der Antrieb erfolgte zuerst mittels Wasserrad (später durch Turbinen, Dampf und elektr. Kraft), die Warenbeförderung (Baumwolle von und Garne nach Chemnitz sowie Kohle aus Zwickau) durch Geschirre.
Zur Beleuchtung dienten Spar-Oellampen; zur Heizung wurden anfangs Torf und Zimmerspäne verwendet.
Die Postexpedition hatte ihren Sitz in Ehrenfriedersdorf, das vormalige Gerichtsamt in Geyer; vorgesetzte Behörden waren die Königl. Amtshauptmannschaft in Niederforchheim und die Königl. Kreisdirektion in Zwickau unter der Regierung des im Sommer 1854 in den Tiroler Alpen tödlich verunglückten Königs Friedrich August II. von Sachsen.
Anläßlich einer Besichtigung zu Anfang der 50er Jahre hat dieser Regent noch seine „hohe Anerkennung über den interessanten Betrieb“ ausgesprochen. Bereits vor dieser Zeit wurde dem jungen Höfferschen Unternehmen auf der Ausstellung Sächsischer Gewerbe-Erzeugnisse in Dresden am 13. Dezember 1845 durch das Ministerium des Innern als erste Auszeichnung „für die Fabrikation ganz vorzüglicher Medio-Twiste“ die Goldene Preis-Medaille verliehen. Im darauffolgenden Jahre waren laut ministerieller Verordnung Preise von 500 Talern ausgesetzt worden für die ersten beiden Baumwollspinnereien, die es dahin bringen würden, „ein Jahr hindurch unausgesetzt wöchentlich 500 Pfund Kettengarne Nr. 40 dem besten englischen Fabrikate in Güte und Preisen gleich“ zu liefern. Dem Spinnereibesitzer Höffer ist am 11. August 1846 durch die Königl. Landesregierung auch dieser Preis zuerkannt worden dafür, daß er die gestellte Aufgabe sowohl in qualitativer, wie quantitativer Hinsicht vollkommen gelöst hatte.
Das unter vier Generationen zu seiner jetzigen Bedeutung emporgestiegene Unternehmen der Firma Carl Ferd. Höffer befindet sich im Besitz der Familie unter derzeitiger Leitung von Betriebsführer Erich Höffer.
Die Gefolgschaft hat ihre Wohnstätten zum Teil in Eigenheimen und Werkswohnungen, zumeist in Tannenberg, ebenso im nahen Geyer, wie auch in Hermannsdorf und Dörfel. Als interessant möchte hierbei nicht unerwähnt bleiben, daß z. B. der jetzt in Ruhe lebende Spinnmeister Carl Hildebrand aus Hermannsdorf während seiner ununterbrochenen 50jährigen Tätigkeit bei genannter Firma eine Wegstrecke von insgesamt ca. 105.000 km zurücklegte und somit ungefähr dreimal die Erde umkreiste.
Bei der im Jahre 1888 erfolgten Erschließung des Geyersbachtales durch die Bahnlinie Schönfeld – Wiesa – Geyer mit der späteren Fortsetzung bis Meinersdorf erhielt Obertannenberg eine Personenhaltestelle (jetzt außerdem Haltepunkt der Staatlichen Kraftwagenverbindung Annaberg – Ehrenfriedersdorf – Chemnitz).
Dem stetig ansteigenden Fremdenverkehr Rechnung tragend, wurde an der von Schönfeld nach Geyer führenden Staatsstraße im Jahre 1906 eine heimatlich anmutende Gastwirtschaft und 1910 nebenan, am Fuße des dichtbewaldeten Pochwerksberges, von der Rittergutsverwaltung ein schmuckes Forsthaus erbaut.
In neuerer Zeit sind an beiden Hängen des Talgrundes stattliche Siedlungen entstanden, die dem Gesamtbild ein belebteres Gepräge verleihen.

Wer kennt den Ort im Sachsenland, tief drinn‘ im Erzgebirg?
Ach, einzig schön am Zschopaustrand liegt Obertannenberg!
Ich grüße dich, du edle Perle, lieb‘ Heimattal, viel tausendmal!
Otto Ihle.