Annabergs Wassersorgen vor 75 Jahren.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 133. Jahrgang Nr. 12 vom 31. März 1940. S. 4.

Die Sorge um das tägliche Wasser hat unsere Vorfahren mehr als einmal beschäftigt. 1865 war sie besonders groß. Die Zuflüsse aus den Stollenwässern konnten den Bedarf nicht mehr voll decken. Die Einwohnerzahl hatte ständig zugenommen und die 10.500 überschritten. Ermutigt durch dieses rasche Wachstum, hoffte man in zehn Jahren „noch einmal so groß“ zu sein, wozu neben dem Aufblühen der Wirtschaft auch die „projektierte böhmische Bahn“ (siehe Tageblatt vom 16. März dieses Jahres) berechtigte Aussichten versprachen. Man nahm an, daß dann „Etablissements der verschiedensten Art“ entstehen würden, die Wasser brauchten und auch der Bedarf an Trinkwasser würde natürlich stark zunehmen. So ventilierte man vor 75 Jahren in unserer Zeitung die Frage: „Wie ist hinlängliches Wasser zu beschaffen?“ Es wurden drei Möglichkeiten erwogen: 1. das Wasser aus der Sehma mit einem von ihr selbst gespeisten Triebwerk in die Stadt zu pumpen; 2. Wasser durch Stollntreibung am Pöhlberg zu gewinnen und 3. Wasser aus den westlichen Abhängen des Gemeinde-(Rats-)waldes den Flößgraben entlang nach einem vor der oberen Stadt zu bauenden Reservoir zu leiten.

1837 hatte Annaberg 8 große Bottiche, 62 Wassertröge und 22 Wasserhäuser. 1862 standen noch Bottiche auf der Wolkensteiner Straße, der Großen und Kleinen Sommerleite, Oberen Schmiedegasse und anderwärts. 1865 wurde die städtische Wasserregelung tatsächlich in Angriff genommen. Aus dem Quellengebiet des Pöhlberges (Vorschlag Nr. 2) wurden zwei Sammelbehälter (im Wäldchen und in der Röhrgasse) gespeist, die das Wasser in einem gußeisernen und tönernen Röhrennetz in 27 öffentliche Ständer und 155 Privatleitungen abgaben.

Kopie
Das Innere des 1865 erbauten Wasserbehälters an der Röhrgasse, der im Sommer 1935 abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt wurde. Als Wasserbehälter am 12. September 1935 eingeweiht, nimmt er das Wasser auf, das durch eine Pumprohrleitung aus dem Sehmatal vom Hebewerk am St. Andreas hierher gelangt. (I. E. S.-Archiv.)

1883/85 wurde das städtische Wasserwerk erweitert. Es wurden sechs neue Quellen angeschlossen und das Kleinrückerswalder Quellengebiet erworben. Das so neugewonnene Wasser wurde in einer eisernen Hauptleitung, die man in den Flößgraben einbettete, der Stadt zugeführt.

1888/89 wurde der Vorschlag Nr. 3 Wirklichkeit durch die Fassung der Quellen im Annaberger Ratswald, deren Wasser durch das Hebewerk in Königswalde nach dem Hochbehälter am Flößgraben gepumpt wird.

Aber auch der Vorschlag Nr. 1 ist, wenn auch in anderer Form, in jüngster Zeit ausgeführt worden und zwar etwa um den Zeitpunkt, als Annaberg die 20.000 der Einwohnerzahl erreichte. Unter Ersten Bürgermeister Dietze und Stadtbaudirektor Kühn wurde 1934 damit begonnen, das einwandfreie Quell- und Grundwasser des 200 Meter tief liegenden „Reiche-Empfängnis“-Stollens der Wasserversorgung Annabergs nutzbar zu machen. Dieser Stollen mündet im Sehmatal, wo in der Nähe von St. Andreas eine Pumpstation gebaut wurde, die das Wasser in den Behälter an der Mariengasse pumpt. Mit dieser sehr ergiebigen Anlage ist der Wasserbedarf Annabergs auf lange Sicht hinaus sichergestellt, zumal im Stollen selbst noch 30.000 Kubikmeter Wasser aufgestaut werden können.