ein sächsischer Literat und Dichter des 18. Jahrhunderts.
Von Carl Zechmeister-Dresden.
Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt. Nr. 36, 5. September 1937, S. 1 – 2.
Christian Felix Weiße, den man heute nahezu vergessen hat, oder von dem man allenfalls den literarisch interessierten Namen und einige Büchertitel kennt, wurde am 28. Januar 1726 in Annaberg geboren. Er entstammte einer alten sächsischen Gelehrtenfamilie. Sein Großvater, der Pfarrer Johann Michael Weiße in Hohenstein bei Stolpen, schrieb 1724 eine „Historische Beschreibung von Hohenstein“. Sein Vater Christian Heinrich, ein tüchtiger Philologe, war 1725 Rektor zu Annaberg und 1726 Direktor des Gymnasiums in Altenburg. Dieser sächsische Literat, der mit seinen lustigen Theaterstücken und heiteren Singspielen Tausende seiner Mitmenschen die Sorgen des Lebens hinwegscherzte oder auch mit seinen Tragödien die Tränen eines empfindsamen Publikums erpreßte – verdient aus der Fülle der Halbvergessenen herausgezogen und dem Leser vorgeführt zu werden.
Weißes Jugend- und Mannesjahre fallen in den wichtigen Zeitabschnitt Deutscher Literaturentwicklung, in welchem sich eine Loslösung von dem französischen Vorbild vollzieht und führende Geister den Weg für die Entfaltung einer deutschen Nationalliteratur bahnen. Insbesondere betraf dies das deutsche Theater, um dessen Reform sich Gottsched in Leipzig und die Theaterleiterin Caroline Neuber aus Reichenbach im Vogtland verdient machten. Weißes dramatische Arbeiten, die gewissermaßen eine selbständige Periode in der deutschen Literaturentwicklung darstellen, bilden einen Übergang von den einseitigen, an einem französisierenden Formalismus krankenden Bestrebungen Gottscheds zu dem gewaltigen freien Aufschwung Lessings – dessen Jugenddrama „Der junge Gelehrte“ die Neuberin 1748 auf ihrer Bühne in Quandts Hof in der Nicolaistraße zu Leipzig zur Aufführung gebracht hatte. Christian Weiße bezog 1745 die Universität Leipzig und sah sich hier mit einem Male mitten in ein reges literarisches und künstlerisches Leben versetzt, wobei das Morgenrot einer aufstrebenden jungen Generation als Verkünder einer neuen Epoche vaterländischer Literatur einen vielverheißenden Kontrast zu dem abnehmenden Glanz des eingeengten Gottschedschen Formalismus verkündete. Das war um die Zeit, als ein Reihe vornehmlich sächsischer Literaten, wie Karl Christian Gärtner (geb. 1712 in Freiberg), Gottlieb Wilhelm Rabener (geb. 1714 in Wachau bei Leipzig), der nachmalige Hofprediger Johann Andreas Cramer, ein Kind des sächsischen Erzgebirges (geb. 1723 zu Jöhstadt), und Joh. Adolph Schlegel (geb. 1721 in Meißen) – der Onkel der berühmten Brüder August Wilhelm und Friedrich von Schlegel – sich zusammenfanden und eine literarische Zeitschrift, die „Neuen Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes“ (Bremer Beiträge) gründeten. Später traten diesem literarischen Arbeitskreis (auch „Sächsische Schule“ genannt) noch Joh. Elias Schlegel (geb. 1618 in Meißen), der berühmte Fabeldichter Christian Fürchtegott Gellert aus Hainichen in Sachsen (geb. 1715) und andere bedeutende Männer bei. Durch Johann Heinrich Schlegel, dem jüngsten der Brüder Schlegel, wurde Weiße hier in Leipzig mit Lessing, dem Kamenzer Predigersohn, bekannt und befreundet. Zu Lessing, dem Weiße vielerlei Anregung und Belehrung verdankte, hat er zeitlebens eine treue Freundschaft gehalten. Weißes beste Werke fallen in die Zeit, als Gottsched, dessen Reformen um das deutsche Schauspiel als ein unbestrittenes Verdienst anerkannt werden müssen – während seine Bemühungen um die deutsche Dichtkunst im ödesten Formalismus stecken geblieben waren – den Streit mit den Anhängern Klopstocks immer noch fortsetzte, als er schon längst besiegt war. Nachdem sich Weiße in einigen kleinen Lustspielen versucht hatte („Die Matrone von Ephesus“), brachte er 1752 ein Lustspiel heraus, welches sich „Die verwandelten Weiber oder der Teufel ist los“ betitelte. Das Stück – heute längst vergessen – sollte indessen dazu beitragen, den Literaturpapst in Leipzig, Gottsched, endgültig zu stürzen. Dieses Singspiel, eine freie Uebersetzung aus einer englischen Vorlage, zu dem der Chorrepetitor Standfuß und später auch Joseph Adam Hiller die Arien und Musikeinlagen komponiert hatten, bildete sozusagen den Vorläufer unserer heutigen Operette und hatte den Zorn Gottschedes gewaltig erregt. In seinen Streitschriften gegen Weiße, welcher sich mit einer glänzenden Rhetorik (hinter welcher vermutlich Lessing stand) verteidigte, zog sich Gottsched manche Niederlage zu. Als sich nun der Leipziger Professor gar an den „Directeur des plaisirs“, Herrn von Dieskau in Dresden, wandte, griff ein alter Gegner Gottscheds – der Literat Rost – in diese Fehde ein und veröffentlichte ein in Knittelversen verfaßtes Schreiben „Der Teufel an den Herrn Gottsched, Kunstrichter der Leipziger Schaubühne“. Seit dieser Zeit war Gottsched als literarisch tot zu betrachten. Seine Stimme verhallte ungehört, das Singspiel hatte gesiegt und sein neuer Vertreter in Deutschland, Weiße, ließ es bei dem ersten, so erfolgreichen Versuch nicht bewenden, sondern in der Folge eine ganze Reihe Operetten erscheinen, welche freudige Aufnahme fanden und mehr als eine Schauspielergesellschaft vor dem Ruin retteten. Christian Felix Weiße muß also als Begründer der deutschen Operette bezeichnet werden.
Später wandte er sich auch dem Trauerspiel zu. Seine bedeutendsten Werke auf diesem Gebiete sind die Dramen „Eduard III“, „Richard III“ und „Romeo und Julie“. Jedoch können diese Trauerspiele nicht im Entferntesten einen Vergleich mit den teilweise denselben Stoff behandelnden Dramen des großen englischen Dichters Shakespeare standhalten. Am volkstümlichsten aber waren von Weißes Werken seine Kinderlieder, wie er sich überhaupt als Kinderschriftsteller besondere Verdienste erworben hat. Im Jahre 1772 erschien ein neues „ABC-Buch“, bei dem das Merken der Buchstaben durch Beigabe kleiner Bilder erleichtert wurde. Der Erfolg war glänzend: bis 1791 wurden 6 Auflagen verkauft. Charakteristisch für Weiße ist es, daß er auf jedes Honorar verzichtete, um das Buch durch möglichste Billigkeit den weitesten Kreisen zugänglich zu machen. Im Oktober 1775 erschien erstmalig das Jugendjournal „Der Kinderfreund“, eine Fortsetzung des „Adelung‘schen Wochenblattes für Kinder“. Von seinen „Kinderliedern“ – welche eine wohltuende Herzlichkeit und Frische atmen und (von Hiller u. a.) auch in Musik gesetzt wurden – sind heute noch einige bekannt: „Wenn der jüngste Tag will werden, fallen die Sternlein auf die Erden“ oder „Süßer angenehmer Fleiß, o wie herrlich ist der Preis“ und endlich „Morgen, morgen, nur nicht heute“ –.
Christian Felix Weiße starb als Steuerobersekretär zu Dresden am 16. Dezember 1804.