Wie ein Annaberger im Jahre 1831 schlechtes Bier tadelte.

Von Alfred Flemming.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 129. Jahrgang Nr. 19 vom 10. Mai 1936. S. 7.

Es ist eine bekannte Tatsache, daß die Biere, die wir uns als Männer nach des Tages Last und Mühen zu Gemüte führen, auch unseren Anforderungen in geschmackloser Hinsicht entsprechen müssen. Finden wir nun wirklich einmal einen neuen Stoff, der sich in seiner Güte nicht denen angleicht, die wir mit feiner Zunge gewohnt sind, dann lassen wir uns den Wirt kommen, sagen ihm unser Anliegen — und dem Übelstande kann auf feine Art abgeholfen werden. Vor 100 Jahren machte man seinem Unmute über schlechtes Bier öffentlich Luft. Ließ doch da im Jahre 1831 ein biederer Annaberger Handwerksmeister folgendes in die „Sachsenzeitung“ einrücken:

„Ich wohne in Annaberg, einer Stadt, deren Bier früher weit und breit berühmt war. Man erzählt, daß Fremde des guten Bieres wegen gern ihren Aufenthalt in den Gasthäusern der Stadt verlängerten. Diese Zeiten sind vorbei. Wir haben ja jetzt bisweilen Biere, mit welchen man die Fremden verscheuchen könnte. Ungeachtet das Stadtbier oft unter aller Kritik ist, so ist doch die Einführung fremder Biere außerordentlich belastet. Der Arme kann sich den Labetrunk garnicht erschwingen. Er muß entweder sich mit dem Wasser begnügen, oder zum Schnaps sich wenden, oder, falls er einmal einen Krug Stadtbier trinkt, sich den Aufwand für ein Gläschen Kümmel, das zur Bezwingung des unverdaulichen Getränkes unumgänglich notwendig ist, als unwillkommene Zugabe gefallen lassen. Ich lasse mir bisweilen ein Achtel-Faß bringen (eine Vierteltonne) und muß dafür 7 Groschen 6 Pfennige Accise und 7 Groschen 6 Pfennige Stadtabgabe, in Summa also 15 Groschen zahlen, mehr, als das Bier selbst kostet. Ich frage, ob eine solche Belastung erhört ist. Freilich wird man mir sagen, kannst Du das fremde Bier nicht bezahlen, brauchst Du keines zu trinken. Und wirklich sind dergleichen Äußerungen gefallen. Ist es aber recht, die ersten Lebensbedürfnisse, wozu für den Handwerksmann das Bier ohne Widerrede gehört, so schwer zu besteuern? Man stiftet jetzt Mäßigkeitsvereine. Hätte man doch lieber auf gute und wohlfeile Biere gehalten. Das Übel, welches man jetzt bekämpft, würde nicht so fürchterliche Wurzeln getrieben haben. Das Volk ist mit Gewalt zu den gebrannten Wassern gewendet worden, weil man durch übertriebene Besteuerungen seinen echtdeutschen Labetrunk ihm entzog. Man muthe mir nicht zu, dem Mäßigkeitsverein beizutreten. So lange man mir das Bier entweder unnatürlich vertheuert, oder unnatürlich verschlechtert, wird mich niemand dahin bringen, dem Mäßigkeitsvereine mich anzuschließen. Man will dem armen Handwerksmanne Alles entziehen, auch das Gläschen Schnaps, das er bisweilen zu seiner Labung trinkt. Das geht doch zu weit.“

Er mag recht gehabt haben unser Volksgenosse vor 100 Jahren. Es ist entschieden zu viel verlangt, wenn die Steuern und Abgaben für das Bier mehr ausmachen, als das Bier selbst kostet. Ob sein Erguß in der Sachsenzeitung freilich die Wirkung gehabt hat, die er erreichen sollte und ob das städtische Bier von Annaberg dann besser geworden ist, konnte nicht festgestellt werden. Jedenfalls hatte sich aber unser Freund, dem man den Labetrunk — wie er ihn so schön nennt — unnötig verteuerte, den Ärger richtig von der Leber gesprochen.