Vor 80 Jahren.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 35. – Sonntag, den 25. August 1929, S. 1 – 3.

Nach Quellen bearbeitet von A. Kothe-Buchholz.

Der 8. und 9. Mai 1849 ist in Sachsens Geschichte mit Blut geschrieben: Volksaufstand in der Landeshauptstadt Dresden! Wir als Buchholzer Bürger müßten eigentlich über die damaligen Zeitereignisse sehr genau Bescheid wissen, denn kaum eine andere Stadt ist dabei so stark in Mitleidenschaft gezogen worden, nahm so regen Anteil, als unser Buchholz. Gestorben sind sie nun alle, die in idealer Begeisterung, in aufrichtiger Empörung nach Dresden zogen, dem Recht zum Siege zu verhelfen. Dicker Staub deckt die Akten, die bei der Verfolgung der Insurgenten zu Bergen anwuchsen. Nicht vergessen darf aber die Vaterlandsliebe, die Freundestreue sein, die die Persönlichkeiten dieser Zeit kennzeichnet. Unter den Männern, deren Namen heute noch einen guten Klang besitzen: Georg Adler, Pfarrer Weidauer, Bürgermeister Koch, W. Berthold muß einer besonders genannt werden: Fritz Hesse, den man für die Ereignisse in Buchholz als spiritus rector bezeichnen möchte. —

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Fritz Hesse, Buchholz.

Fritz Hesse ist ein Crottendorfer Kind. Zur Zeit, da in den Crottendorfer Marmorbrüchen noch der Schlag von Schlegel und Eisen widerklang, betrieb sein Vater eine Bildhauerei. Neben seinem Handwerk lag ihm aber vor allem auch das Wohl seiner Gemeindemitglieder sehr am Herzen. Wer irgendeinen Rat erheischte, kam zu ihm, und stets hat er bereitwilligst Unterstützung gefunden. Fritz wurde am 28. August 1820 geboren, verlor aber frühzeitig seine Mutter und oft klagt er später, daß er Mutterliebe nie gekannt habe. So blieb er sich meist selbst überlassen, lebte ein Eigendasein, durchstreifte Wald und Flur. Hier am Herzen der Natur eröffnete sich ihm der Blick ins Weite, erwachte das Selbstbewußtsein und die tiefe Liebe zur Heimat. Als eine Stiefmutter ins Haus kommt, verleidete es ihm das Vaterhaus noch mehr. Der Vater wollte gern, daß er bei ihm Bildhauer werde, doch die Mutter trieb ihn aus dem Hause. Er kam zu einem Goldschmied in Chemnitz in die Lehre. Schon im ersten Jahre starb sein Meister. Wieder stand er vor Vaters Tür. Dieser brachte ihn zu einem Buchbinder in Schneeberg. Sein neuer Meister war ein Hypochonder. Fritz hatte unter dessen Launen furchtbar zu leiden, und nur die Ermahnungen seines Vaters vermochten ihn zu bewegen, auszuhalten. Wenn das Eisenlineal drohte, suchte er Zuflucht auf dem Boden. Nach sehr gut bestandener Gesellenprüfung ging er nach damaliger Sitte auf die Wanderschaft. Er kam dabei zwar nicht über Sachsens Grenzen hinaus, aber, bestrebt, sich an allem und in allem zu bilden, sammelte er reiche Erfahrungen und Wissen. So reifte er schon in jungen Jahren zu einer sittlich gefestigten Persönlichkeit heran, abgeklärt in religiösen und politischen Anschauungen. In Buchholz wurde er seßhaft. — Um die Handlungsweise Hesse’s recht zu verstehen, ist es notwendig, sich den damaligen Zeitgeist zu vergegenwärtigen, denn darin wurzelt Hesse. Das deutsche Volk hatte in den Befreiungskriegen den Fürsten Land und Thron gerettet, jetzt wollte es mitregieren, wie es ihm die Fürsten versprochen hatten. Vorbild war ihnen die große Republik jenseits des Ozeans. Dort wurden die Vertreter des Volkes gefragt, wenn neue Gesetze erlassen und neue Steuern erhoben wurden. Dasselbe Recht forderten jetzt auch die Deutschen. Sie riefen nach einer Verfassung. Doch auf Metternichs Betreiben, des allmächtigen Mannes in Deutschland, begann eine Jagd auf alle, die sich aus dem Elend der Kleinstaaterei und des willenlosen Untertanengehorsams heraussehnten. „Dem Untertanen zieme es nicht, an den Handlungen des Staatsoberhauptes den Maßstab seiner beschränkten Einsicht zu legen!“ Die sogenannte Demagogenverfolgung setzte ein. Die Verdächtigen wurden von Verhör zu Verhör geschleppt, mußten jahrelang in Untersuchungshaft auf ein gerichtliches Urteil harren. Jede neue Verhaftung brachte neue Kämpfer auf den Plan, denn diese Behandlung spottete jedem Rechtsempfinden. Der Ruf nach politischen Freiheiten wurde immer lauter, immer dringender. Fritz Hesse schreibt in seinen Memoiren: „Daß all dies auch auf mich einwirkte, ist wohl erklärlich und fühlte ich wohl zu gut, daß ich auch in politischer Denkweise mit mir selbst im klaren sein müsse. Diese meine Ansicht hierüber, daß der Mensch in einem geordneten Gesellschaftsstaat durch seine Geburt zu einer Gleichheit mit allen vor dem Gesetz berechtigt sei, und dieses Gesetz keinen Standes- oder Vermögensunterschied gestatten darf, so geht daraus hervor, daß ein Fürst oder Regent eines Volkes nicht durch seine Geburt, sondern nur durch seine Qualifikation hierzu gelangen kann. Weil kein Mensch ohne Fehler, sondern jeder Irrtümern unterworfen ist, so kann es auch keinen unfehlbaren oder unverantwortlichen Regenten geben. Wenn nun ein Volk jene Fülle von Bedeutung und Macht erreicht hat, welche dessen Fähigkeit zur Führung seiner eigenen Regierung offenbart, so hat dasselbe von Rechts wegen Anspruch auf Staatsunabhängigkeit. Ein solcher Staat kann sich nur unter einer freien repräsentativen Verfassung entwickeln, und diese kann nur auf demokratischer Grundlage beruhen. So wurde ich natürlich Demokrat.“ Die Sehnsucht nach Freiheit, nach einem einigen Deutschland, wurde vor allem in den Turnvereinen gepflegt, die sich damals gründeten. So auch in Buchholz. Den Vorsitz führte damals Pfarrer Weidauer. Hesse-Fritz war begeisterter Turner. Heute noch bewahrt der Männerturnverein seine sterblichen Ueberreste in einer Urne in der Turnhalle. Um seine Kollegen – Handwerksburschen – geistig und sittlich zu heben, reif zu machen für die Forderungen der Zeit, ihnen Bildungsmöglichkeiten zu verschaffen, gründete Hesse am 4. Dezember 1842 in Meyer’s Salon zusammen mit Wilhelm Meyer, Aug. Fiedler, Anton Mann, Karl Siegert u. a. die Gesellschaft „Lantane“. Durch Vorträge, Anschaffung einer Bibliothek und gegenseitigen Austausch suchte sie ihrem Gründungszweck gerecht zu werden und hat sicher zu dem geistigen Erwachen der Bürger beigetragen, denn hier fanden die freiheitlichen Ideale guten Nährboden. Der heutige Gesangverein „Lantane“ ist aus diesem Bildungsverein hervorgegangen.

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Moritz Ferdinand Weidauer,
Pfarrer, 1827 – 1856.

Im Jahre 1844 gründete Magister Götz in Annaberg einen Volksverein, dem sich alle freisinnigen Männer anschlossen, auch Fritz Hesse. Infolge der Lauheit der Bürgerschaft ging er bald wieder ein. Doch Männer, wie Superintendent Schumann, Advokat Haustein, Stadtrat Dietsch, Realschullehrer Heerklotz und Stützner hatten ihre Geistesfunken nicht umsonst versprüht. Durch Vermittlung des Parlamentariers Robert Blum, der im Herbst 1847 vor einer großen Versammlung in Annaberg bei Bahl’s sprach, erstand im April 1848, wie vielerorts, ein sogenannter Vaterlandsverein in Buchholz. Außer den vorgenannten gehörten ihm als Buchholzer an: Pastor Weidauer, Wilhelm Viermetz, Bürgermeister Koch, Kaufmann Schnabel, W. Berthold, Dr. Müller. Auch hier sitzt Fritz Hesse mit im Ausschuß. Die Politik dieser Vaterlandsvereine bewegt sich nach den beiden Seiten:

  1. im Innern das Streben nach größerer Freiheit, das Mitbestimmungsrecht im bürgerlichen Leben,
  2. wollte man den Traum eines einigen, großen, starken Deutschlands endlich Wirklichkeit werden lassen.

Fritz Hesse begleitete neben den vorhin genannten Posten auch das Amt eines Stadtverordneten, war Vorsitzender des Demokratischen Bürgervereins, entwickelte also eine äußerst eifrige politische Tätigkeit.

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Bürgermeister Koch

Wie alle Umwälzungen aus Zeiten wirtschaftlicher Not herausgewachsen, so auch diese. Das Jahr 1847 war ein Hungerjahr, ein Jahr der Arbeitslosigkeit und der Teuerung. Der Staat sah sich genötigt, die Gemeinden zu Notstandsarbeiten aufzurufen. Damals wurde in Buchholz die Ochsenwiese am jetzigen Buchholzer Bahnhof planiert und trainiert, der Schießhausplatz erhielt seine heutige Gestalt. Man vertauschte den Posamentierstuhl mit Hacke und Schaufel. Im Rathaus wurde eine Suppenanstalt eingerichtet. Reihenweise, wie die Soldaten an der Feldküche, traten die notleidenden Bürger mit den Eßgeräten an. Eine Episode, wie sich auch damals der Wucher die Zeit zu Nutze machte, erzählt Hesse: „Eine arme Witwe mit sechs Kindern hatte 3 Tage gearbeitet, um ein Brot zu verdienen, aber als sie es kaufen wollte, gab es keins – nach der Taxe sollte es am nächsten Tage wieder aufschlagen! Da kommt sie zu mir und erzählt mir ihr Leid, daß sie bei dem reichen Müller auch gewesen und dieser noch eine Masse Brot habe, aber heute keins mehr verkaufe. Nachdem ich mich von der Wahrheit überzeugt hatte, ging ich auf’s Rathaus und erstattete Anzeige beim Stadtrat, verlangte Haussuchung und Konfiskation zum Besten der Armen. Notgedrungen mußte sich der Stadtrat unter Begleitung von Polizei und Gerichtsdiener hierzu bequemen. Als man meinen Namen dem Müller als Kläger nannte, rief dieser in voller Wut: „Wenn den Kerl nur der Teufel holte, ich habe kein Brot!“ Die nur oberflächliche Untersuchung brachte 30 Brote zur Verteilung. Die Witwe rief beim Empfang aus: „Ach, wenn uns nur den Mann Gott recht lange erhalten möchte.“

Angst und Verzweiflung erfaßte die Gemüter, in Mittweida und Elterlein zerstören die Arbeiter die Nagelfabriken im Glauben, die Maschine wäre an diesem Elend schuld, denn bisher wurden die Nägel in eigener Schmiedewerkstatt gefertigt. Krankheiten, der Typhus, wüteten unter der Bevölkerung. Alle diese ungesunden Verhältnisse politischer und wirtschaftlicher Not sammeln einen Zündstoff an, zu dem nur der Funke fehlt, um ihn zur Explosion zu bringen. Da kommt im Februar 1848 die Nachricht von der französischen Revolution. Alle horchten auf. In den Versammlungen des Vaterlandsvereins in Buchholz war der Saal jedesmal gepreßt voll. Unter schwarz-rot-goldner Fahne begeisterten Pfarrer Weidauer und Heerklotz Männer und Frauen für ihre freiheitlichen Ideale. Als es in Berlin und Wien auch zu Unruhen kam, forderte die sächsische Regierung die Gemeinden zur Bildung von Kommunalgarden (Einwohnerwehren) auf. Endlich ließ sich auch der sächsische König herab, nachdem er von allen Seiten in offenen Briefen dazu gedrängt wurde, den Bitten seiner Untertanen Gehör zu schenken. Er verheißt alle möglichen politischen Freiheiten: Volksvertretung im Bundestag, Aenderung des Wahlrechts, öffentliches Gerichtsverfahren, größere Zensurfreiheit, auch eine Verfassung, die die Stände schaffen sollten. Hesse schreibt dazu: „Das Volk glaubt an die Aufrichtigkeit der fürstlichen Verheißungen, aber mit Fürsten ist kein Vertrag zu schließen, sie bändigt nur der Zwang.“

Anfang Mai 1848 findet die Wahl zur Deutschen Nationalversammlung statt, die in Frankfurt eine Reichsverfassung schaffen soll. Da Buchholz 312 Stimmberechtigte meldete und auf 100 Stimmen ein Wahlmann kam, wurden in Buchholz Dr. Müller, Kaufmann Schnabel und Bürgermeister Koch gewählt. Im Annaberger Museumssaal hatten diese Wahlmänner für ihren Bezirk einen Abgeordneten zu küren. Es wird Herr von Watzdorf, aus der Lausitz gebürtig, und als dessen Stellvertreter Herr Evans aus Siebenhöfen (Spinnereibesitzer) genannt. Die Verbrüderung der deutschen Stämme in der St. Paul’s-Kirche zu Frankfurt gab Anlaß, für Annaberg und Buchholz, ein engeres schwesterliches Verhalten Wirklichkeit werden zu lassen. Am 3. und 4. September 1848 zog die Buchholzer bewaffnete Macht mit ihrer Artillerie (2 Kanonen), Hauptmann und Adjudant hoch zu Roß, mit klingendem Spiel nach Annaberg. An der Schlösselbrücke wartete die Annaberger Kommunalgarde. Böller donnerten. Die beiden berittenen Hauptleute sprengten einander entgegen, begrüßten sich militärisch und unter Hurra erfolgte der Einzug in Annaberg, unter Ehrenpforten hindurch. Auf dem Markt hielt Reiche-Eisenstuck eine Rede, die schloß: Es lebe die Sächsische Verfassung unter dem Schirm der Deutschen Nationalität, es lebe der König, der Bürge des Wohls seiner Sachsen, es lebe die Schwesterstadt Buchholz und Annaberg im traulichen, brüderlichen Bunde!

Doch die Reaktion zog immer weitere Kreise. Am 9. November wurde Blum standrechtlich erschossen, weil er sich an der Wiener Revolution beteiligt hatte. Ein Entrüstungssturm ging durchs ganze Land. In Annaberg wurde eine große kirchliche Gedächtnisfeier für Robert Blum veranstaltet. Ein Katafalk war errichtet worden. In begeisterten Reden wurde der Verdienste Blums gedacht und eine Sammlung für die Hinterbliebenen veranstaltet.

Von Woche zu Woche häufte sich der Zündstoff. Machenschaften der Regierung werden laut und im Mai weigert sich der König, die in Frankfurt beschlossene Verfassung für Sachsen anzuerkennen. Alles ist empört und in Adressen an den König sucht man, diesen zu bewegen, seine Versprechen wahr zu machen. Auch im Annaberger Stadtparlament verfaßt man ein solches Bittgesuch folgenden Inhalts: „Die Reichsverfassung ist vollendet, das Reichswahlgesetz von der Zentralgewalt publiziert, das Reichsoberhaupt gewählt. Das Volk erwartet mit Zuversicht, daß mit Einführung der Reichsverfassung in die Deutschen Länder ein gesicherter politischer Zustand und Institutionen eintreten werden, unter denen die so sehr gedrückte Industrie sich wieder heben kann. Es weiß, daß die Reichsverfassung ihm Freiheiten gewähren wird, die es seit Jahrzehnten erstrebt, es sieht durch sie ein einiges, mächtiges Deutschland erstehen, Achtung gebietend nach außen, Freiheit schirmend und Wohlstand begründend nach innen. Sie halten es für eine Pflicht, daß jeder Staat für seinen Teil das Seine tut. Sie bitten deshalb, unverzüglich zu publizieren.“ Herr Bürgermeister Scheibner, Stadtverordneten-Vorsteher Götz und Kommunalgarden-Hauptmann Leonhardi sollen diese Adresse dem König persönlich überreichen. Am 5. früh reisen diese mit der Dresdner Post ab.

(Fortsetzung folgt.)