Vom inneren und äußeren Ausbau der Obererzgebirgischen Zeitung.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 37. – Sonntag, den 8. September 1929. S. 1 – 4.

Wort und Bild.

Wenn unsere „Obererzgebirgische Zeitung“ heute ihren 75. Geburtstag feiert, dann steht wie ein junges Knäblein neben ihr das erst 6 Jahre alte „Erzgebirgische Heimatblatt“, das zu dem betagten Vater, der es geboren hat, mit einiger Ehrfurcht heute aufschaut. Was die „O. Z.“ in ihren vielen Jahren des Bestehens alles erlebt hat, das spiegelt sich in den „Erzgebirgischen Heimatblättern“ im Bilde wieder. Daran erkennt man auch die Aehnlichkeit zwischen beiden und darf sie ruhig als Vater und Kind zusammen bezeichnen. Sehen wir, was uns heute unsere „Erzgebirgischen Heimatblätter“ im Bilde bringen, vergleichen wir es mit der in der Festausgabe unserer „O. Z.“ niedergeschriebenen Geschichte unserer Zeitung, da finden wir all die Gestalten und Dinge im Bilde wieder, die uns schon dort einmal begegnet sind, da schauen wir wie im Spiegel das Antlitz der alten und der neuen Zeit, die unsere „O. Z.“ durchlebt hat.

Kopie
Das Ehepaar Ackermann
die Schwiegereltern des Gründers der „O. Z.”, Lindner, die nach diesem in den Jahren 1858 bis 1860 Besitzer der „O. Z.” waren.

Die beiden lieben alten Leutchen, die uns so freundlich anschauen, das sind gewissermaßen die Urheber unserer „Obererzgebirgischen Zeitung“, es ist das alte Ehepaar Ackermann, die dem Gründer der Zeitung, Carl Lindner, der ein Schwiegersohn von ihnen war, wohl die Mittel vorstreckten, die „Obererzgebirgische Zeitung“ in Buchholz zu gründen. Es stimmt uns freilich beinahe etwas traurig, daß wir neben ihnen nicht auch ein Bildnis von Lindner selbst veröffentlichen können. Es ist uns leider nicht gelungen, von ihm ein solches zu bekommen. Eine genaue Beschreibung von ihm haben wir dafür in der Geschichte unseres Hauses in der 8. Beilage der Jubiläums-Nummer der O. Z. (Seite 29) gegeben. Auch über das Leben und Wirken der Eheleute Ackermann finden unsere Leser dort viel Interessantes. Wir teilten dort u. a. auch mit, daß die Lindnersche Druckerei von dem Gert’schen, jetzt Seyffarts Erben gehörigen Haus an der Karlsbader Straße umzog in das ehemals Müller’sche Haus neben der Apotheke, und zwar in den Laden, den jetzt der Grünwarenhändler Kunz inne hat.

Kopie
Altes Haller & Berthold-Haus mit angrenzendem Müller-Haus
an der Karlsbader Straße. Es wird rechts die Ladentür sichtbar zu der ehemaligen Lindnerschen Druckerei. In diesem Hause befand sich früher die Expedition der „O. Z.”.

Auf der 4. Seite unserer Heimatblätter finden unsere Leser ein altes Bild von dem früheren Berthold-Haus (jetzt Haller & Berthold), neben dem rechts auch ein Teil des Müller’schen Hauses sichtbar wird. Man erkennt dort genau die Eingangstür zu der damals Lindner’schen Druckerei. Nach Lindner führten seine Schwiegereltern Ackermann die Druckerei weiter und diese verkauften sie 1860 bekanntlich an Julius Hermann Hollstein, von dem wir an zweiter Stelle der vorliegenden Heimatblattausgabe ein Bild bringen.

Kopie
Julius Hermann Hollstein,
geb. 10. März 1830, gest. 26. März 1895, Besitzer der „O. Z.” v. 10. Febr. 1860 b. 30. Sept. 1892.

Das Haus, in dem er die „O. Z.“ gedruckt und schließlich zur Tageszeitung entwickelt hat, ist das noch heute unter dem Namen Hollstein-Haus bekannte Gebäude an der Marktstraße. Unsere Leser finden eine Abbildung davon auf der 3. Seite dieser Beilage. Hollstein kaufte dieses Haus in den 60er Jahren von dem Fleischermeister Melzer und richtete es zu einem Zeitungsbetrieb ein, der immer größer wurde, sodaß 1870 ein Anbau nach der Hofseite nötig wurde. Als auch diese Räume nicht mehr ausreichten, mußte ein weiterer Anbau nach der Giebelseite vorgenommen werden. Dort, wo sich also heute der Zwischenbau zwischen dem großen „O.-Z.“-Neubau und dem alten Hollstein-Haus befindet, war einstmals ein freier Platz (siehe Bild i. d. Jubil.-Nr. in 28. Beilage S. 113, Zeichnung Rich. Schmidt). Ein freundlicher Garten war dort, in der Mitte ein alter Brunnen und fröhliche Kinder tummelten sich auf einem kleinen Rasenplatz. Die Ecke Karlsbader und Marktstraße hatte seinerzeit ein ganz anderes Aussehen wie heute. Nach der Karlsbader Straße zu schlossen sich das Merkel-Haus und das Pursch-Haus an. Auch diese beiden Häuser finden unsere Leser auf der 3. Seite dieser Beilage abgebildet. Beide Häuser waren durch einen Holzgiebel voneinander getrennt. In ihrer altertümlichen Bauart stellten sie ein Stück Alt-Buchholz dar. In der benachbarten Hollstein-Druckerei herrschte reges Leben, insbesondere war dort nach 1888, mit dem Eintritt Friedrich Seidels, dessen Porträts wir hier auf der 2. Seite finden, ein unerwarteter Aufschwung eingetreten.

Friedrich Georg Seidel,
geb. 7. Juli 1863 in Falkenstein i. V., Besitzer der „O. Z.” seit 1. Oktober 1892.

Der von Hollstein errichtete Anbau genügte nicht mehr, sodaß nach der Giebelseite der Souterrainanbau nötig wurde. Einige Jahre später mußte Seidel zu dem großen Neubau schreiten, der dem Stadtbild hier einen modernen Anstrich gab. Die Geschichte dieses Baues ist in der 2. Beilage der Festausgabe eingehend beschrieben worden. Für uns soll es sich darum handeln, auch einmal den Baumeister desselben kennen zu lernen, einen Mann, dem Buchholz viel zu verdanken hat, den Architekten und Baumeister Wilhelm Peschke.

Kopie
Baumeister Friedrich Wilhelm Peschke,
geb. 14. Januar 1851, gest. 23. März 1915, Erbauer des neuen Geschäftshauses der „O. Z.” im Jahre 1906/07.

Ganze Straßenzüge unserer Heimatstadt sind von ihm erbaut worden. In großzügiger Weise hat er einen Bebauungsplan für die Stadt ausgearbeitet und Häuser gebaut, die unserer Stadt ein stolzes und schönes Ansehen geben. Nachdem Wilhelm Peschke beim Kirchbau unter Architekt G. L. Möckel-Zwickau als Bauleiter nach Buchholz kam und nach Beendigung desselben sich hier selbständig gemacht hatte, war einer seiner ersten Bauten die Slesina-Villa an der Karlsbader Straße, an der er seine Baukunst gezeigt hat. Dann ist unter ihm fast die ganze Häuserreihe entstanden von Fleischermeister Friedrich Püschel an der Karlsbader Straße bis zum Bäckermeister Geißler an der Schießhausstraße, früher Bäckermeister Hermann Wagner, in dessen altem Haus im Jahre 1884 Seidel seine erste Garconwohnung inne hatte, ferner baute Peschke fast sämtliche Häuser der Kaiserstraße, der Königstraße und der Bismarckstraße, die er größtenteils auf eigenes Risiko errichtet hat. Dann hat er auch die Hotels „Deutsches Haus“ und „Deutscher Kaiser“, das Schützenhaus, die drei Turnhallen, den Schlachthof und die Post gebaut, ferner auch den Rathaus-Umbau und den Pfarrbau ausgeführt und noch viele andere Wohnhäuser, Villen (Gutbier, Klipstein, Herold) und Fabrikbauten etc. Außerhalb Buchholz schuf er die Bahnhofsbauten in Schlettau, Oberwiesenthal, Jöhstadt, Cranzahl etc. Die Verdienste dieses Mannes alle aufzuführen, würde an dieser Stelle gewiß zu weit führen.

Kopie
Altes und neues Geschäftshaus der „O. Z.”
Links: das Hollstein-Haus an der Marktstraße / Rechts: der große 1906/07 errichtete Seidel’sche Neubau an der Karlsbader Straße. Dazwischen der seidel’sche Souterrainbau, auf den im Jahre 1925 noch zwei Stockwerke aufgesetzt worden sind.

Die Abbildung unseres nebenstehenden schönen Neubaues legt jedenfalls Zeugnis ab von der Baukunst dieses Mannes und seines Neffen Ernst Perschke, dessen wir an dieser Stelle und an unserem Jubiläumstag ebenfalls dankbar gedenken. Mit besonderer Hingabe hat letzterer auch das Seidel’sche Parkhaus an der Königstraße entworfen und ausgeführt.

Kopie
Parkhaus Seidel, Buchholz i. Sa., Königsstraße.

Das Hollstein-, Merkel- und Pursch-Haus geben in der Reihenfolge, wie wir sie am Ende dieser Seite abgebildet sehen, die frühere Ansicht der Ecke Markt- und Karlsbader Straße wieder, das Bild darüber zeigt die imposant wirkende Fassade unseres „O. Z.“-Hauses, wie es sich heute mit dem Relief Gutenbergs an der Spitze als ein schmucker Tempel der Buchdruckerkunst im Zentrum der Stadt präsentiert. Die Reihenfolge, in der wir die Abbildungen unserer Häuser veröffentlichen, sind gewissermaßen auch ein Maßstab für die Entwickelung unseres Unternehmens, das mit dem Raum auch zu einer achtunggebietenden Zeitung unseres ganzen Erzgebirges gewachsen ist.

Zeichnung
Die jetzigen Geschäftshäuser der „O. Z.”
(ehem. Hollstein-Haus mit den beiden Seidel’schen Neubauten)
Kopie
Ehemaliges Hollstein-Haus
mit dem Seidel’schen Souterrainbau.
Kopie
Ehemaliges Merkel- und Pursch-Haus
an deren Stele im Jahre 1906 der Neubau der „O. Z.” getreten ist.

So schließen wir denn auch diese Zeilen unseres Jubiläums-Heimatblattes in Dankbarkeit gegen den allmächtigen Baumeister droben, der uns so wunderbar und gnädig geführet, der uns auch weiterhin in seiner Gnade erhalten möge, damit auch Söhne und Enkelunter seinem Schirm und Schutz das Haus in Fleiß und Ehre bestellen können. Das walte Gott! S. S.