Schwarzenberg, du feine …

Ein charakteristisches Heimat- und Stadtbild unseres Erzgebirges.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 34 – Sonntag, den 17. August 1930, S. 1- 2.

Zeichnung
Schwarzenberg im Erzgebirge.
(Historische Zeichnung)

Städte und Dörfer haben wie die Menschen ihr Antlitz. Sie können lieblich und freundlich dreinschauen, aber auch finster und nüchtern. Sie können alternde und jugendliche Züge tragen, und Falten und Runzeln im Angesicht sind gar oft ehrwürdig und schließen nicht aus, daß die Seele einer Stadt ewig jung und gegenwartsnah geblieben ist. Es gibt modischgeschminkte, jugendlich-glatte Stadtgesichter, die aber oft am äußeren Ausdruck haften bleiben und darum den Keim des Welkens und Sterbens von Anfang an in sich bergen.

Wenn nun die Bezirksstadt Schwarzenberg mit ihrer Einwohnerzahl von rund 12 000 Seelen und ihrer Höhenlage von etwa 460 Meter den schmückenden Beinamen „Perle des westlichen Erzgebirges“ trägt, dann darf dieser Ort wohl Anspruch darauf erheben, ein feines, liebens- und beachtenswertes Antlitz zu haben.

Wenn ich einem Fremden die Stadt Schwarzenberg zeigen soll, dann gehe ich entweder mit ihm auf den Totenstein, einen Felsen, der gleich dem gegenüberliegenden Ottenstein vom Geflecht der Sage umrankt ist. Oder noch lieber führe ich ihn bei beginnender Abenddämmerung auf den Rockelmann oberhalb des unteren Steinbruches und zeige bei dieser Gelegenheit unser Naturtheater als eine der schönsten Freibühnen Deutschlands. Hier, nahe am Abhang des Steinbruches, lugt aus dem kühlen Schattendüster der Fichten eine helle Bank hervor und lädt ein zum Rasten. Von hier aus, also von Süden her, gleitet nun der Blick hinab in beglückender Talschau. Die Zweige der Nadelbäume neigen sich weit herein ins Blickfeld und begrenzen es wie ein schöner dunkelgrüner Naturrahmen. Der Blick ist vor allem deshalb charakteristisch, weil das Turmpaar von Schloß und Kirche als Wahrzeichen der Stadt, aus genügender Entfernung geschaut, völlig beherrschend im Mittelpunt des Stadtbildes sich aufsteilt. Außerdem trübt hier kein rauchender Schlot das saubere Bild. Gerade jetzt im Hochsommer trägt die Stadt in ihrem reichen Baum- und Buschwerk das satteste Grün. Wie zwei Brüder in freundnachbarlicher Verträglichkeit stehen diese beiden Zeugen weltlicher und geistlicher Macht am schroff-steilen Felsrücken, der die dreieckförmige Uranlage der Stadt trägt. Als ragendes Sinnbild für die Besiedlungsgeschichte, als Keimzelle für den Stadtkern, durfte sie ohne weiteres diesen Vorrang einnehmen. Wir wollen daher bei ihr ein wenig länger verweilen.

Schon wirft die Dämmerung tiefes Dunkel ins Tal. Schloß und Kirche werden zum Schattenriß, und die ersten Lichter blinken auf. Warum gerade die Wanderung ins Dämmerdunkel hinein? Abend und Nacht entkörpern. Darum wird die Vergangenheit, die tagsüber schläft, zu dieser Stunde am ehesten lebendig. Es ist bei jeder Betrachtung einer Ortschaft für den Beschauer wesentlich, daß er den Geist der Vergangenheit zu erspüren sucht, der die Erstform des Stadtbildes, also urbodenständige und wurzelechte Siedlungswerte schuf. Aus ihm klingt das Eigenleben des Ortes am hellsten auf, viel weniger aus den baulichen Gebilden der Neuzeit, die bei aller Formvollendung doch ebensogut in Bayern, Westfalen oder sonstwo stehen könnten.

Der Name Schloß mag mir nicht gefallen. Er erinnert zu sehr an ein überzierliches, schnörkliges und zimperliches Gebäu von einem Jagd- oder Lustschloß. Unsere Burg trägt aber von Anfang an das im Wechsel der Zeit mehr oder weniger vervollkommnete Gepräge einer Befestigungsanlage mit festgegliederten Linien wie die unerschütterlichen Formen unserer Berge. Sie war von altersher die Wach- und Wehr- und darum Schutzstätte am Schwarzwasserknie für die uralte und daher lebenswichtige Paß-Straße, die das Pleißenland über Zwickau und Platten mit dem Egerland verband.

Die Schwarzenberger Burg ist wie jede andere Burg unseres Landes auch in ihrer art immer ein lebenstrutziges und tatspornendes Symbol deutscher Geschichte gewesen. Und Geschichte ist nie tot, sondern ein Kreisend-Lebendiges. Darum muß uns auch unsere Burg mehr sein als ein Zeuge verfallener Herrlichkeit. Gleichgültig, ob wir versuchen zurückzuwandern bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts, in die Entstehungszeit von Burg und Herrschaftsbesitz; oder ob wir an den kaiserlichen Schloßherrn, den Hohenstaufen Barbarossa zurückdenken, der vielleicht selbst auf dem Schlosse zu Gaste war; oder ob wir uns des niederen Adels, der Lehensleute und Schösser erinnern; oder ob wir uns von der Romantik einfangen lassen, die sich – beschaulich oder wild – um Rittertum und Raubrittertum schlingt; oder ob wir vor uns in den Mauern von Burg und Stadt den Kriegssturm der Hussiten und des 30jährigen Krieges oder die zahlreichen Brände aufleben lassen; oder ob wir Ende des 18. Jahrhunderts das vielgestaltige, doch etwas bürokratisch-verzopfte Verwaltungsleben im Schloß als kurfürstliches Amt (Rent-, Forst-, Kriminal- und Kreisamt) an uns vorübergleiten lassen (des hiesigen Heimatforschers Dr. Fröbe’s Buch, „Geschichte der Stadt Schwarzenberg“, Verlag: Erzgebirgs-Zweigverein Schwarzenberg, das wesentlich als Quelle benutzt wurde, wird aufmerksamen Lesern noch außerordentlich viel Aufschlußreiches bieten), immer muß uns die Burg bei unserer Blickwendung in die Vergangenheit eine Verkörperung geschichtlicher Denkformen unserer Vorfahren mit ihren Vorzügen und Schwächen bleiben.

Im Vordergrund unserer Blickschau liegen die Häuser der „forstetter“, Häuser, die zur Vorstadt am „oberen Tor“ und zur „großen Vorstadt“ gehören, dem Siedlungszweig am südlichen Fuße des burgtragenden Felsenriffs. Wie aus Ehrfurcht ducken sie sich vor den altgewürdigten Gebäuden des Stadtkerns über ihnen. Sie sind gleichsam steingewordene Untertänigkeit des ehemals fronhofsgenossenschaftlichen Abhängigkeitsverhältnisses zwischen den zinsenden Bauern und lehnspflichtigen Hintersassen und dem Burgherren in einer Zeit, die natürlich vor der Entwicklung des Ortes zur Stadt liegt. (Die Bauern und Hintersassen wohnten selbstverständlich zuerst am Fuße der Burg oben auf dem Plateau). –

Am nächsten Tage fordere ich gern den Wanderfreund und Sommergast zu einer Tageswanderung auf. Er muß diesmal etwas höher bis über den oberen Steinbruch des Rockelmanns emporklimmen. Ich erzähle ihm bei diesem Aufstieg, daß die beiden Steinbruchblößen im Leib des Berges uralt sind, mindestens so alt wie die Burganlage, denn der Rockelmanngranit wurde hierbei zum Bau verwendet. Uebrigens ist auch der Taufstein der alten Kirche, dessen Cuppa zurzeit im Pfarrgarten liegt, aus demselben Gestein gehauen, neben dem leider ins Dresdner Kunst-Gewerbe-Museum gewanderten, wertvollen Tristantepich (Altarteppich) eines der bedeutungsvollsten Erinnerungszeichen an das alte Schwarzenberger Kirchlein.

Der Blick kann jetzt im weiten Rund von Westen nach Osten bis zum Scheibenberg die im engeren und weiteren Kranze von 600 bis 800 Meter aufsteigenden Höhenzüge und Bergbuckel abtasten, die gleichsam als Muschel für die „Perle“ die Edelfassung darstellen. Das Stadtbild ist jetzt mehr in die Tiefe des Talkessels gebettet. Die essenreiche Neustadt im Nordwesten schaut, industrielles Lebend kündend, etwas gebieterisch, doch nicht unfreundlich ins Bild. Ebenso tut’s rechts vom Schloßturm der große Schornstein der weltberühmten Badewannen-Kraußwerke, dieses machtvollen Vertreters der Blechindustrie in hiesiger Gegend. Der Blick erkennt die zahlreichen, fast nach allen Seiten auslaufenden Neusiedlungen nicht nur an den Neubauten, sondern schlechthin an der heutigen Gesamtstruktur der Stadt, die ihre Glieder weitet und dehnt, die Täler und an Berglehnen entlang.

Eine anschließende Wanderung durch die Stadt wird für den Besucher eine Ergänzung sein für all das, was in der Stadt noch altertümelt. Wir wandern durch das „obere Tor“. Ich weiß nicht, ob es auf Ueberlieferung gegründete Tatsache oder Zufall ist, daß gerade an dieser Stelle der Straße die beiden gegenüberliegenden Häuser der Straße Türme tragen. Wir gehen ein paar Schritte den Rösselberg, jetzt Vorstadtstraße genannt, hinab. Ich vermute bestimmt Stadtmauerspuren in der Grundmauer des alten Malzhauses, dessen Mauerwerk bis 3,40 Meter, also ebenso stark wie der Burgfried der Burg ist. Dann beschauen wir uns den Markt mit seinem ausgefrischtem Gesicht, der aber sonst wie die älteren Straßen der Stadt trotz neuzeitlicher Ein- und Umbauten von braver Biederkeit ist. Durch den engen „Bronngraben“ mit seinem huckligen und buckligen Pflaster gehen wir zum „unteren Tor“. Dieser alte Graben gehörte zum Bollwerk der ursprünglichen Burganlage und schützte die offene Westseite. Ebenso lohnt es sich, die Obergasse mit ihrer noch reichlich unverfälschten Ursprünglichkeit zu durchschreiten. Am Ende steht der „Drahthammer“, das Herrenhaus des alten Kugelhammers. Dieser zeugt in seiner zwar etwas walcklig gewordenen Alterswürde doch wesentlich für den Werdegang wirtschaftlichen Lebens in unserer Stadt, der vom Hammerwerk mit seinem Hammerherrn und seinen Hammerschmieden u den heutigen modernen Fabrikanlagen der Metall-Industrie mit ihren Tausenden von Arbeitern führt. Er deckt ferner die inneren und äußeren Linien der Entwicklung auf; nämlich vom Hammermeister zurück zum Bergmeister, vom Eisenhammerbetrieb zu Bergbau, diesem bedeutungsvollen, bodenständigen Erwerbswert, der als erstes Glied in der Fortentwicklung einen Industriebezirk Schwarzenberg hat entstehen lassen.

Im Kugelhammer ist übrigens Elisabeth Rethberg geboren, die berühmte Weltgröße der Sangeskunst. Der musikbeflissene Wanderer und Erzgebirgsfreund wird gern Kenntnis davon nehmen. Der Pflanzenkundige kann, besonders gut gerade an der ältesten Brücke im Stadtweichbild Schwarzenbergs, eine Seltenheit und Merkwürdigkeit der sächsischen Flora, das „Schwarzenberger Edelweiß“ studieren, die spanische Schneewucherblume, deren Samen um 1850 mit der Rinde der Korkeiche aus Spanien eingewandert ist und sich nur noch an der Brühlschen Terrasse in Dresden befindet. Der Geologe findet in Schwarzenberg in der besonders scharf ausgeprägten Form des Augengneises eine Seltenheit ersten Ranges.

Bleibt zum Schluß nur noch zu sagen, daß die „Perle“ außer ihren Schönheiten des Stadtbildes und der Landschaft auch den Charakter eines gern besuchten Erholungsortes hat. Die Verkehrsverbindungen mit Bahn und Kraftwagen sind günstig; besteht doch zurzeit sogar für Sonntag eine Kraftpostlinie bis nach Karlsbad. Gepflegte Anlagen, die würzige Luft des nahen Waldes, ein idyllisch gelegenes Frei- und Luftbad, die bereits erwähnte Naturbühne, im Winter prächtige Schneehänge, freundliche Gaststätten mit schöner Aussicht, häufige Ballonaufstiege u. a. sind wohl Gründe zu einem längeren Besuche Schwarzenbergs.