Satzung im Erzgebirge

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 20 – Sonntag, den 12. Mai 1929. S. 1 – 2

Oben auf dem Kamm des Erzgebirges, von Marienberg und Annaberg etwa gleich weit entfernt, liegt hart an der böhmischen Grenze Satzung. Umrahmt von großen schwarzen Fichtenwäldern, die sich nach Norden tief in das Tal hinabstrecken, in dem Steinbach liegt, bietet es dem Beschauer ein freundliches Bild. Es darf sich rühmen, am Fuße eines erdkundlich interessanten Berges zu liegen, des Hirtsteins. Hier ist in grauer Vorzeit ein vulkanischer Durchbruch erfolgt und hat Basaltmassen hervorgedrängt, die heute noch in ihrer eigentümlichen Gestalt zu sehen sind. Und von diesem Bergesgipfel aus, der aus freier Hochebene sich nur gering erhebt, bietet sich dem wandernden Beschauer das wundervolle Bild eines großen Teils des oberen Erzgebirges. Wer Glück hat, kann selbst den Auersberg noch sehen. Wer Glück hat! – Denn merkwürdig, oft umgeben dichte Nebelmassen den Hirtstein und sein Dorf. Wenn die Winterstürme einherbrausen und der Frost am Werke ist, dann möchte man dem Fernewohnenden dringend raten, sich Satzungs wundervollen Rauhfrost, der die Vogelbeerbäume zu grotesken Gestalten umformt, die tiefverschneiten, verschwiegenen Waldwege, die sehenswerten Schneewehen von oft beträchtlicher Höhe und den fast vergletscherten Hirtstein zu besehen. – Allzuweit in die Vergangenheit reicht Satzungs Geschichte wohl nicht; wenigstens lassen sich Urkunden nicht über 1538 hinaus finden. Es gibt sonst keinen Anhalt, durch den man auf die Entstehungszeit kommen könnte. Auch der Name führt nicht zum Ziele, wenn man den Geburtstag dieses Dorfes kennen lernen möchte. Wohl zeigt man in Satzung ein Haus, von dem man behauptet, es sei das erste gewesen und reiche bis ins 14. Jahrhundert zurück, aber ein stichhaltiger Beweis läßt sich dafür nicht erbringen. Von Anfang an hat sich aber der Ort nach außen hin seine Eigenart bewahrt und die Bauweise gibt bis heute dem Dorf ein einheitliches Gepräge. Mit Ausnahme eines einzigen Hauses, das vom eigentlichen Häusermassiv etwas abliegt, tragen alle Dächer Schiefer, und das gibt dem Dorfe einen ernsten Charakter. Mit viel Geschick haben die Bewohner von Satzung den Gedenkstein für ihre im Kriege gefallenen Brüder gewählt: ein großer Findling aus dem Walde, geschmückt mit einer Serpentintafel, der die Namen der 63 aufweist, ist in unmittelbarer Nähe des Kircheneingangs errichtet. Daß hier auf ein kunstvoll gemeißeltes Denkmal verzichtet worden ist, das erhöht den Eindruck, den die alte aus dem Jahre 1684 stammende Kirche macht, und stört in keiner Weise das Gesamtbild. Die Kirche, deren Aeußeres unser Bild zeigt, hat eine vorher schon bestandene Kapelle abgelöst. Aus dieser ist nur noch der Taufstein erhalten, der die Jahreszahl 1573 trägt und jetzt den Altarraum der neuen Kirche schmückt. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben die Satzunger ihre Kirche aus Gestein vom benachbarten Hirtstein erbaut. Schlicht und wuchtig, versehen mit einem trutzigen Turm, der wohl erst 1756 vollendet ist, wie es die Jahreszahl am Turmeingang bekundet, erhebt sie sich in der Mitte des oberen Dorfes. Es ist eine einfache Hallenkirche, die in ihrem Altar aus der Barockzeit ein schönes Schmuckstück enthält. Leider hat man die bunte Bemalung einmal übertüncht, sodaß trotz Beseitigung der Tünche die ursprüngliche Farbenschönheit nicht mehr ganz deutlich zum Vorschein gekommen ist. Eine künstlerische Malerhand müßte hier einmal helfend eingreifen. Wer Lust hat, den Turm zu besteigen, der kann die drei nach dem Kriege wieder neu beschafften Bronzeglocken sich anschauen, die auf ihrer Außenseite die Prägung schöner Bilder tragen: die Taufglocke weist eine Taufe auf; die andere trägt auf ihrem Mantel ein Gräberfeld mit Kreuzen und die dritte schmückt der Christbaum. Die Glocken erklingen im Dreiklang, es g b; nur schade, daß das Geläut nicht allzuweit trägt. —

Zeichnung
Die alte Kirche zu Satzung.

Daß das rein evang.-luth. Dorf neben dem röm.-kathol. Grenzland liegt, davon besitzt die Kirche auch ein Zeugnis. Im Jahre 1699 wurde eine evang. Gräfin Eva Polixena von Werschowetz, die man noch vor ihrem Verscheiden in Sobrisag in Böhmen für die katholische Lehre zurückgewinnen wollte, in Satzungs Kirche bestattet. Der Gedenkstein ist gut erhalten neben dem Eingang zur Sakristei angebracht. Drei schöne wertvolle Figuren darf die Satzunger Kirche ihr eigen nennen. Etwa im 17. Jahrhundert muß es einem dörflichen Holzschnitzer gefallen haben, in Lebensgröße eine Marienfigur zu schnitzen, die das Christuskind auf dem Arme hält. Und der Schnitzer hat wohl gewußt, daß Jesus unter den Juden geboren worden ist, denn der Jesusknabe hat ganz den Gesichtszug eines Kindes jüdischer Eltern. Freilich stimmt dazu wieder nicht das Gesicht der Maria; sie hat durchaus germanische Züge. Die Figur ist vor ca. 17 Jahren farbenfreudig wiederhergestellt und schmückt jetzt den kirchlichen Versammlungsraum im Pfarrhause. Ebenfalls sind dort aufgestellt die anscheinend von einer Kreuzigungsgruppe stammenden Figuren: Maria und Johannes. Zweifellos sind diese beiden holzgeschnitzten Figuren älter und wertvoller. Wie diese drei schönen Kunstdenkmäler nach Satzung gekommen sind, darüber läßt sich nichts mehr ausmachen, aber freuen darf sich der Ort, daß er sie besitzt und daß er sie sehen lassen kann. — Satzung und der Hirtstein, es kann das eine ohne den anderen nicht genannt werden; sie beide gehören zusammen. Und wer in der reinen Höhenluft gestanden, in Satzung länger gelebt, die landschaftliche Schönheit im Sommer und im Winter genossen hat, der wird sie beide lieben lernen.

Hn.