(2. Fortsetzung.)
Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 18, 124. Jahrgang, 3. Mai 1931, S. 5 – 6.
Einem glücklichen Umstande verdankte Caspar Prätorius, der gegen das Ende des Dreißigjährigen Krieges als Pfarrer in Cranzahl lebte, seine Rettung vor dem Kerker. Er war, bevor er in das Pfarrhaus in Cranzahl einzog, evangelischer Prediger in Michelsdorf an der böhmischen Grenze. Auch ihm wurde auf Grund des kaiserlichen Reformationspatents entweder die Rückkehr zur katholischen Kirche oder die Auswanderung unter Zurücklassung der ganzen Habe anheimgestellt. Alle Versprechungen seiner Vorgesetzten, die ihn nicht missen wollten, schlug er aus, ebenso ließ er sich durch Drohungen in seinem Glauben nicht irre machen. Als keines der Mittel half, gingen die Inquisitoren daran, den Widerspenstigen zu fangen und ihm den Prozeß zu machen. Doch da er rechtzeitig von dem Vorhaben seiner Feinde unterrichtet wurde, konnte er fliehen. Ein befreundeter Steiger nahm sich seiner an und versteckte ihn auf der Zeche, wo er als Bergmann verkleidet lebte. Aber auch hierher kamen die Späher. Der Steiger wurde einem gefährlichen Kreuzverhör unterworfen, verzog jedoch keine Miene und verriet sich nicht im geringsten. Da ging die Tür auf und Prätorius trat in Bergmannskleidung ein. Alles schien verloren. Schnell und geistesgegenwärtig wandte sich ihm jedoch der Steiger zu, fuhr ihn wie einen Untergebenen mit harten Worten an und verwies ihn mit einem derben Stoß an die Arbeit. Dieses Vorgehen ließ natürlich bei den Suchenden keine Vermutung auskommen, und nichtsahnend zogen sie weiter. Der Pfarrer war gerettet und entkam glücklich über die Grenze.
Was die Pfarrer von Oberwiesenthal anlangt, so sei hier vor allen Dingen Johann von Hof erwähnt, der, nachdem er in Buchholz Rektor und später Diakonus gewesen war, 1565 in Wiesenthal Pfarrer wurde. Aus seiner Zeit wird berichtet, daß im Winter 1567/68 während der Monate Dezember und Januar eine so warme Witterung gewesen sei, daß die Leute Gras von den Wiesen holen konnten. – Einer Ketten von Drangsalen glich die Amtszeit des Pfarrers Heinrich Ryhle, der erst Schulmeister, dann Pfarrsubstitut und später Pfarrer bis zu seinem Hinscheiden 1641 war. 1599 riß die rote Ruhr gewaltige Lücken in seine Gemeinde, 1612 wütete im Orte eine pestartige Seuche, gleichzeitig trat ein so mächtiger Schneefall ein, daß sich die Leute aus den Häusern herausgraben mußten; 1625 und 1626 hauste wiederum der schwarze Tod unter den Einwohnern. Dieses große Sterben wiederholte sich 1633, und zwar in so großem Ausmaße, daß viele Bürger die Stadt verließen und nach dem Schönjungferngrund zogen, um dort vorübergehend in Hütten zu wohnen. Daher soll der Name des Hüttenbachs stammen. Am 27. September 1633 starb auch des Stadtrichters Tochter, Maria Neßler. Sie war jedoch nur scheintot und wurde während der Beisetzung wieder lebendig. Trotz der großen Seuchen und der Schrecken des Krieges sind die überlebenden Einwohner sehr alt geworden. Viele haben das 80., 90., ja sogar 100. Lebensjahr erreicht. Ryhle selbst starb als Greis von 75 Jahren, nachdem er das Pfarramt 45 Jahre lang verwaltet hatte. – Den gleichen schweren Prüfungen war der Nachfolger Ryhles, Mag. Peter Adam Diez aus Feldau, unterworfen. Zuerst gehörte er den Franziskanermönchen an. 1637 hielt er dann in Leipzig seine erste evangelische Predigt. In Wiesenthal zog er 1641 ein und blieb dort bis zu seinem Tode 1677. Während seiner 36jährigen Tätigkeit ereigneten sich mancherlei Unglücksfälle, die einschneidend auf das Leben in der Gemeinde einwirkten. Im August 1661 entstand ein Hochwasser, das alle drei Teiche, die Hammerwerke, Mühlen, Brücken und Wehre zerstörte und das ganze Tal in einen See verwandelte, so daß das Wasser zwei Ellen hoch in den Häusern stand. 1664 brachten die aus Ungarn und aus dem Türkenkriege zurückkehrenden Soldaten die sogenannte ungarische Krankheit mit, von der viele Einwohner dahingerafft wurden. Ein Jahrzehnt darauf (1676–78) ließen sich in der Umgebung von Wiesenthal sehr viele Wölfe und Bären blicken und richteten unter dem weidenden Vieh großen Schaden an. Von Diez selbst wird mitgeteilt, daß er eine ungewöhnliche Leibesfülle und kolossale Körperkräfte besessen haben soll, so daß es ihm ein leichtes gewesen sei, Lasten von 5 bis 7 Zentnern zu heben. Auch ein Sohn Heinrich Ryhles, David Ryhle, war 43 Jahre Seelsorger in Wiesenthal. 23 Jahre hindurch bekleidete er die Stelle eines Diakonus und von 1699 an die des Pfarrers. Er errichtete 1691 eine Mädchenschule, an der auch der Kirchner Unterricht erteilte. Der Ort erlebte im Winter 1693 einen ungeheuren Kälte- und Schneeinbruch, der von Anfang Dezember bis Ende Januar vielen Menschen den Tod des Erfrierens brachte. Der Schnee lag so hoch, daß er verschiedene Häuser völlig überdeckte und eindrückte. In den Gassen erreichte er eine Höhe von 6–7 Ellen. Man mußte, um zur Haustüre zu gelangen, 6–9 Stufen in den Schnee und das Eis hinabsteigen.

Pfarrer Albinus Weigel waltete bis 1659 in Crottendorf seines Amtes. Ihn traf, wie seinen Amtsvorgänger, ein Brandunglück, das, vom Blitzschlag verursacht, die Pfarre am 2. Juli 1648 zerstörte. Der Pfarrer war gerade mit seinen Kindern beim Gebet und wurde des Brandes nicht gewahr. Als sie von einer Magd auf die Gefahr aufmerksam gemacht wurden, stand das Haus bereits vollkommen in Flammen. Alles fiel ihnen zum Opfer. Nur die Stube, in der der Pfarrer betete, blieb erhalten.
Aus der Reihe der Pfarrer von Schlettau hatte Mag. Wolfgang Held ein besonders ungünstiges Geschick. 1571 bekleidete er in Annaberg die Stelle eines Rektors, 1576 die des Bergpredigers. Als solcher unterschrieb er auch die formula Concordiae, die die tiefere lutherische Abendmahlslehre gegen die leichtere kalvinistische verteidigte. Im Jahre 1580 wurde er als Superintendent nach Zwickau berufen, wo er sich nicht lange halten konnte, da man in ihm einen Kalvinisten sah. Held mußte in aller Heimlichkeit vor den empörten Bürgern fliehen und kam daraufhin durch die Empfehlung des Bürgermeisters Arenberger nach Schlettau. Er starb 1600. – Die Aufzeichnungen des Pfarrers Johann Uhlig aus Frankenberg, der von 1614 bis zu seinem Tode im Jahre 1655 Pfarrer in Schlettau war, bergen insofern eine Fülle von bemerkenswerten Ereignissen, als sie aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stammen, in dessen Verlauf der Stadt Schlettau unglaubliche Schrecknisse zu durchleben hatte. Denken wir an die pestartige Seuche, die von 1632 bis 1634 in unverminderter Heftigkeit wütete und ganze Familien vernichtete. Wie es heißt, sollen in diesen Jahren einmal drei Leichen vorerst wochenlang in den Häusern liegen geblieben sein. Als sich endlich ein paar beherzte Männer fanden und die Toten bei Nacht und Nebel auf den Friedhof schafften, war wieder niemand da, der sie unter die Erde brachte, denn die Seuche hatte im Hause des Totengräbers Einkehr gehalten und diesen mit Frau und Kindern hinweggerafft. Um diese Zeit sollen in Schlettau nur etwa 19 Ehepaare gelebt haben. Bei einem feindlichen Einfall um Weihnachten 1632 gingen die Kirchenbücher verloren. Zwei Jahre später fand man sie jedoch mit Ausnahme des Taufregisters wieder. Auch in den folgenden Jahren bei immer wiederkehrenden Truppendurchzügen fielen verschiedene Kirchenbücher der Vernichtung anheim. Soweit es möglich war, suchte man sie dann zu ergänzen. Der Besuch des schwedischen General Wrangel, der für längere Zeit in Schlettau Quartier nahm, ist von Uhlig aufgezeichnet worden. Bei einer Reparatur des Turmknopfes 1649 fand man drei Pfeilspitzen aus den Hussitenkriegen des 15. Jahrhunderts, die sich in die Geschichte Schlettaus mit besonders blutiger Feder eingezeichnet haben, vor. – Ein recht bewegtes Leben führte auch Pfarrer Johann Samson. Bis 1648 war er Franziskanermönch und ein eifriger Verfechter der katholischen Kirche, für die er in Trier, Münster, Köln, Wien und Breslau predigte. Erst mit dem Ende des Krieges wandte er sich der evangelischen Glaubenslehre zu und wurde Pfarrer in Schlettau. In seine ersten Amtsjahre fiel der große Brand am 12. November 1659, der im Malzhaus auskam und 14 Häuser einäscherte. Samson hat im Totenregister unterm 24. Februar 1666 die älteste Nachricht über die geistlichen Gebühren bei Begräbnissen hinterlassen und 1670 zu sieben Trauungen und 27 Beerdigungen die schier unglaubliche Zahl von 10.105 Teilnehmern angegeben. Der verdienstvolle Pfarrer ging am 10. Dezember 1672 zur ewigen Ruhe ein. – Eine ganze Reihe von Hab und Gut vernichtenden Bränden kennzeichnete die Amtsperiode des Pfarrers Mag. Andreas Vogler aus Zwickau. 1698 schlug der Blitz in das sogenannte „Reuterhaus“ und ließ es nebst den übrigen Schloßgebäuden in Flammen aufgehen. Am 15. März 1700, abends, legte eine ausgebrochene Feuersbrunst die ganze Stadt mit Ausnahme der Kirche, des Rathauses und der 26 Scheunen vor dem Elterleiner Tor in Asche, während am 18. August 1708 der Blitz in den Kirchturm einschlug und diesen und die Pfarre verzehrte, so daß sich der Pfarrer gezwungen sah, nach Walthersdorf zu ziehen. Dort starb er auch am 17. Februar 1709. – Unter Pfarrer Johann Christoph Schmidt aus Chemnitz, der fast 20 Jahre in Schlettau wirkte, begann 1710 der Neubau des Turmes, der auch 1723 beendet und geweiht wurde. Bemerkenswert ist, daß in diese Jahre auch die Einführung der Kartoffel im Obererzgebirge fällt. Der Schlettauer Oberforstmeister von Beulwitz brachte die ersten „Vogtländischen Knollen“ – so wurde die Kartoffel damals genannt – von seinen Gütern mit nach Schlettau, das also der Ausgangspunkt des Kartoffelanbaues im Obererzgebirge wurde. – Unter den Pfarrern von Schlettau darf vor allen Dingen Johann Gottlieb Ziehnert nicht vergessen werden. Von Quohren bei Kreischa aus, wo er 1780 geboren wurde, wandte er sich nach Leipzig zum Studium der Theologie. Nach einer längeren Tätigkeit in Königsbrück und Großenhain kam er 1828 als Pfarrer nach Schlettau. Ziehnert war sehr rege in der Erforschung von bemerkenswerten historischen Momenten unserer Heimat, insbesondere verlegte er sich auf die Zusammenstellung einer Kirchen- und Schulchronik. Seine diesbezüglichen Ergebnisse faßte er in dem 1839 erschienenen Buche „Kleine Kirchen- und Schulchronik der Ephorie Annaberg und Grünstädtel“ zusammen. Der mühevollen Arbeit verdanken wir heute viele Pfade durch den dunklen Wald unserer Heimatgeschichte. Johann Gottlieb Ziehnert emeritierte in Schlettau. Des verdienten Ruhestandes konnte er sich jedoch nicht lange erfreuen, denn nach 5 Jahren verstarb er 76 Jahre alt. – In Possendorf-Kreischa ist die Familie Ziehnert auch heute noch ansässig, desgleichen auch in verschiedenen anderen Orten des Erzgebirges, so in der Umgebung von Kühnhaide und Reitzenhain. Das 1850 verlegte Buch „Sächsische Volkssagen, Balladen, Romanzen und Legenden“ schrieb Widar Ziehnert, ein weitläufiger Verwandter des Pfarrers Ziehnert in Schlettau.