In der Drachenhöhle zu Syrau.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 35 – Sonntag, den 24. August 1930, S. 2 – 3.

„Vogtland, meine Heimat, wie bis du so schön!“ singt begeistert der Dichter. Sanftwellige Höhenzüge, die allmählich zum Gebirge ansteigen, stille, weitausgedehnte, blau-grüne Fichtenwälder, herrliche Fernblicke von Bergeshöh, wildromantische, von rauschenden Flüssen durchzogene Täler, lieblich gelegene Städte und Dörfer, das sind die Schönheiten des Vogtlandes, das sich im Südwesten des Freistaates Sachsen erstreckt. Das köstlichste Kleinod aber von all den vielen Sehenswürdigkeiten ist die im Jahre 1928 entdeckte Drachenhöhle zu Syrau. Wilde Felsbildungen, zerklüftete Schluchten, chaotische Steintrümmerfelder, reizvolle, einzigartige Tropfsteinbildungen, dunkle, träumende Seen mit wundervollen Spiegelungen, wie von Künstlerhand geformte Höhlenlehmbildungen zeigen sich dem erstaunenden Auge im Märchenreich der Tiefe dort. Auf leicht gangbaren Stegen und Treppen, von elektrischen Lampen und Scheinwerfern umsprüht, bietet eine Besichtigung eine reiche Fülle prächtiger Bilder. Die Drachenhöhle gehört zu den schönsten und am besten ausgebauten Schauhöhlen Deutschlands. Ihren Namen verdankt die Höhle einer alten Sage. Auf dem nahen Windmühlenberge hauste einst ein gewaltiger Drache, der die ganze Umgegend unsicher machte und Menschen wie Tiere verschlang, die in seine Nähe kamen. Lange Zeit konnten sich die Einwohner vor dem Untier schützen, indem sie ihm wöchentlich ein Rind oder ein paar Schafe zum Fraße gaben. Zuletzt aber war alles Vieh aus den Ställen verschwunden. – Was nun? In größter Not beschloß man, ein Einwohner nach dem anderen sollte versuchen, das Ungeheuer zu töten. Das Los traf die schöne Tochter des Syrauer Müllers, sein einziges Kind. Um all dem Jammer ein Ende zu machen, der dadurch über die Familie gekommen war, entschloß sich der wackere Mühlknecht, den Kampf mit dem Lindwurm zu wagen. Mit einer Heugabel zog er hinaus, von den besten Wünschen der gesamten Gemeinde begleitet. Nur gar zu bald kam ihm der Drache wutschnaubend entgegen. Mit beiden Händen stieß der tapfere Bursche dem greulichen Wurm die Gabel tief in den Leib, daß er tot hinsank. Mit großer Freude wurde der Retter im Dorfe begrüßt. Später errichtete man auf dem Lindwurmberge eine Kapelle, die Jahrhunderte stand, dann aber zerfiel. Ihre Glocke – mit der Aufschrift: hilf her got uns aus not – hängt heute im Kirchturm zu Syrau. Ein Sinterblock am Höhleneingang, der einem Drachenkopf gleicht, gab nun Veranlassung, dem Höhlenlabyrinth den Namen Drachenhöhle zu geben.

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Die Gardinen.

Die sogenannte „Walhalla“ bietet in der Höhle ein einzigartiges Bild durch ihre Ausmaße und räumliche Gliederung. Tageshell ist der große „Festsaal“ von 40 m Gesamtlänge erleuchtet. Das durch zahlreiche Spalten und Risse zugeführte Sickerwasser formte hier sämtliche Tropfsteingebilde vom feinsten Röhrchen bis zu massig entwickelten und vielgestaltigen Kaskaden. Ganz einzigartig aber sind zwei große, bis 2.50 m lange und völlig freihängende Sintervorhänge, die als „Syrauer Gardinen“ (unser Bild) den Ruf der Drachenhöhle wesentlich mit verbreitet und wohl begründet haben. Sie verdanken ihre Entstehung den durch Deckensturz entstandenen schrägen Abrißflächen. Das hier aus Spältchen austretende Wasser tropft nicht sogleich ab, sondern rinnt an der Wandfläche herab und ruft durch Kalzitabscheidung die Entstehung zunächst schmaler Sinterleisten mit fransigem Rand hervor. Aus diesen entwickelt sich schließlich durch ungleichmäßigen Absatz des wandernden Tropfens die Anlage des erstaunlich schönen Faltenwurfes der stetig weiter wachsenden Gardine.