Eine Kindheitserinnerung.
Illustrierte Wochenbeilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Sonntag, den 23. Juni 2029. S. 3
Wer heute in stockdunkler Nacht durch unsre Stadt geht, findet die wichtigsten Straßen und Plätze durch Bogenlampen fast taghell erleuchtet. Dem war nicht immer so. In früheren Zeiten lief selbst der nüchternste Bürger Gefahr, seine Mitmenschen und vorspringende Hausecken anzurennen oder Straßendämme hinabzukollern. Die paar „Oelfunzeln” mit ihrer schwachen Leuchtkraft versahen nur mangelhaft ihren Dienst. Freudig begrüßte man darum in den 70er Jahren die Einführung von Gaslaternen, deren Schnittbrenner freilich auch nur mattes Licht spendeten. Aber es war doch ein Fortschritt.
Vor 60 Jahren nun waltete seines Amtes als Laternenanzünder ein gewisser Eduard Mann, eines Bauers Sohn. Ausgerüstet mit einer Stange, an der sich oben ein Haken zum Oeffnen des Gashahns und eine Hülse befand, aus der ein Licht zum Anzünden hervorgeschoben werden konnte, ging er Nachts den Weg der Pflicht.
Eines Abends bemerkten Vorübergehende, daß er feuchte Augen hatte. Seine Frau, eine geborene Rebentisch, war dem Kindbettfieber erlegen, einer damals gefürchteten Krankheit, der leider manche Mutter zum Opfer fiel. Wahrscheinlich mangelte es an der nötigen Pflege. Zudem hatten die Leute eine Scheu vor dem Arzte, der ja bezahlt werden mußte, und selbst die ärztliche Kunst versagte nicht selten in solchem Falle.
Eduard Mann ließ seine Frau, wie es die Sitte heischte, als Wöchnerin im weißen Nachtkleide aufbahren und begraben. Zu der Trauer um die Heimgegangene gesellte sich aber eine Angst, die dem unglaublich törichten Aberglauben jener Zeit entsprang. Es hieß, daß verstorbene Wöchnerinnen während der Nacht als Geister umgehen und jedem Tod bringen, der ihrer ansichtig wird.
Des Witwers Seele wurde von Pein und Unruhe jämmerlich gequält. Und eines Nachts geschah das Grauenvolle: Als die letzte Laterne erloschen war, kam vom Waldrande her eine weiße Gestalt auf ihn zu. Das war seine Frau, er hatte sie ganz deutlich erkannt. Entsetzen packte ihn. Er lief heim, so schnell ihn seine zitternden Beine tragen konnten, und legte sich nieder, um nicht wieder aufzustehen.
* * *
Das „Felsenschlößchen” am Waldeingang war zu dieser Zeit im Besitze der Familie Hillig. Der Kegelschub dröhnte bis in die späte Nacht wider vom Anprall der Kugeln an Kegel und Rückwandpfosten. Als Kegeljunge verdiente sich der 12jährige Langer-Emil sein Abendbrot und einen bescheidenen Lohn. Es kam nicht selten vor, daß der Junge erst um Mitternacht die nahe Behausung aufsuchen konnte.
Wieder war eines Nachts die Geisterstunde angebrochen. Emil stand auf dem Antritt und hatte schon den Fuß auf die erste Treppenstufe gesetzt, da – ja, was kam denn da den Waldrand hergeschlichen? Wenn das kein Geist war, dann gab es überhaupt keine Gespenster. Denn wer läuft um Mitternacht im weißen Gewand im Wald einher? Emil war ein beherzter Junge. Die weiße Gestalt sollte ihn auf seinem Nachhausewege nicht ängstigen. Sie mußte zur Umkehr gezwungen werden.
Ein Stein war rasch gefunden, und im nächsten Augenblick schon sauste dieser durch die Nachtluft, der unheimlichen Erscheinung entgegen. Diese schien unverwundbar zu sein, denn sie kam näher und näher. Emil hielt schon den Drücker der Tür in der Hand, als eine Stimme, die aber bestimmt keine Geisterstimme war, rief: „Emil, bis du’s? Weßt du eper, wie spet ‘s is?”
Der Junge hatte sich von seinem Schrecken erholt. Er erkannte an der Stimme eine Nachbarsfrau, gab Bescheid und ging dann mit ihr nach Hause.
Mit der Nachbarsfrau hatte es aber seine besondere Bewandtnis. Sie stand als Nachtwandlerin mit weißer Nachtjacke und weißem Unterrock in üblem Ruf. Das Volk ächtete sie, indem es ihr den häßlichen Schimpfnamen „Sauwaldbatzen” anhängte. —
Wie oft mag törichter Aberglaube den Menschen schon zum Verhängnis geworden sein?
(Mitgeteilt von H. Emil Langer.)