Das Segelfliegen im Erzgebirge.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 12, 124. Jahrgang, 22. März 1931, S. 1 – 2.

Woraus erklärt sich die Tatsache, daß wir Deutsche im Gleit- und Segelflug aller Welt voraus sind? Einzig und allein aus der Not um die deutsche Luftfahrt. Hatte man uns doch nach dem Kriege die Motorfliegerei zunächst vollkommen verboten. Aus der Härte dieses Verbotes heraus wurde der hehre Gedanke des Segelfluges geboren. In seinen Anfängen war er also lediglich Ersatzmittel für den Motorflug.

Bald aber stellte sich heraus, daß diesem Ersatzmittel ein innerer Wert eigen ist, der den Betrieb des Segelfluges als solchen rechtfertigte. Fürs erste entsprach er dem modernen Drang unserer Jugend, die Idee des mythischen Ikaros-Fluges nach der Seite technischen Könnens und Verstehens zu erweitern. Die Praxis des Segelfliegens lehrte außerdem, daß der Gleit- und Segelflug eine ganz besondere Bedeutung durch die Erziehung des jungen Menschen zum Mutigsein besitzt. So ist nichts Wunderliches daran, wenn dieser neuzeitliche Sport vornehmlich die tapfersten Jungen und Mädchen anzieht. Ein schönes und erfreuliches Zeichen für die körperliche und geistige Gesundheit unserer deutschen Jugend sieht man darin, wenn sich Tausende von jungen Deutschen gefunden haben, die diesen Mut erheischenden Sport ausüben. Die Segelfliegerei hat jedoch auch noch eine sachliche Bedeutung, nämlich die Unterstützung der Wissenschaft. Das Segelflugzeug ist heute ein Forschungsmittel für die Wissenschaft der gesamten Fliegerei geworden.

Herausgestellt hat sich ferner, daß der Gleit- und Segelflug den Kreis derer vergrößert, die an der gesamten Fliegerei im deutschen Volke Interesse nehmen. Je größer die Zahl der Luftfahrtinteressenten ist, um so mehr wächst die Bedeutung der Fliegerei auch für die deutsche Wirtschaft, für Luftverkehr und Luftfahrtindustrie; denn gerade für die Luftfahrtindustrie ist es angesichts des Fehlens des fiskalischen Bedarfs an Flugzeugen von großer Wichtigkeit, wenn der Flugsport immer mehr um sich greift und infolgedessen eine private Nachfrage nach Apparaten schafft. – Welch außerordentliche sportliche Leistungen schon auf dem Gebiete des Segelfluges in Deutschland zu verzeichnen sind, ergeben am besten die großen Flüge bekannter deutscher Segelflugmeister im Höhen- und Streckenflug. Und bei all dem stehen wir in Deutschland noch in den Anfängen der Bewegung.

Die Anfänge des schulmäßigen Gleit- und Segelflugsportes in Sachsen sind am Pöhlberg zu suchen, wo der Verein für Luftfahrt und Flugwesen Annaberg und Umg. bereits am 1. November 1925 ein Gleitflugzeug auf den Namen „Pöhlberg“ taufte und in den Dienst der Sache stellte. Da sich das Pöhlberggelände für die Ausübung des Segelfliegens ganz besonders eignete, war sogar die Errichtung einer Segelfliegerschule geplant. Leider wurden die glücklichen und erfolgreichen Anfänge durch jähe Rückschläge, u. a. durch das Zubruchgehen des vereinseigenen Flugzeuges, den Brand des Flugzeugschuppens am Pöhlberg, dem private Segelflugzeuge zum Opfer fielen, gestört.

Die Nachfolgeschaft auf diesem von Segelfliegerkreisen Annabergs beschrittenen Weg trat durch das Schicksal begünstigt Schwarzenberg an, wo die Sachsengruppe des Deutschen Luftfahrt-Verbandes e. V. eine Segelfliegerschule errichtete. Die Schule befindet sich auf dem Gelände der Gemeinde Pöhla i. Erzgeb. und besitzt einen Tagesaufenthaltsraum, geräumige Werkstatt mit entsprechender Einrichtung, Lehrer- und Schlafraum mit 30 Betten. Die beigefügten Bilder hat uns die Segelfliegerei freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Sie zeigen das Leben in und um die Schule und liefern einen schönen Beweis für das Vorwärtsstreben der deutschen Jugend, die in Geist und Willen die Fähigkeit besitzt, aus den gegebenen primitiven und beschränkten Mitteln heraus alle Schranken überwindend zu der erhabenen segelfliegerischen Größe eines Schulz, Kronfeld und Hirth aufzusteigen.

Unter der Leitung des Deutschen Luftfahrt-Verbandes bestehen nunmehr in Deutschland bereits 23 derartige über das ganze Reich zerstreute Übhungsstellen, wo der Gleit- und Segelflug praktisch und systematisch betrieben wird.