Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt Nr. 22, 124. Jahrgang, 31. Mai 1931, S. 1 – 2.
Das katholische Trinitatisfest bis zum Jahre 1539.
Der Gottesacker der Stadt Annaberg war bekanntlich im Jahre 1517 der heiligen Dreieinigkeit geweiht und, was das Wesentlichste war, zu einem heiligen Felde erklärt worden. Solange also die Christenmenschen des Obererzgebirges noch katholischen Glaubens waren, galt der Annaberger Friedhof zur Feier des Trinitatisfestes eben seiner heiligen Erde wegen als vielbesuchter Wallfahrtsort.
Ueber die Entstehung dieser Festfeier erzählt uns die Geschichte folgendes:
Herzog Georg der Bärtige, der damalige Landesherr und Erbauer der Bergstadt Annaberg, suchte zusammen mit dem Rat der Stadt und der Geistlichkeit beim Papst Leo X. darum nach, dem hiesigen Gottesacker durch Bestreuung mit Erde vom heiligen Felde, dem Campo Santo, in Rom eine besondere Weihe geben zu dürfen. Der kursächsische Agent am päpstlichen Hofe in Rom, Carl von Miltitz, ein Jahr später durch sein Gespräch mit Luther in Altenburg bekannt geworden, erlangte zusammen mit Dr. jur. Nicolaus von Hermersdorf am 5. Juni 1517 die Gewährung des gestellten Gesuches. Durch eine besondere Bulle verordnete der Papst, daß der mit dieser heiligen Erde bestreute Gottesacker zu Annaberg denselben Segen zu spenden vermag, wie das Campo Santo in Rom. Es sollte demnach jedem hier begrabenen, der reuevoll und mit dem Bekenntnis seiner Sünden gestorben, völlige Sündenvergebung zuteil werden. Außerdem war allen, die eine Wallfahrt nach dem Friedhof in Annaberg unternehmen würden, vollständiger Ablaß (Sündenerlaß) zugesichert worden. Am 25. August 1517 wurde den beiden sächsischen Gesandten von den Vorstehern des Marienhospitals in Rom, dessen Eigentum das Campo Santo war, heilige Erde gegen eine Spende von 4 blanken Dukaten und das Versprechen, jährlich ein Almosen an das Hospital zu schicken, ausgehändigt. Ein päpstlicher Transsumpt (Uebertragungserklärung) vom 27. August 1517 übertrug die dem Campo Santo erteilten Privilegien und Indulgentien (Ablässe) mit der auszustreuenden heiligen Erde auf das Annaberger Hospital und den Friedhof.
Nachdem die Geschäfte und umfangreichen Formalitäten in Rom erledigt waren, kehrte Nikolaus von Hermersdorf mit der in einer kleinen Truhe untergebrachten heiligen Erde und den dazugehörigen Urkunden heim. Der Bischof von Meißen, Johann VI. von Schleinitz, erkannte die empfangene päpstliche Gnade als zu Recht bestehend durch seine Approbation vom 12. Dezember 1517 an. Da er jedoch am 4. April des folgenden Jahres verstarb, zog sich die Weihe und Bestreuung des Friedhofes bis in den Herbst des Jahres 1519 hinaus. Am 27. Oktober 1519 vollzog Bischof Johann der VII. von Meißen in Gegenwart des Landesherrn, Herzog Georg dem Bärtigen, und dessen Sohn Johann die Feier mit großem Gepränge, jedoch bei trübem und nebligem Wetter. Die Bestreuung mit heiliger Erde erfolgte Tags darauf, am 28. Oktober 1519, einem Freitag. Der Chronist schildert diesen Akt als besonders feierlich und erhebend.
Es war am Tage Simon Judäe, früh 7 Uhr. Feuchtkalter Nebel umwogte den St. Annenturm, als eine prunkvolle Prozession sich von der Annenkirche aus nach dem Gottesacker bewegte. Unter den zahlreichen Teilnehmern sah man die fürstlichen Gäste, Herzog Georg den Bärtigen, seinen Sohn Johann und den Bischof von Meißen neben großem Gefolge. Karl von Miltitz trug die päpstliche Gnadenbulle, Nikolaus von Hermersdorf die Truhe mit der heiligen Erde. Von einer riesigen Volksmenge aus nah und fern begleitet, kam der Zug der hohen und höchsten Würdenträger und Beamten auf dem Friedhof an, wo unter dem Kreuz ein geschmückter Altar stand, auf den die päpstliche Bulle niedergelegt wurde. Die Truhe stellte man daneben auf einen schwarzbehangenen Tisch. Mit dem der katholischen Kirche ganz besonders eigenen feierlichen Zermoniell begann die Weihe. Der Bischof zelebrierte, unterdessen teilte ein Priester die heilige Erde in fünf Becken. In jeder der vier Ecken des Friedhofes nahm ein Priester mit einem Becken Platz. Unter Gebet und Gesang überschritten diese nacheinander den Gottesacker, streuten die heilige Erde aus, benetzten sie mit Weihwasser und räucherten mit Weihrauch. Schließlich verfuhr der Bischof in gleicher Weise wie die Priester mit dem Erdreich aus dem fünften Becken. Das Te Deum laudamus und der bischöfliche Segen beschloß den Akt. Die Umwandlung des Friedhofes in ein heiliges Feld war somit vollzogen. Der Lehrer Herzog Georgs, Dr. Paul Schüller, legte dem anwesenden Volke nunmehr die päpstliche Bulle aus, indem er ihm „die große päpstliche Gnade und den verheißenden Ablaß“ verkündete. Anschließend versammelte sich die Menge der Zuschauer in der St. Annenkirche, wo ein Hochamt die Feierlichkeit beendete.
Friedhof und Hospitalkirche waren also der heiligen Dreieinigkeit geweiht, und so wurde vom Jahre 1520 das Trinitatisfest der große Wallfahrtstag aller Obererzgebirger nach Annaberg und dem so reich begnadeten Annaberger Gottesacker, wo alljährlich Hochamt und Ablaß gespendet wurden. Auf dem freien Platz vor der Hospitalkirche entwickelte sich dann auch die Begleiterscheinung eines Volkszusammentreffens, das rege Messetreiben, wie es auch heute noch in allen Wallfahrtsorten der Fall ist, wo den körperlichen und geistigen Bedürfnissen der zur Andacht herbeigeeilten Menge gleich Rechnung getragen werden kann. Dieser Dreieinigkeitsmarkt ist der Ursprung unserer „Kät“ (von Dreieinigkeit). Das Trinitatisfest war also zur katholischen Zeit vor 1539 für die obererzgebirgische Bevölkerung von hervorragender Bedeutung, und jeder gläubige Christ unter unseren Vorfahren wird es sich nicht versagt haben, an diesem Tag den Weg nach der Bergstadt zu nehmen, um dort den Sündenerlaß zu erhalten und seine Gelübde zu erneuern.
Das evangelische Trinitatisfest in Annaberg.
Als Herzog Georg das Zeitliche gesegnet hatte und am 4. Mai 1539, am Sonntag Cantate, die Reformation in Annaberg, nachdem sie ringsum schon seit mehreren Jahren eingeführt worden war, Eingang fand, verlor das Trinitatisfest seinen bisherigen römisch-katholischen Charakter, die auf der Lehre vom Fegefeuer und dem Ablaß beruhende Bedeutung, und ward zur Totenfeier der Kirchgemeinde im evangelischen Sinne. Seitdem besucht man den Gottesacker an diesem Tage vor allen Dingen deshalb, um der Toten zu gedenken, ihre Ruhestätten mit Blumen und Kränzen zu schmücken. Wie ein großer blühender Garten breitet sich dann das Totenfeld unter dem jungen Frühlingshimmel aus und mildert einerseits durch seinen freundlichen Anblick, seine sanfte Ruhe und die daraus ersprießende Hoffnung auf ein Wiedersehen den Schmerz derer, die einen geliebten Toten betrauern, während andererseits sein Eindruck auf den Unbeteiligten in der Mahnung an die Vergänglichkeit und die Trennung nicht fehlt.
An die Stelle der früheren katholischen Gebräuche ist seit dem Jahre 1539 der evangelische Gottesdienst getreten. Bis 1684 wurde die Trinitatispredigt vom Fuß des Kreuzes aus gehalten. Die Zuhörer saßen und standen zwischen den Gräbern und in den Gängen um den Prediger. Im erwähnten Jahre erbaute man die Hospitalkirche und brachte an deren nach dem Friedhof gelegenen Seite eine besondere Kanzel an. Die Zuhörer standen jetzt vor dem Prediger im Grünen und der Hohe Rat und die Vornehmsten der Stadt saßen unter der großen Linde auf Stühlen. Bei ungünstiger Witterung fand die Feier in der Hospitalkirche statt. Auch an der 1829 errichteten Hospitalkirche wurde eine Kanzel angebaut, vor der sich auch heute noch die Andächtigen zur Trinitatisfeier sammeln.
Wie bereits erwähnt, war mit dem Trinitatisfest schon zur katholischen Zeit Annabergs ein Markt verbunden, der die verschiedensten Unterhaltungen und Sehenswürdigkeiten für jung und alt bot. Es gab auch besondere für das Fest angefertigte Eßwaren, unter denen der „Fössel- oder Fesselkuchen“, eine Art Pfefferkuchen, eine große Rolle spielte. Das Rezept dieses Gebäcks ist uns von unseren Vorfahren überliefert worden, und wir wissen diesen wohlschmeckenden Festtagskuchen schließlich genau so zu schätzen, wie die Annaberger und Obererzgebirger vor 400 Jahren.
Aus dem Trinitatisfeste, das heute noch als Annaberger Totengedächtnisfeier besteht, erwuchs die Kät, die einen besonders für sie errichteten Platz beansprucht und sich im Laufe der Jahrhunderte aus einer Wallfahrtsmesse zu einem Vergnügungs- und Wirtschaftsmarkt von weitreichendem Ruf für das ganze Obererzgebirge entwickelt hat.
P.