Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 133. Jahrgang Nr. 6 vom 4. Februar 1940. S. 1.
In den kalten Tagen dieses Kriegswinters tasten sich die Gedanken immer wieder rückwärts und suchen in der Erinnerung nach einer ähnlich langanhaltenden Schneedecke. Vielleicht haben wir in den letzten Jahren zu oft gelästert: es gibt keinen richtigen Winter mehr im Obererzgebirge. Und nun wir ihn haben, möchten wir ihn gern wieder los sein, denn er frißt gewaltig viel Kohlen. Das ist schließlich nicht unbedingt notwendig. Im Krieg können wir die Kohlen zu wichtigeren Zwecken gebrauchen. Vorläufig müssen wir uns damit abfinden, daß es so viel Schnee und Kälte gibt, wie z. B. anno 1905. Zur Jahreswende kündigte sich dieser Winter, wie wir in dem alten Jahrgang unserer Zeitung lesen, mit einem unbändigen Sturm an, der von Blitz und Donner begleitet war. Nach Regenwetter trat Kälte und starker Schneefall ein. Das Thermometer sank auf -18°C. Eine dicke Schneedecke gab eine glänzende Schlittenbahn, von der am Hohneujahrstag ausgiebiger Gebrauch gemacht wurde. Von einer wahren Völkerwanderung nach dem Pöhlberg berichtet die Montagsausgabe des „Annaberger Wochenblattes“ vom 9. Februar. Zwar hatte man versucht, einen gangbaren Weg für Fußgänger zu schaffen, doch ein Schneesturm hatte noch am Sonnabend so vieles wieder verweht, „daß die ersten 50 Prozent der fröhlichen Wintertouristen ordentlich Bahne sappen mußten. Auch dann gings nur im Gänsemarsch und das Ausweichen der größeren und kleineren Trupps auf dem schmalen Pfade war oft mit Schwierigkeiten, jedenfalls aber immer mit viel Spaß und Gelächter verbunden. Die landschaftlichen Genüsse der Winterwanderer jedoch sind kaum zu beschreiben, da der Schnee und Wind höchst eigenartige Gebilde hervorgebracht haben, die sich im Glanz der Sonne besonders schön ausnahmen. Der Himmel prangte dabei in einem wunderbar tiefen Blau. Der Andrang am Turmhause war so groß, daß es die Erquickungsdurstigen zeitweise nicht alle fassen konnte.“ Das Unterkunftshaus auf dem Pöhlberg hatte damals allerdings nur einen kleinen Gastraum. Zu seiner Füllung gehörten also noch gar nicht einmal so viel Menschen. Aber vor 35 Jahren war man auch längst noch nicht so abgehärtet, sportfreudig und wanderfroh, wie heute, trotzdem man damals als besonderen Anziehungspunkt unserer heimischen Berge gerade die Hörnerschlittenabfahrten eingeführt hatte. Die Hörnerschlittenbahn vom Pöhlberg führte von der Sandgrube aus über die Felder nach der Schützenhauswiese und war für die Benutzung der Rodelschlitten gesperrt.
Am 2. Februar stand die Temperatur wenig unter Null, aber es schneite, wie kaum zuvor. Auch der Sturm hatte sich wieder eingestellt und peitschte den kleinflockigen Schnee zu dichten Wolken zusammen. Auf den Straßen türmten sich die Schneemassen und all das Schaufeln und Wegschaffen der alten Schneekruste war umsonst gewesen. Was befürchtet wurde, trat ein. Die Eisenbahnstrecke Cranzahl – Weipert litt unter starken Schneeverwehungen. Auch ein Teil der Annaberg – Werdauer Linie war verweht. Die Buschterader Bahn war bei Krima-Neudorf völlig eingeschneit. Auch die Züge von Flöha nach Reitzenhain lagen still.
Der Eisenbahneinschnitt der Weiperter Strecke, wo schon am 7. Januar 1905 ein Personenzug steckengeblieben war, war vier Tage unpassierbar. Die Schneemassen mußten mit besonderen Zügen abtransportiert werden und unser Bild gibt eine anschauliche Vorstellung von den Schneemassen, die bewältigt werden mußten.

Plötzlich schlug das Wetter um. Das Schneetreiben löste sich am 4. Februar in Regenwetter auf. Auf den Straßen hatte sich ein furchtbarer Schneematsch gebildet und die Heimatzeitung bemerkt dazu, daß dieser Winter (04/05), was Kälte, Schnee und Sturm anlangte, wirklich keinen Mangel gehabt habe. Am 10. Februar konnten die ersten Stare als Frühlingsboten gemeldet werden, allerdings vorerst nur aus Dresden. Bei uns ging die Schlittenbahn noch eine ganze Weile weiter und Mitte des Monats trat neue Kälte, neuer Sturm und neuer Schneefall ein. Erst Anfang März schrumpften die gewaltigen Schneemassen und an den südlichen Hängen zeigten sich die ersten braunen Erdschollen.