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Ehrenfriedersdorf und seine Umgebung in Sage und Geschichte.

Von Max Grohmann. (Unter Benutzung amtlicher Quellen und einer Arbeit von Max Wenzel-Chemnitz.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 26 vom 25. Juni 1939. S. 1 – 2.

Ehrwürdig, wie Greise im Silberhaar erscheinen sie mir, die alten Pfarrbücher, zurückreichend bis 1555, die ältesten in Schmalfolioformat, die meisten in Großfolio. Gleich einer runzelvollen Haut ist ihr Papier braun und rissig vom Alter; wie dem Greise die Augen blind werden, stumpf die Zähne und lückenvoll der Mund, so ist auch ihre Tinte oft verblaßt, manches unleserlich oder schwer erforschbar. Aber frage nur unermüdlich, spitz‘ nur aufmerksam das Ohr, nd du vernimmst immer mehr, als du anfangs meintest.

Nach Ueberlieferung von alters her soll Ehrenfriedersdorf im 12. Jahrhundert von Bergleuten aus Freiberg gegründet worden sein, die dem Ort den Namen Irbersdorf gegeben haben. Es wurde hier nach Zinn gesucht, das im Tagebau durch das „Seifen“ gewonnen wurde. Daher finden wir auch in der Straßenbenennung des Ortes den Namen „Seifentalstraße“. Der Sage nach sollen die auf dem Sauberg, an dessen Fuß Ehrenfriedersdorf liegt, zu Tage gehenden Zinngänge durch „Sauen“ aufgemacht worden sein. Bald kam auch der Bergbau in Blüte, und bis zur Gründung von Annaberg 1496 hatte der Ort als freie Berg- und Handelsstadt zwischen Freuberg und Böhmen ziemlich hohe Bedeutung.

Im Mittelalter war Ehrenfriedersdorf im Besitz der Herren von Waldenburg zu Wolkenstein, deren Wappen, ein Ring im roten und weißen Feld, noch heute geführt wird. Im Jahre 1407 wurde der Flecken zur Stadt erhoben und kam 1440 mit dem Schlosse Scharfenstein nebst Geyer und Thum an das sächsische Kurhaus. Bei der Teilung Sachsens 1485 kam die Stadt in den Besitz des Herzogs Albrecht des Beherzten.

Lag früher das Städtchen mehr am Abhang des Saubergs, so wurde es nach dem furchtbaren Brande von 1528, bei dem mehr als 150 Häuser durch Feuer verzehrt wurden, mehr im Tale aufgebaut, und bald regte sich hier nach Dr. Martin Luthers Auftreten der Geist der Reformation, trotz heftigsten Widerstands des Herzogs Georg des Bärtigen. Heinrich der fromme gab des evangelischen Gottesdienst zwischen Ostern und Pfingsten 1536 frei.

Von der Kirche und den Kirchenbüchern.

Das älteste Gebäude der Stadt, die auf halber Höhe stehende, ehrwürdige St. Niclaskirche, ist wahrscheinlich Ende des 13. Jahrhunderts errichtet worden. Das Gotteshaus schmückt ein herrlicher gotischer Schrank- oder Flügelalter mit köstlichen Schnitzereien, vielfarbig und reich vergoldet. Prächtige Bilder zieren ihn. Er wundervolle acht Meter hohe Altar war, als er Ende des Weltkrieges in der Gemäldegalerie zur Besichtigung stand, ein Anziehungspunkt für Tausende, und sein Wert wird in die Millionen geschätzt.

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Der herrliche Altar der St. Niclaskirche, ein Werk des berühmten Meisters H. W., der auch die „Schöne Tür“ in der St. Annenkirche schuf. (T. A. W.-Bilderdienst.)

Die Kirche besitzt auch die weithin bekannte „Große Glocke“, die bei einer Höhe von 1,40 m rund 70 Zentner wiegt und mit dem Reliefbildnis des Kurfürsten Moritz und zweier prachtvollen Rankenfriesen geziert ist. Mehrere Male ist auf der Glocke das Hilligersche Wappen angebracht, denn es ist eins der bestgelungensten Werke des Freiberger Meisters Wolf Hilliger und stammt aus dem Jahre 1543, als die Gemeinde bereits evangelisch-lutherisch geworden war.

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Die große Glocke in der St. Niclas-Kirche. Sie ist 1,40 m hoch und wiegt 70 Zentner. (T. A. W.-Bilderdienst, K.)

Unter den kirchlichen Geräten zeichnet sich besonders ein herrlicher, wertvoller, starkvergoldeter Kelch aus. Es ist eine ausgezeichnete Arbeit aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, mit der Inschrift: „hilf got“.

In dieser wuchtig wirkenden, frühgotischen Kirche wirkte einst ein berühmter Mann. In dem Kirchenbuch von 1808 schreibt Magister Koch auf Anfrage hin, daß man in Ehrenfriedersdorf keine berühmten Personen gehabt hat. Erst 1917 entdeckte Pfarrer Blankmeister aus Dresden, daß Paul Lindenau 1522 seine Laufbahn hier als katholischer Meßpriester begann. Er kann den Ruhm in Anspruch nehmen, der erste evangelische Hofprediger Sachsens zu sein.

In den schrecklichen Jahren des 30jährigen Krieges sind sämtliche Dokumente der Stadt in ein Bühnenloch eines Saubergstollens vermauert und noch bis heute nicht wiedergefunden worden. Nur die alten Kirchenbücher berichten einiges über die Ortsgeschichte.

Die Kirchenbücher bestehen aus 3 Teilen, Tauf-, Trau- und Totenregistern. Sie enthalten Namen und Personalien, aber berichten nicht, was sonst noch im Laufe des Jahres der Gemeinde geschehen ist. Nur die Totenregister in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts und die Taufregister des 19. Jahrhunderts machen eine Ausnahme. In den Totenregistern des 18. Jahrhunderts stehen am Rande die Preise, die in den Hunger- und Pestjahren für die wichtigsten Lebensmittel bezahlt werden mußten. Und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird jedes Jahr am Schlusse des Taufregisters eine Uebersicht gegeben über alles, was sich in der Gemeinde und aller Welt ereignet hat. Wer aber zwischen den Zeilen zu lesen versteht, der erfährt auch von anderen Jahren mancherlei.

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Die lange Schicht.

Vor mir liegt das älteste Buch, das unsere Stadt besitzt: „Verzeichnis deren so in Christo entschlaffen und nach Christlichem Gebrauch begrabenn. Anno 1555.“

Im Jahre 1568 finden wir da folgende Eintragung:
Oswald partel, welcher hier 60 Jahre in stole verfallen, wiedergefunden den 20 Septemb: des 68. Jars sepebes 26 m Septemb.

Dies ist die Eintragung über die berühmte Begebenheit: „Die lange Schicht von Ehrenfriedersdorf!“ Oswald Barthel, ein Bergmann, wurde im Sauberg während der Ausübung seines Berufes verschüttet, hat dort über 60 Jahre in Schutt und Geröll gelegen, bis man eines Tages beim Bergbau auf seine unversehrte Leiche stieß. Ueber den Unglücksfall und den Fund liegen verschiedene Berichte vor. Dichtung und Wahrheit sind oft miteinander verwoben. Auch die Sage bemächtigte sich frühzeitig des dankbaren Stoffes. Am 20. September 1568 wurde Barthel aufgefunden und am 26. September fand das feierliche Leichenbegräbnis statt. Dabei hielt Pfarrer Magister Georg Raute die noch jetzt erhaltene Leichenpredigt. Diese Predigt umfaßt 32 kleine Quartseiten und muß gegen 2 Stunden gedauert haben.

Pestzeiten im 30jährigen Krieg.

Im 30jährigen Kriege ist Ehrenfriedersdorf noch verhältnismäßig glimpflich weggekommen. Aber trotzdem hatte es unter den Schrecken des Krieges zu leiden. Es stellten sich nicht nur böhmische Flüchtlinge ein, es kam auch die Pest. Viermal hat sie im Laufe des Krieges die Gemeinde heimgesucht: 1625, 1631, 1634 und 1640. 1640 starben dreizehn, 1631 fünfzehn und 1634 achtzig Personen an dieser schrecklichen Krankheit. Doch am schlimmsten wütete sie 1625. Sie brach am 11. August aus und dauerte fast bis Weihnachten, wie aus einer Bemerkung im Traubuch hervorgeht. Leider fehlt das Blatt, auf dem die Toten verzeichnet waren, so daß wir deren Zahl nicht kennen. Doch sie muß sehr, sehr hoch gewesen sein.

Von 1631 bis zum Schlusse des Krieges haben feindliche Kriegshorden unsere Gegend unsicher gemacht. Selbst größere Abteilungen haben die Stadt überfallen, geplündert, gesengt und Bewohner gemordet, wobei schätzungsweise 50 Ortsansässige umkamen.

In der Nähe von Ehrenfriedersdorf fand am 25. Januar 1648 das letzte Gefecht des 30jährigen Krieges auf sächsischem Boden statt. Ein Gedenkstein in unmittelbarer Nähe von Thum erinnert heute noch daran.

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Der Gedenkstein für die letzte Schlacht des 30jährigen Krieges steht an der Ortsgrenze von Thum in unmittelbarer Nähe der Chemnitzer Straße am Eingang zum Stadtpark. (T. A. W.-Bilderdienst, K.)

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Blüte des Bergbaues.

Am Anfang des 18. Jahrhunderts stand der Bergbau in hoher Blüte. Es waren 50 Zechen, darunter 10 Silberzechen, 22 Pochwerke und eine Gifthütte vorhanden. Allein das Bergwerk am Sauberg gab 4- bis 500 Mann Arbeit und Brot.

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Hungerjahre und Notzeiten.

Doch haben die Vorfahren von Ehrenfriedersdorf den Hunger zur Genüge kennen gelernt. Das schlimmste Hungerjahr war wohl 1772. Die Not war die Folge der beispiellosen Mißernte, die das Jahr 1771 gebracht hatte. Die Kirchenbücher geben darüber einen kleinen Einblick.

(Fortsetzung folgt.)