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Ehrenfriedersdorf und seine Umgebung in Sage und Geschichte.

Von Max Grohmann. (Unter Benutzung amtlicher Quellen und einer Arbeit von Max Wenzel-Chemnitz.)

(1. Fortsetzung.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 27 vom 2. Juli 1939. S. 1 – 2.

Im Totenregister 1771 lesen wir folgende Stelle: „Carl Gottlob Werner, juvenius … in der Greifenbach … ertrunken.“ Dahinter steht eine offenbar spätere Eintragung: „In diesem Jahre sind ganz unerhörte Wasserfluthen gewesen.“

Diese Regengüsse mögen den großen Schaden angerichtet haben. Berichte über das Hungerjahr finden sich nicht vor, man muß wieder einmal zwischen den Zeilen lesen, oder man muß sich auf Randbemerkungen, die meistens Lebensmittelpreise angeben, beschränken. Da heißt es im Januar 1772, „im theuren Jahre“, im Februar „große Hungersnot noch immer“, im März „in erbärmlich theurer Zeit“, im April „bei schrecklich theurer Zeit, wo die meisten Hunger gestorben“, im Mai „wo die Theuerung u. das Schmachten der Einwohner immer größer wird“, und ähnlich lauten auch die Randbemerkungen in den nächsten Monaten. Daneben steht meistens, was Korn und Brot kosten. Am schlimmsten wütete der Hunger von März bis zum Juli. In diesen 5 Monaten sind über 400 Personen gestorben. Ab Ende April mußte der Totengräber die Toten selbst hinaus auf den Friedhof schaffen, weil keine Träger mehr da waren (Totennachrichten Nr. 156, 97, 99). In den Fällen, wo die Angehörigen oder der Totengräber die Leiche fortschafften, steht im Totenbuch „hingeschleppt“. Sie wurden ohne Särge und ohne Amtshandlung eingescharrt.

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Der Stadtbrand von 1802.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts finden wir am Schlusse jeden Jahres einige Bemerkungen über alles, was sich in Ehrenfriedersdorf und aller Welt ereignet hat, von dem damaligen „Diaconus Johann Christian Koch“ in dem Taufregister nachgetragen.

Darin wird am 27. August 1802 zum zweiten Male von einem großen Brand berichtet, der das Rathaus, die Mädchenschule, 50 Häuser und viele Scheunen verzehrte. Kurz zuvor, am 18. Juli, wurde die gesamte Ernte in unserer Gegend durch Hagel vernichtet. Begreiflicherweise herrschte nach diesen beiden Mißgeschicken unsagbare Not, selbst die Reichen mußten um Gaben bitten.

Im Jahre 1803 brannten wieder fünf Häuser ab. Mit Mühe konnte ein größerer Schaden verhindert werden.

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Bemerkenswert, vom gesundheitlichen Standpunkte aus, ist auch die Tatsache, daß in diesem Jahre zum ersten Male die Impfung der Kinder stattfand, die sich jährlich wiederholte.

Zwei Jahre später herrschte ein furchtbarer harter Winter, so daß selbst Tür und Tor einfroren und man laut Kirchenbuch einen Erfrorenen durchs Fenster reichen mußte.

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Kriegsnöte 1813.

1813, Taufregister: M. Koch: „Ehrenfriedersdorf litt schrecklich in diesem Kriege. Am 13. August rückten 30 Pohlenische Uhlanen hier ein, die aus Spanien kamen und zu den Franzosen gehörten. Den 22. August als Dom. X p. Trin. rückten 3700 Kaiserliche Kavallerie und Infanterie hier ein, und schlugen ihr Lager am Sauberg und Rothen Pochwerk auf – Bey ihrem Zumarsche liefen die Leute aus der Nachmittagskirche, und ich mußte über der Lesung von Jerusalems Zerstörung von der Kanzel gehen. Den 25. August rückten 10 Cosaken hier ein. Den 31. August kam die Retirade der Russen und Kaiserlichen hier durch, wobey ich geplündert wurde von 6 solchen Soldaten. Den 13. September kamen 400 Ungarische Husaren hier her. Den 3. Oktober kam. 30 Cosaken, den 4ten Oktober 10.000 Russen … alles mußte hier verpflegt werden … Gott behüte uns …, wir sind ganz arm und unglücklich geworden.“

Von 1814 bis 1818 herrschte in Ehrenfriedersdorf schreckliche Not, so daß man das Tiefland um Gaben anflehen mußte. Ueberall finden wir in diesen Jahren solche und ähnliche Eintragungen: „Gott helfe uns, sonst müssen wir verderben“.

1826 wurde unser Ort von Wolkensteinr Freischützen besetzt, da der Stadtrat sich weigerte, Kriegsschulden zu zahlen. Im folgenden Jahre kam das kgl. Gericht nach hier. 1829 erlebte Ehrenfriedersdorf einige große Festtage! Prinz Friedrich besuchte die Stadt, und es waren nicht weniger als 12.000 Zuschauer anwesend!

1832 besuchte Prinzessin Maria Augusta die hiesige berühmte Klöppelschule.

Allerlei von 1833 bis zur Neuzeit.

1833. Von M. Koch: „Am 5. April wurde die Mayerin begraben, welche sich ein Bein ablösen ließ und daran starb. Ihr Sohn Namens Kreyer, steckte das abgelöste Bein in einen Sack, zeigte es den Leuten auf den Dörfern und ging also damit betteln. – An den furchtbaren Blattern starben Erwachsene und viele Kinder.“

1842 war den ganzen Sommer hindurch eine unerträgliche Hitze, und kein Regen fiel, was zur Folge hatte, daß 8 Häuser durch Selbstentzündung wegbrannten.

Ein Jahr später beging man festlich das Jubiläum der 300 Jahre alten großen Glocke.

Am 30. August 1866 vernichtete ein großer Brand das Rathaus und gegen 100 Wohnhäuser, so daß 1200 Menschen obdachlos wurden.

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Im Jahre 1866 vernichtete ein Brand das alte Ehrenfriedersdorfer Rathaus. Im Heimatmuseum auf den Greifensteinen hängt das vorstehend wiedergegebene Bild, das die verheerende Wirkung des Brandes anschaulich wiedergibt. (T. A. W.-Bilderdienst.)

Im Kriege von 1870 – 71 blieben 5 Ehrenfriedersdorfer Einwohner auf dem Felde der Ehre. Ihnen ist ein kleines, würdiges Denkmal vor der Kirche geschaffen worden.

Am Jubelfest des 500jährigen Stadtjubiläums 1907 nahm König Friedrich August teil.

Neben dem Denkmal der in den Kämpfen von 1870 – 71 Gefallenen wurde eine schöne Anlage geschaffen, in deren Mitte sich das aus Urgestein gebaute Kriegermal von dem gewaltigen Völkerringen von 1914 – 18 erhebt. Auf einem großen Sandsteinblock, der einen Sarkophag trägt, sind all die Kämpfer verzeichnet, die heldenhaft für Deutschlands Freiheit und Ruhm in den Tod gingen. 272 Namen reden eine stumme, aber eindringliche Sprache, und der Beschauer steht ergriffen vor dem einfachen, wuchtig wirkenden Denkmal deutschen Heldengeistes.

Die romantische Welt der Greifensteine.

Der Ort erhält sein eigenartiges Gepräge einerseits durch den Greifenstein, andererseits durch den Sauberg, jenen gigantischen, von Menschenhand aufgetürmten Höhenzug mächtiger Halden, die von der einstigen Bergtätigkeit zeugen. Darum sei zunächst dem Greifenstein ein Besuch abgestattet.

Die Greifensteine gehören zu den eindrucksvollsten Naturdenkmälern unseres Erzgebirges. Auf einem sanft gewölbten Bergrücken im Freiwalde zwischen den Orten Ehrenfriedersdorf, Geyer und Thum bauen sich bizarre Formen auf. Der Gneiszug der Rumpffläche ist ehemals von einem Graniterguß durchbrochen worden, und der Jahrtausende währende Verwitterungsprozeß hat von der ursprünglich kompakten Granitmasse sieben Felsen übriggelassen. Magister Lehmann, Pfarrer in Scheibenberg von 1638 bis 1688, berichtet in seinem „Historischen Schauplatz“: „Beschreibung des Greifensteins zwischen Geyer, Thum und Ehren-Friedersdorff, wie er anno 163 den 7. August befunden worden“, daß neun Felsen vorhanden wären. Wahrscheinlich sind zwei davon in Trümmer gegangen, was man aus der Geröllage entnehmen kann.

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Eine Fundgrube für den Heimatfreund ist das vielbesuchte Heimatmuseum auf den Greifensteinen. Es enthält u. a. auch den oben abgebildeten Rübölleuchter, wie er zu Hunderten auch heute noch um die Weihnachtszeit die erzgebirgischen Wohnstuben ziert.
(T. A. W.-Bilderdienst.)

Wunderbar hat der Einfluß der Witterung die Felsen durch tiefe waagerechte Fugen und senkrecht in den Stein einschneidende Rinnen gegliedert, scheint es doch, als ob ein Granitblock lose auf den anderen getürmt sei und ein kräftiger Stoß genüge, das lockere Gefüge der Riesenmauern und –türme in Trümmer zu werden. „Es hat das Ansehen, daß vor alten Zeiten der Platz zwischen zwei hohen Felsen sey mit Mauern eingeschlossen gewesen, wie man denn die rudera des alten Gemäuers sehen kann, auch bisweilen dicke Schörbel von Töpfen, Nägel, Eisenwerk, Pfitzpfeile, Todtengebein, Schweinszähne, alte unbekannte Schlüssel, Gräten von Stockfisch findet“, schreibt und vermutet Magister Lehmann. Diese Beobachtungen werden auch durch Urkunden bestätigt.

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Eine weitere Kostbarkeit in dem genannten Museum bildet die alte Ehrenfriedersdorfer Stadtkasse, die ein besonders kunstvolles Schloß aufweist. (T. A. W.-Bilderdienst.)

Nach Friedrich des Strengen Lehnsbuch besaß 1349 Johann von Waldenburg zu Wolkenstein als Lehen: „Wolkenstein, Grifenstein, Zeinewerk, Bergwerk, dy Schape, Scharfenstein.“

Am 23. November 1372 verspricht Karl der IV. dem Markgrafen von Meißen, sie nicht zu behindern „an den stolzen Luterstein, Ruwenstein, Scharfenstein, Gryfenstein, Wolkenstein.“

Daß gerade hier auf den Greifensteinen abseits aller Straßen eine Burg gestanden haben soll, ist leicht erklärlich durch die Lage zu den drei Bergorten, denn die Herren dieser Bergstädte brauchten einen Stützpunkt, von dem aus sie ihre Untertanen und insbesondere die ergiebigen Bergwerke zu schützen suchten. Dazu dieses „Greifennest“ nicht schlecht geeignet erscheint. „Woher er den Namen habe, weiß niemand, außer daß man sagt, es hätte ein Greiff daselbst genistet. Ich halte aber, die Räuber mögen die Greyffen gewesen seyn, oder geheißen haben“, berichtet uns der Chronist Magister Lehmann.

Da in den Urkunden nichts weiter im Laufe der Zeit von der Burg berichtet wird, kann man wohl annehmen, daß sie bei einem Hussiteneinfall, unter denen die Bergorte in damaliger Zeit mehrmals zu leiden hatten, zerstört wurde.

(Fortsetzung folgt.)