Von Johannes Blochberger.
Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 25 vom 18. Juni 1939. S. 1 – 2, 8.
Neben den vielen „Linden“ und „Deutschen Eichen“ – oft ist kein einziger solcher Baum in der Nähe –, „Goldenen Sonnen“ und „Erbgerichten“, „Hirschen“ und „Löwen“, „Kronprinzen“ und „Ratskellern“ gibt es im Gau Sachsen eine Reihe origineller und eigenartiger Gaststättennamen, für die man leicht eine Erklärung findet. Bei einigen allerdings ist‘s schwer, eine Deutung zu geben.
„Stollnhaus“ hat nichts mit Christstollen zu tun. Es ist eine Gaststätte in der Freiberger Silberbergbaugegend, in der das ganze Erdreich von Gängen (Stollen) durchtrieben ist. Auch „Herders Ruhe“ hat Beziehungen zu diesem Erzbergbau. Neben dieser Gaststätte befindet sich das Grab des Freiberger Berghauptmannes Frhrn. v. Herder. Die „Rote Pfütze“ im Landkreis Marienberg dürfte ihren Namen ebenfalls seit der Zeit tragen, da man im mittleren Erzgebirge reiche Silberfunde machte.
Neben der berühmten „Dreckschänke“, von der im Dialekt-Lied weit und breit gesungen wird, finden wir eine „Sumpfmühle“, erbaut in nasser Gegend. Der Volksmund kennt allerdings eine andere Erklärung, die mit „sumpfen“ (über den Durst trinken) zusammenhängt. „Himmelsmühle“ und „Himmelreich“ sind genau so originell wie der „Goldene Stiefel“ und die „Drehscheibe“. Absonderlich ist, daß man unter den Gaststättenbenennungen nach Bäumen, wenn auch selten, eine „Kastanie“ und einen „Birnbaum“ findet. In herrliche waldreiche Täler reihen sich Bleiben mit bemerkenswerten Namen, wie „Schneckenmühle“ und „Rosine“, „Marterbüschel“ und „Hosenmühle“ und „Nudelmühle“. Die Hosenmühle hat allerdings nichts mit dem Kleidungsstück zu tun, sondern ist eine Abwandlung von Haselmühle. Bei Marterbüschel deutet der Name auf das vormalige Vorhandensein eines Marterls hin. Die Rosine hat diese eigenartige Bezeichnung nicht etwa von Rosinen empfangen. Soweit festgestellt werden konnte, hat gegen 1640 eine Försterstochter namens Rosina Bluth die Schankgerechtigkeit für das Grundstück bekommen. Diese Gaststätte war vornehmlich von Ratsherren und Bürgern der Bergstadt Freiberg besucht.
Selten sind „Glücksrad“ und „Brüderchen“, „Goldschmiede“ (im mittellausitzer Spreedorf Taubenheim) und „Besenschänke“ (bei Gelenau). Selbstverständlich steht die „Räuberschänke“ an einem Waldrande (bei Frankenstein). „Sächsische Reiter“ und die schöne Bezeichnung „Morgensonne“ treten mehrfach auf. Die „Heinzebank“ erhielt ihren Namen auf Grund geschichtlicher Begebenheiten. Ein sächsischer Kurfürst weilte dort zur Rast nach Jagden in den ausgedehnten mittelerzgebirgischen Wäldern, die ja auch Stülpner-Karl besonders gefielen. An „Totenmühle“ und „Pechhütte“, einen Gasthof „Zum Elefanten“ und weitausschauende „Panoramahöhe“ reihen sich als bemerkenswert an Gaststättennamen, die abgeleitet sind von Personennamen: „Strammer Max“ und „Waldmax“, „Rülpshelene“ und „Herr Gevatter“. Bei dem Gasthof „Herr Gevatter“ in der fruchtbaren Lommatzscher Pflege hat man‘s mit einem sehr alten Rasthaus zu tun. Es wurde 1642 erstmalig urkundlich erwähnt, brannte dann weg, ist aber unter demselben Namen wieder aufgebaut worden. Ueber dem Torbogen stand einst: „Das Haus hat keinen Zaun und kein Gatter, aber hunderttausend Gevatter!“ Der „Wind“ bei Hartha/Aschershain ist leicht erklärt; er steht an sehr zugiger Stelle in der Nähe der Frohne oder Fröhne, einem Waldstück, an dem 1813 ein Teil der Truppen Napoleons in Richtung Waldheimer Zschopaufurt entlangzog. Beim „Hemmschuh“ über dem Tale der Freiberger Mulde mußten ehedem die Fuhrwerke Hemmschuhe vor der steilen Talfahrt an die Räder legen. Das „Schwarze Kleeblatt“ am hohen Schloß Kuckuckstein im kleinsten sächsischen Städtchen Liebstadt hat seinen Namen vom Wappen derer von Carlowitz, die einst auf Kuckuckstein saßen. Besonders originell sind die Bezeichnungen: „Der letzte Seufzer“, „Taubenschlag“ und „Malkasten“, „Kalter Muff“, „Bienenkorb“ und „Grüne Weste“. Kalter Muff erklärt sich aus der Nähe des Hochwaldes, der in dieser Höhenlage bei Ehrenfriedersdorf zu allen Jahreszeiten eine ziemliche Kühle enthält. Der „Letzte Dreier“ war früher Rastort für die Fuhrleute im Verkehr nach und von Böhmen und in dieser Eigenschaft bedeutender Ausspannungsgasthof vor Freiberg. Den von Süden her kommenden Fuhrleuten dürfte oft das Zehrgeld ausgegangen gewesen sein. Da haben sie den letzten Dreier aus den Taschen gekramt und davon Zeche und Ausspannung berappt. Da man in ihr selbstgemachte Rollmöpse seit altersher sehr billig herstellte und ohne Eßbesteck auf den Tisch brachte, nannte der Volksmund diese Gaststätte „Rollmops-Schänke“. Wer die erzgebirgische Landschaft kennt, in der die „Kniebreche“ ihre Gäste einladet, der versteht, warum sie diesen Namen trägt. In der Nähe des bekannten Klosters Altzella bei Nossen finden wir eine „Kniepe“. Sie wurde 1820 erbaut und man vertritt wegen der Deutung ihres Namens zwei Ansichten. Die einen meinen, Kniepe sei Kneipe. Andere behaupten, es sei von Kanape (Ruhe) abgeleitet. Nicht weniger denn fünf Straßen laufen beim Arnsdorfer „Quirl“ zusammen, deswegen dieser bezeichnende Name. Die jetzige Reichsstraße in Richtung Chemnitz bildet gewissermaßen den Stiel an diesem Wegequirl. Bemerkenswert ist, daß wenige Meter seitlich von dieser Straße früher die sogenannte Böhmische Salzstraße aus Halle über Freiberg nach Prag und wohl gar bis zum Orient lief … Seltsam klingt der Gaststättenname: „Zur Knorre“. Er wird teilweise mit der Elbschiffahrt in Verbindung gebracht. Zutreffender dürfte eine andere Erklärung sein. Im Hofe der Bergakademie zu Freiberg sind – jeder Stein hat seine Geschichte – wichtige Gesteinsübersichten zusammengetragen. Dazu zählt ein Stück Felsen von der Knorre bei Meißen. Die Felswände am rechten Elbufer gegenüber der Domstadt heißen: Knorre.
Recht interessant ist die Erklärung für die Gaststätte „Katze“. Der Heimatforscher Lehrer Reinhard Rother in Gelenau hörte dazu neben anderen Deutungen folgende: „Als um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Straße Altchemnitz – Weißbach – Niedergelenau – Herold – Ehrenfriedersdorf ausgebaut und im Anschluß daran der Bau einer Dorfstraße durch Gelenau erwogen wurde, kam die Meinung auf, man müsse an der Straßengabelung in Niedergelenau ein Gasthaus errichten. Die Wirte zweier sich gegenüberliegender Häuser bemühten sich um die Schankbewilligung. Der eine, seiner Sache sicher, meinte zu seinem Gegenüber (dem Wirt der heutigen „Katze“), er brauche sich gar nicht weiter zu bemühen; denn alle seine Unternehmungen würden „doch nur für die Katz‘ sein“. Aber gerader der Siegessichere erhielt die Genehmigung nicht. Der andere nannte dem unterlegenen Mitbewerber zum Spott den neuen Gasthof „Katze“ und gab damit zu verstehen, daß seine Bemühungen zwar „für die Katze“ und doch nicht „für die Katz“ gewesen seien. Das Bestehen einer Schenke an dieser Stelle ist urkundlich bereits 1669 nachweisbar. Bei der „Klinke“ im lebhaften Rödertale soll der Ursprung des eigenartigen Namens in der Tatsache zu suchen sein, daß in dieser Gaststätte sehr oft recht lange gezecht worden ist. Weil sie immer spät schloß, war es also die letzte Klinke, die die frohen Zecher in der Hand hatten …
Bei der Namensgebung für seine Rast- und Gaststätten ist Sachsen schier unerschöpflich. Es sind bei diesem Bemühen nicht nur höchst originelle, sondern z. T. Volkskundlich und geschichtlich wertvolle und auch einmalige Bezeichnungen herausgekommen. Ein „Kalter Frosch“ und eine „Ameise“, eine „Schöpsdrehe“ und eine „Salzmeste“, eine „Enge Weste“ und eine „Hundekälte“, „Kiste“, und „Kraftprobe“, eine Gaststätte „Zum Plättstahl“ und ein „Grüner Stiefel“, ein „Rother Ochse“, ein „Stiller Fritz“ und ein „Billiger Becher“, ein „Kühler Abend“ und ein „Mondschein“, ein „Fröhlicher Bergmann“ und ein „Eisbär“ verraten zweifellos mehr Eigenartswillen als die vielen immer und ewig wiederkehrenden Heiteren Blicke und Feldschlößchen, Schützenhäuser und Zufriedenheiten und die Gaststätten, bei denen das weltbewegende Gold die namenbeitragende Rolle spielt. Finden wir doch sogar „Goldene Säge“ und „Goldene Amsel“, „Goldenen Schwan“, „Goldenen Strauß“ und „Goldene Trommel“. Ein wenig anzüglich wirken „Pumpschänke“ und „Klatschschänke“, „Zur Hocke“ und „Stehfest“, zum „Papser“ und „Quetsche“. Dafür gibts andererseits eine sehr blumenreiche Sprache: Gaststätten zur Kornblume und zur Tulpe, zum Erntekranz und zur Hopfenblüte, zur Alpenrose und zum Kaffeebaum, zum Rosenkranz und zum Vuglbeerbam. Fast alle Bäume haben bei Gaststättennamen Pate gestanden, nicht nur Eichen und Linden, auch Ulmen und Lärchen und Silberweiden. Aehnlich ist‘s mit den Tieren. Die meist angewandten Löwen und Hirsche sind bereits nicht die einzigen; auch Zeisige und silberne Bären, Froschburg und Schwalbennest, Wachtel- und Hasennest, wilde Sau und Täubchen, das Osterlamm und der Rappen (im Gegensatz zu den vielen „Schwarzen Roß“), der Walfisch und der Bienenstock, graue Wölfe und schwarze Ritterpferde haben ihre Namen hergegeben … „Honigbrunnen“ läßt auf eine recht blühende Phantasie des Namengebers schließen und das Lausitzer „Zum Gütchen“ klingt recht gemütlich und auch „Kuchenhäusel“ sehr anziehend, fast märchenhaft.