Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 35 – Sonntag, den 24. August 1930, S. 1 – 2.
Durch die Wasserschürfarbeiten in der Gemeinde Frohnau wurde auch der Bierschnabelstollen des öfteren genannt und dürfte es die Leser interessieren, den Verlauf desselben und seine Bedeutung für den Bergbau in Cunersdorf, Buchholz und Frohnau erfahren. Der heutigen Generation, speziell in den betreffenden Gemeinden, sind aus Interesselosigkeit die Kenntnisse über den längsten und für die letzte Periode des Bergbaues wichtigsten Hauptstollen verlorengegangen.
Was früher jedem Huntsjungen, Lehrhäuer, Kunstwärter und Göpeltreiber bekannt war, vermißt man selbst bei Leuten, von deren sozialer Stellung man es erwarten könnte. Wahllos zählt man heute in der Nähe liegende Stöllen alle zum Bierschnabel.
Seinen Namen führt er von der Bierschnabel-Fundgrube her, deren Revier oder Grubenfeld etwa in dem Raume zwischen Klippenstein – Waldschlößchen – Sehma – Schneidemühle Günther – Bezirksanstalt – und oben auf dem Kamme zurück war. Der Förderschacht befand sich im jetzigen Garten neben dem Waldfrieden.

Das Bild zeigt den alten Bergmannsteig, jetzige Waldschlößchenstraße. Das Haus im Vordergrund ist das Huthaus der Bierschnabel-Fundgrube, links davon der Haldensturz, der heutige Waldfrieden fehlt noch, weiter am Wege ebenfalls Bergmannshäusel, die heute zum Teil noch unverändert stehen. Dann folgen Waldschlößchen-Park, Buchholz (Kirche noch ohne hohen Turm), Cunersdorf, im Hintergrunde der Bärenstein. Ein selten schöner lokalhistorischer Ausschnitt.
Nun zurück zum Bierschnabelstollen. Bereits im 16. Jahrhundert litt der Bergbau durch unzureichende Wasserhebemaschinen stark an Grundwasser und die gelösten Gruben konnten dadurch in keine größeren Tiefen gebracht werden. Die damalige maschinelle Unzulänglichkeit ergab die einzige Möglichkeit, die Grubenwässer und zugleich die Wetter durch das Herantreiben von Stöllen von den Talgehängen der Sehma nach den verschiedenen Gruben zu lösen. Also die einzelnen Gruben durch Stöllen zu verbinden, die das Wasser abführten und möglichst auf der nächsten Grube die Wasserhebemaschinen trieben. Sie mußten demnach untereinander in verschiedenen Tiefen eingebracht und nach verschiedenen Richtungen ausgehängt werden.
Der am unteren Ende von Frohnau (Nähe des Hammers) angesetzte älteste Hauptstollen des Schottenberges ist der Reitzensteiner, später Bierschnabel genannte Stollen. Er hat 2 Hauptzweige, einerseits W. nach den Gruben: Bergmännisch Glück, Krönung, Harnischkammer, Kälberstall, Dorothea Pflockenlehn, Hölzerne Staude und Heilig Kreuz (hier bereits 1539 eingebracht), andererseits S. nach den Gruben: Getreue Nachbarschaft, Bierschnabel, Kohlstatt, Rosenkranz, Drei Könige, unter der Stadt Buchholz hin nach Dorothea Fundgrube und Himmlisch Heer Gegentrum (Mitte des 16. Jahrhundert eingebracht), etwa 400 Meter lang. Er fängt in Himmlisch Heer Fundgrube 21,76 Meter tiefer als der Dorothea-Stollen an.
Der Orgel-Stollen, Mundloch, etwa 2110 Meter talabwärts vom vorigen am Schreckenberge führt in die Gruben: Marcus Röhling, Galiläische Wirtschaft, König David, Gottesgabe, Harnischkammer, Silberkammer, Bierschnabel, Krönung, Bäuerin, Heilig Kreuz und Hölzerne Staude, 15 – 18 Meter Seigertiefe (seiger = senkrecht), unter dem Bierschnabel-Stollen oder 90 – 140 Meter seiger unter der Anhöhe des Gebirges. In neuerer Zeit ist derselbe vom Kippenhainer Kunstschachte ab, bis zu welchem die zirka 4 Meter höher gelegene Schreckenberger Wasserleitung führt, zugleich als Aufschlagwasser für die Gruben Marcus Röhling, Galiläische Wirtschaft und König David benutzt worden.
Der Marcus Röhling-Stollen, 130 Meter talabwärts vom vorigen, direkt an der alten Silberwäsche ansetzend und zunächst bis an den Kunstschacht von Marcus Röhling, dann sich verzweigend nach W. und NW. in die Gruben: Galiläische Wirtschaft, König David, Eisernes Schaf im Schreckenberge, und gegen S. und SW. in die Gruben: Krönung, Getreue Nachbarschaft und Bäuerin. Das Mundloch liegt 6,12 Meter seiger tiefer als der Orgelstollen.
Der Junge Andreas-Stollen, 560 Meter talabwärts vom vorigen, in der Nähe von Neudeck ansetzend, führt W. und SW. in die Gruben: Marcus Röhling und König David, und zwar im Kunstschachte ersterer Grube 10,5 Meter und im Kunstschachte letzterer Grube 10,75 Meter seiger unter der Marcus Röhling-Stollensohle.
Da die Sohlen der hier genannten Hauptstöllen von ihren Mundlöchern mit verschiedenem Steigen getrieben worden sind, so bringen dieselben in den verschiedenen durch sie gelösten Gruben verschiedene Tiefen unter den höheren Stollen ein.
Hierher gehört auch noch als Hauptstollen der Dorothea-Stollen, 360 Meter unterhalb des Buchholzer Bahnhofes ansetzend und gegen SO. und O. in die Gruben: Himmlisch Heer Fundgrube und Himmlisch Heer Gegentrum führend. Er liegt 113 Meter seiger tief beim Kunstschachte Himmlisch Heer und 21,76 Meter höher als der Bierschnabelstollen.
Die hier angeführten Hauptstöllen, von denen allein die Kgl. Stöllen im Schrecken- und Schottenberge, das sind Bierschnabel-, Orgel-, Marcus Röhling- und Junger Andreas-Stollen, mit ihren Nebenflügeln 1807 eine gangbare Länge von 27 168 Meter hatten, bildeten eine wichtige Lebensader im hiesigen Bergbau, indem sie die Grundwässer abführten und für frische Wetter sorgten. Durch sie war erst die Möglichkeit gegeben, den Bergbau in größere Tiefen zu führen.
Die vorgenannten Stollen wurden auf Kosten des Staates getrieben, um den Gewerken die Fortsetzung der Gruben zu ermöglichen.
Friedrich Voigt, Buchholz i. Sa.