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Der Festzug des Obererzgebirgischen Sängerbundes beim Sängerfest in Annaberg-Buchholz

(am 6. und 7. Juli 1929).

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 29 – Sonntag, den 14. Juli 1929. S. 1 – 2.

Unter all den Ereignissen und Erlebnissen, die das Sängerfest des Obererzgebirgischen Sängerbundes am 6. und 7. Juli 1929 mit sich brachte, hat der so glänzend verlaufene, eindrucksreiche, große Festzug, der am Sonntag stattfand, sich besonders nachhaltig eingeprägt.

Festzüge werden heutzutage bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit veranstaltet und sind so an der Tagesordnung selbst bei Festivitäten minderer Bedeutung, daß die Bevölkerung keineswegs immer allgemeine große Teilnahme an den Tag legt. Wie anders war dies, als am 7. Juli in Buchholz und Annaberg Tausende der gebirgischen Sangesbrüder durch Straßen und Plätze der beiden Schwesterstädte zogen, um eine Kundgebung für das deutsche Lied zu veranstalten, die in ihrer wunderschönen, sinnigen Aufmachung, in der Gewaltigkeit ihrer Riesenbeteiligung und in der Begeisterung, in der sie sich vollzog, unvergeßlich bleiben wird. Straßauf, straßab, vom Ausgangspunkt am „Deutschen Kaiser“ zu Buchholz bis hin zum Annaberger Festplatz, standen immer neue Tausende von Gebirglern, die sich nicht satt sehen konnten an dem Sängersiegeszuge, der sich da durch den Julitag in straffer Disziplin, fröhlich und würdig zugleich, bewegte. Alle Stände und Schichten der Bevölkerung grüßten den Zug und freuten sich herzlich desselben. Zogen doch in ihm überall Zugehörige aller Kreise. Denn gerade die deutsche Sängerschaft ist es ja auch, die in ihren Reihen nicht danach fragt: Wo hat Deine Wiege gestanden, bist Du der Sohn eines begüterten Hauses, oder gab Dich Deine Mutter der Welt in einem schlichten Mansardenstübchen? Ja, sie alle, die als Hüter unserer Lieder Schulter an Schulter stehen, kennen kein Hoch und Niedrig, sie sind Sangesbrüder.

All dies trat in dem Festzug des O. S. B. in augenfälligster Weise in Erscheinung, und darum eben war die Seele der ganzen Bevölkerung dabei. Daß das Lied eine Stiftung des Volkes für das ganze Volk war und ist und bleiben wird, es zeigte sich in den Tagen des 6. und 7. Juli erneut, und spontan kam es in der begeisterten Teilnahme aller wiederum zum Bewußtsein, daß nur das, was aus dem Herzen der Bevölkerung geboren wird, auch dauernd deren umhegtes Gemeingut bleibt.

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Bilder vom Festzug des O. S. B.
Oben links: Das Bundesbanner des O. s. B. nebst „Männerchor”; rechts: Das Erzgebirgslied mit Festwagen „Vuglbärbaam” nebst MGV „Liedertafel”. Unten links: Festwagen „Dort unten in der Mühle” und Sängerabteilung des „Frisch-Frei”; rechts: Festwagen „Das deutsche Lied” vom Männerchor gestellt.
(Die Bilder stammen aus der Photographischen Kunstwerkstatt des Herrn Weißgärber-Buchholz und der Photohandlung Br. Pommer-Buchholz.)

Es war eine Riesenaufgabe, den Festzug des O. S. B. zu organisieren und stockungslos, wie hier geschehen, zur Durchführung zu bringen. Die Herren Metzner, Stamm und Tauber haben in Bewältigung derselben Vorbildliches geleistet, 8 Herolde (vier Reiter und vier Minnesänger) eröffneten den Zug, denen dann als erster in prächtiger Symbolisierung der Festwagen „Das deutsche Lied“ folgte, gestellt vom Männerchor Buchholz. Wie das Lied die Länder der Erde umspannt, und in ihnen die Deutschen daheim und in der Fremde, das kam in diesem Festwagen prächtig zum Ausdruck. Daran schloß sich der Wagen mit dem Bundesbanner, das, wie berichtet, nunmehr im Rathause der Stadt Buchholz als dem Sitz der Bundesleitung aufbewahrt wird. Und nun wechselten sich in bunter Folge die zahlreichen einzelnen Gruppen des Zuges ab, durchsetzt von Musikkapellen, Spielmannszügen der Vereine u. a. In einer stattlichen Zahl von Wagen fuhren die Ehrengäste, unter ihnen die Bürgermeister der Feststädte, die Bundesleitung, Sängerveteranen, behördliche Vertreter, die Presse u. a. m. Das war ein Jubel, ein Blumenzuwerfen, ein Grüßen und Winken überall, wohin der Festzug gelangte, daß einem das Herz warm wurde. Bald erblickte man in den geschlossenen Abteilungen der Vereine aus dem ganzen Bundesgebiet liebe Bekannte und alte Freunde, bald fesselten die Blicke die prachtvollen Festwagen des Zuges, die in sehr wirksam gewählten Lieddarstellungen samt und sonders mit außerordentlicher Liebe aufgemacht waren. Einen Teil derselben haben wir diesem Artikel als Illustration beigegeben, um so auch für die Zukunft ein Bild des Zuges in Einzelphotos kommenden Geschlechtern zu überliefern. Nicht satt sehen konnte man sich an dem so echt heimatlich aufgezogenen Wagen des „Vuglbärbaams“, der die zum Volkslied gewordene Anton Günther’sche Weise verkörperte. Dort wieder der Wagen „Am Brunnen vor dem Tore“ und die anderen mit der Symbolisierung der Lieder „Dort unten in der Mühle“, „Ein Männlein steht im Walde“, „Der gute Kamerad“ u. a. Eine Kindergruppe in Erzgebirgstracht sah man, ferner Gestalten aus Anton Günthers Liedern etc. etc. Die alte Post erinnerte an den Wandel des Verkehrslebens von einst und jetzt. Dem Zuge hatten sich auch Sängerabteilungen der Militär- und Turnvereine, die Feuerwehr und Sanitäter angeschlossen. Durch die Brauhausstraße und Karlsbader Straße ging es mit vielen Fahnen und Bannern gen Annaberg, und dort vorbei am Stadttheater, hin zum Markt, durch Wolkensteiner und Lindenstraße zum Schillerplatz. Fenster um Fenster auch schaute man in Buchholz, wie in der Pöhlbergstraße dem schier endlosen Zuge zu.

In all diesen Gruppen zeigte sich, wie sehr der O. S. B. gewachsen ist im Laufe seiner 65 Jahre. Als er einst 1864 mit 25 Vereinen und 690 Sängern ins Leben trat und Schuldirektor Röder, der Gründer und die Seele des Bundes, ihn führte, ahnte man nicht, welch gewaltige Ausdehnung er nehmen würde. All dessen gedachte man, als der Festzug sich durch die Straßen bewegte.

Wie berichtet, haben schon früher Bundessängerfeste in Buchholz stattgefunden. Das erste am 31. Juli 1881, das zweite am 19. Juli 1905. Außerdem fand noch am 20. August 1850 vor der Gründung des O. S. B. ein Sängerfest in der Stadt am Schottenberge statt.

Die Beleuchtung der St. Katharinenkirche.

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Die von 20 Scheinwerfern beleuchtete St. Katharinenkirche, sowie eine Gruppe der Max Rothe-Sängerinnen Buchholz.

Einen einzig schönen Abschluß der Veranstaltungen des Sonnabend brachte, wie berichtet, die glänzende erstmalige Scheinwerferbeleuchtung der St. Katharinenkirche. Wundervoll hob sich das Gotteshaus und namentlich seine weithin ragende Turmpartie im Dunkel der Julinacht magisch ab, zauberhaft thronend über den Häuserstockwerken von Buchholz. Lange stand man allenthalben und wanderte immer wieder zu neuen Punkten, um das prachtvolle Bild in sich aufzunehmen. Die Anlage, die 20 Scheinwerfer aufwies, war vom städtischen Eltwerk geschaffen worden, unter der Leitung des Herrn Eltmeister Handwerk, der auch die nicht minder wirkungsvolle Fontänenbestrahlung im Waldschlößchenteich bewirkt hatte. Auch am Sonntag abend wurde die Beleuchtung von St. Katharinen noch einmal vorgenommen. Das diesem Artikel beigefügte Bild hält diese erstmalige Beleuchtung für alle Zukunft an dieser Stelle fest für die kommenden Geschlechter und für die Chronisten.