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Kleine Rundfahrt durch das Sudetenland.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 30 vom 23. Juli 1939. S. 3 – 4.

Recht gemütlich findet sich das Städtchen Preßnitz in seinen Gassen zusammen. Neben der Säule für den Heiligen Nepomuk wartet ein Musikpavillon im breiten Schatten der spielfreudigen Kapelle aus der Staatlichen Musikschule. Die steht, 1841 erbaut, dicht beim hellen Gotteshaus, bei dem ein geräumiger kühler Vorraum den Besucher in die andächtige Weihe eines breiten Schiffes überleitet. Ein wenig später sprechen wir mit einem Stadtsekretär, einem Egerländer, der nun schon über zwei Jahrzehnte hier lebt und mit Recht das Städtel und seine Umgebung preist. „Der Haßberg vor allem ist kostbar!“ sagt er uns. Bescheiden leben die 2500 Preßnitzer in ihrer heuduftigen Höhe am weiten Walde. Das Städtlein hat ein bewegtes Leben hinter sich. Ja, der Herr Sekretario weiß da mancherlei zu berichten von der würdevollen Art des vom Kgl. Dänischen Hofe zurückgekehrten Hofkapellmeisters aus Preßnitz und dem noch im Ruhestand so gravitätischen Gehaben des Musikmeisters, der aus Indien in seine erzgebirgisch-sudetendeutsche Heimat heimkam. Ein wenig fremd gegenüber den um sie lebenden schlichten Volksgenossen verbrachten und verbringen die alten Künstler ihren Lebensabend im Städtel. Da ist‘s drüben in Reischdorf bei den Hausierern mit Wäsche und Gänsefedern anders. Die leben Tag für Tag im Volke und „riechen jedes Familienereignis“ bei ihrer großen Kundschaft. Der KVG-Bus brummt durch dieses schmucke Sudetendorf. Man baut hier eine Kirche, weil das alte Holzkirchlein am Zusammenbrechen war. Die weite Bergwiesenlandschaft rahmt die hellen Fachwerkgiebel mit hellem Grün zu wundervollem Gesamtbilde.

In Sonnenberg steht die hochschiffige Kirche mit dem Hochaltar gegen das Saazer Land. Wundersam ist das Viertelstündel, das wir hinter dem Gotteshaus zubringen. Fast südliche Anmut hat die sich weithin dehnende Landschaft verklärt. Auf der Fahrt hierher fanden wir ein Gasthaus: „Zur Spinne“ … Und hier nennt sich – andere Länder, andere Sitten – ein Friseur an seinem Aushängeschild … Raseuer! Einer Hornisse Summen klingt wie leiser Orgelton. Wir fragen einen Blinden, der gemächlichen Schrittes daherkommt, wo das Infanterie-Regiment Nr. 92 in Garnison lag. Es ist am Ehrenmal im Schattenbann der Birken, Lärchen und Kastanien gar viele Male vermerkt. Von Komotau ging diese Truppe ins Feld. Der Blinde, ein 60jähriger Klavierspieler, hat einst in Prag Musik studiert, etwa dreißig Schüler als gute Klavierkünstler in die Welt geschickt und als letzte Schülerin seine Pflegetochter betreut. Nun ist es aus mit jener musikfrohen Zeit. Der Blinde ist aber zufrieden. Nach langem Auslandsaufenthalt inmitten einer Kapelle lebt er nunmehr in seiner Heimat. Das ist ihm alles. Ein altes Weiblein fragt uns, ob wirs in unserem Wagen mit zur „Spitz“ hinübernehmen würden. Bitte einsteigen! „Heute morgen traf ich eine alte Frau mit leerem Tragkorb und da hat man kein Glück!“ meint sie abergläubisch. Nun aber ist sie auf einmal von ihrem Aberglauben bekehrt. Wir sparen der nahezu 72jährigen eine gute Stunde Marsch …

Droben bei Krima schauen die dunklen Fensteraugen tschechischer Bunker nach dem Erzgebirgskamm; vom Kruzifix daneben haben wir eine herrliche Sicht auf Komotau. Im Flur seines Stadthauses flankieren zwei prächtige Bilder von Zindel eine Karte des Komotauer Bezirks, die uns an der rechten unteren Ecke hinüberführt ins sonnenhelle Saazer Gefilde bei Welmschloß und Schießetitz, wo sich an den warmen Hängen die Hopfenstangen hochschieben.

Deutsch-Kralupp kann trotz Braunkohlenbergbau bis in hundert Meter Tiefe auf seiner Flur den bäuerlichen Chatakter nicht leugnen. Etwa 1250 gegründet schart sich das Städtchen inmitten besten Weizenbodens um seine marktähnlich verbreiterte Durchgangsstraße mit formenschöner gutgegliederter Pestsäule.

Im hochräumigen Rathaus zu Kaaden bewundern wir des Stadtwappens Löwen, Adler und wehrhafte Mauern und Türme. Hier wird Kaolin im Tiefenbau aus der Erde geholt. Eine leistungsfähige Chamotteindustrie stellt feuerfeste Ziegel und Platten her. Daneben sind viele Volksgenossen mit der Anfertigung von Handschuhen beschäftigt. Der Fremdenverkehr hat sich gut angelassen. Man zählt seit der Zugehörigkeit zu Großdeutschland monatlich durchschnittlich 600 Uebernachtungen im 8000 Einwohner zählenden Städtchen, dem wir ein geruhsames Stündchen Aufenthalt in geschichtsträchtigen Gassen verdanken. Vom Heiligentor spricht sichtbar der heiße Dank dieser schwergeprüften Stadt mit bewegten Worten: „Wir haben gebangt und haben gelitten. Er hat es bedacht und hat es erstritten für uns!“ (5. Oktober 1938.) Die Tschechen hielten hier im März 1919 ihre Maschinengewehre in die wehrlose deutsche Bevölkerung und forderten über zwanzig unschuldige Opfer. Die Häusel der Ledergasse schmiegen sich über der Eger an die Felsen der Burg. Auf dem Flußsteg kniet eine Frau und spült Wäsche. Wilder Wein umfaßt mit strotzenden Ranken eine kleine Hausfront. Akazien schirmen mit ihren gefiederten Blättern eine stille Bank am Flusse. Vom Schmidtgäßchentor prangt das in Stein gehauene plastische Wappen der alten treuen deutschen Stadt …

Nun umschließen unsere trunkenen Blicke die weichlinige Flußlandschaft mit ihren abwechslungsreichen Bildern nach jeder Straßenkurve. Satt breitet sich der doppelttragende Boden an die Egerufer. Berge wachsen aus der Ebene. Dörfchen schmiegen sich ins dichte Grün. Die freundlichen Gefilde atmen Behäbigkeit. Man meint in ein Paradies hineinzufahren. Klösterle liegt mitten in ihm. Der Markt hängt mit seinem Katzenkopfpflaster stark an der Lehne. Rosen duften am Brunnenbecken. Zwischen den ungleichmäßigen Pflastersteinen lugen Grasbüschel hervor. Seidenbandwebereien, Leder-, Kork-, Werkzeug- und Maschinenfabriken sind hier neben großem und altem Graf Thunschen Porzellanbetrieb am Schaffen. Die 2600 Einwohner freuen sich, daß zahlreiche Sommergäste aus Berlin, Leipzig, Dresden und Chemnitz ihre feine alte Stadt zu geruhsamem Aufenthalt gewählt haben. Idyllisch mutet es an, wenn man in ihr einen Ochsenkarren schaut, der frisches Grünfutter geladen hat, und das Herz geht einem ordentlich auf, wenn man die Umgebung in ihrer stillen Lieblichkeit so recht erfaßt. Das schlichte Ehrenmal neben schöntürmiger Kirche trägt in goldenen Buchstaben die Namen derer, die am Isonzo, in den Karpathen, in Serbien blieben …

1331 kommt der Name Schlackenwerth als Stadt erstmalig vor. Daß ein Großherzog von Toskana hier zwei Jahre als Bürgermeister amtierte, hat dem Städtlein teilweise den Stempel aufgedrückt. Wir gehen im Abend an der Wistritz entlang, beschauen im Kloster Maria Treu den prächtigen Barockaltar, der aus dem Jahre 1674 stammt, blicken mit Andacht ins Sternkreuzgewölbe der 1334 entstandenen Pfarrkirche und lassen in dem von Herzog Julius Heinrich von Sachsen-Lauenburg um 1630 angelegten Lustpark die glühenden Laternchen der Marienkäfer um uns spielen. Ein dunkelblauer Abendhimmel spannt sich über das Städtlein, über die Landschaft vom Duppauer Gebirge, über das gewundene Band der Eger bis hinauf zu Keil- und Pleßberg. Und wir vermeinen, noch lange nicht schlafen zu können, weil uns die Eindrücke dieses Stückes paradiesischer sudetendeutscher Erde viel zu stark beschäftigen …

Tags darauf fahren wir hinüber nach dem Weltkurort Karlsbad, spüren die Internationalität seines in jeder Hinsicht sprudelnden Lebens und verlassen die lebhafte Stadt in Richtung St. Joachimsthal, müssen in den Kehren nach dem einsamen und höchsten mitteleuropäischen Städtel Gottesgab hinauf bis in den ersten Gang gehen und fahren im Vollgefühl köstlichen Erlebens sachsenwärts!

Johs. Blochberger.