Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 47. — Sonntag, den 16. November 1930, S. 1 – 2.

Am 28. Oktober 1930 waren es 50 Jahre, daß das älteste Mitglied der hiesigen, über 300 Jahre alten Fleischer-Innung, der jetzige Privatier Herr Karl Gustav Kreutel, unter Leitung des damaligen Obermeisters Gottlieb Trommler bei hiesiger Innung unter besonderer Auszeichnung und in festlicher Weise das Meisterstück abgelegt jat. Außerdem waren es am 29. Juni 1930 vierzig Jahre, daß er der Innung als Kassierer vorsteht und dieses Amt treu und gewissenhaft verwaltet hat. Aus Anlaß dieses Doppeljubiläums fanden sich die Mitglieder der Fleischer-Innung mit ihren Angehörigen, Ehrengästen, Gesellen, Lehrlingen usw. bei dem Innungsmitglied Fleischermeister und Gastwirt Emil Illert am 29. Oktober 1930 zusammen, um das Doppeljubiläum in schlichter Weise zu feiern. – Die Ablegung des Meisterstücks für das Handwerk der Fleischhauer erfolgte in früheren Zeiten unter besonderen äußerlichen Formalitäten. Die Feierlichkeiten erstreckten sich meistens auf 2 Tage. Der für die Ablegung der Prüfung bestimmte sogenannte Meisterochse, mit Girlanden und Blumen, den Kopf mit einer Blumenkrone geschmückt, wurde unter Vorantritt der städtischen Musikkapelle durch Gesellen oder Lehrlinge durch die Stadt geführt. Beim Umzug durch die Stadt wurden von den Einwohnern sogenannte Angebinde (Geschenke) angehängt. Vor Beginn des Umzugs mußte der Stückmeister in Gegenwart von zwei Prüfungsmeistern und der gesamten Innung das Tier dreimal angreifen und schätzen. Die dritte Schätzung war für die Prüfung maßgebend. Dieser Vorgang spielte sich hierorts auf dem Marktplatz unter der Eiche ab. Während des Umzugs versammelten sich bereits die Innungsmitglieder in einer Gaststätte, wo es an Speisen und Trank nicht fehlte. Nach Beendigung des Umzugs erfolgte meistens eine photographische Aufnahme des Jungmeisters mit dem reichgeschmückten und beschenkten Meisterochsen und der Innungsmitglieder nebst Gesellen und Lehrlingen. Die beistehenden Aufnahmen zeigen uns den Jubilar (siehe Porträt) in seinem jetzigen Alter und als Jungmeister. Die damalige Aufnahme geschah im Rathaushof. Die Personen auf dem unteren Bild von links nach rechts waren: Bernhard Götz, Gotthold Gehlert, Friedrich Barth, Ernst Petzold, Woldemar Lohschmidt, Hermann Kraft, Gotthold Trommler, Obermeister, Richard Neubert, Karl Ficker, Ernst Trommler, Emil Mehnert, sämtliche Meister, davor Emil Heimbold, Lehrling, Richard Lohschmidt, Lehrling, Gustav Kreutel, Stückmeister, Max Lohschmidt, Geselle und Wilhelm Eckert, Meister. Von sämtlichen Personen lebt nur noch der Jubilar. Am Nachmittag erfolgte die Schlachtung durch den Jungmeister, dem noch ein Mann als Beistand beigegeben war, unter den vorgeschriebenen Bedingungen. Damit war auch eine mündliche Prüfung verbunden. Nach der Schlachtung fand man sich wieder in einer Gaststätte zusammen und abends meistens im Rathaussaal zum Tanz. Am nächsten Tag erfolgte vor versammelter Innung die schriftliche Prüfung. Waren die Prüfungen mit Erfolg abgelegt, so wurde dann der Jung- und Stückmeister bei offener Lade zum Meister des Fleischerhandwerks gesprochen. Durch Handschlag wurde dies von allen Anwesenden bekräftigt. Es wurde dann der Meisterbrief von der Innung ausgestellt und von dem anwesenden stadträtlichen Beisitzer mitunterzeichnet. Der Meisterbrief des Jubilars war anläßlich der Feier im Festzimmer ausgestellt und ist hierzu zu erwähnen, daß diese Urkunde von damals von dem Bruder des Meisters, dem Buchdruckereibesitzer Bernhard Kreutel in Geyer angefertigt und außerdem von seinem Vater Gottlieb Kreutel als stadträtlicher Beisitzer unterschrieben worden ist. Herr Obermeister Hermann Hentschel händigte unter herzlichen Glück- und Segenswünschen dem Jubilar die anläßlich des Doppeljubiläums von der Gewerbekammer Chemnitz besonders gefertigte Ehrenkunde aus. Seitens der Ehrengäste schloß sich den Worten des Obermeisters Herr Bürgermeister Römer an, der den Ehren- und Freudentag des Senior der Fleischer-Innung besonders würdigte. Wenn auch der Jubilar das Fleischerhandwerk infolge früherer Uebernahme der väterlichen Landwirtschaft nicht ununterbrochen ausgeübt hat, so habe er doch der Innung jederzeit die echte und rechte Treue gehalten und für das Fleischerhandwerk und die Belange der Innung ein lebhaftes Interesse bekundet. Die langjährige Verwaltung des Schatzmeisteramts, das des Sprechwarts und seine immerwährende Hochhaltung und Beachtung der alten Sitten und Gebräuche des Innungswesens beweisen, mit welcher Treue und Gewissenhaftigkeit er an seinen Aemtern und der Innung hing. Oftmals habe der Jubilar in seiner Gegenwart bei offener Lade an die Neumeister und Gehilfen in gebührender Weise ermahnende Worte gerichtet und ihnen vor allen Dingen nahegelegt, durch Fleiß, Treue und Ehrlichkeit dem Handwerk Ehre zu machen. Es war daher eine Selbstverständlichkeit und nur zu begrüßen, daß die Fleischer-Innung trotz der Not der Zeit zu diesem Jubeltag mit ihrem Jubilar sich zusammengefunden habe und ihn in würdiger Weise begehe und damit dem Senior die verdiente Anerkennung und Dankbarkeit zum Ausdruck bringe. Herr Bürgermeister Römer beglückwünschte den Jubilar auch namens der Stadtgemeinde, da Herr Kreutel früher 16 Jahre als Stadtvertreter jederzeit erfolgreich tätig war und mit regem Interesse an der Entwicklung seiner Vaterstadt und dadurch auch an der der engeren und weiteren Heimat mitgewirkt hat.

Glückwünsche und Worte der Anerkennung zollten ferner noch dem Jubilar sein in Schwarzbach wohnender einziger Sohn, ferner Buchdruckereibesitzer Eugen Kreutel (Neffe) aus Geyer und Schmiedemeister Paul Weber aus Elterlein. Der Jubilar dankte im Laufe des Abends in rührenden Worten den Rednern für die vielen ehrenden Worte der Anerkennung, Glückwünsche und die im reichem Maße eingegangenen Geschenke. Wie so oft, sprach er auch bei dieser Gelegenheit zu den Gesellen und Lehrlingen einige Worte der Treue für die Innungssache.
Der Jubiläumsabend nahm bei einem gut mundenden Mahl und Trunk, sowie musikalischer und gesanglicher Unterhaltung einen recht fröhlichen Verlauf und wird den Teilnehmern in steter Erinnerung bleiben.