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Eine Sage vom Schloß Greifenstein.

Erzählt von Paul Kühnel.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 47. — Sonntag, den 16. November 1930, S. 2.

In der Nähe von Ehrenfriedersdorf und Thum liegen die Greifensteine. Die Geschichte erzählt, daß sie „zur Zeit der Sündflut“ entstanden sind. Jedoch berichten über diese Naturgestalten auch Sagen mystischen Inhalts, und so behandelt eine das verwunschene Schloß im Schoße des einen Greifensteines.

Vor 200 oder 300 Jahren lebte in Ehrenfriedersdorf ein armes Mädchen, das den sehnlichsten Wunsch hatte, reich zu werden.

Traurig darüber, daß es ihm gar nicht gelingen wollte, Reichtum zu erlangen oder einen reichen Mann zu bekommen, ging es eines Tages durch den Wald nach den Greífensteinen zu. Im Walde begegnete ihm ein feiner Herr, so recht nach dem Geschmack des Mädchens, wie es sich ihn wünschte. Der Herr knüpfte mit dem Mädchen ein Gespräch an und begleitete es ein Stück des Weges. Dabei offenbarte es ihm, nach was es strebe und erzählte von seinem Wunsche nach Reichtum.

Der Herr antwortete darauf, wenn das Mädchen glaube, durch Reichtum glücklich zu werden, so solle es ihm folge. Erleichterten und frohen Herzens folgre das Mädchen. Der Herr führte es hin zu dem einen Greifenstein. Eine große Eingangstür öffnete sich und durch einen Vorraum kam man ins Schloßgemach. Alle die bei derartigen sagenhaften Erzählungen in bezug auf die Schlösser erwähnten prunkhaften Innenausstattungen zeigten sich auch hier. So wird erzählt, daß helles Licht die Räume durchflutete, die Bewohner des Schlosses in kostbaren, goldbestickten Seidengewändern umherliefen, von den Wänden goldene Tapeten herabhingen und alle diese Einrichtungen auf das Mädchen wie ein märchenhafter Traum einwirkten. – Glücklich fühlte es sich hier.

In diesem Schloßgemach zeigten sich noch mehrere derartige feine Männer, die auf das Mädchen zugingen und ihm die Hand zum Gruße boten. Einer unter ihnen richtete die konkrete Frage an das Mädchen: „Du willst gern reich werden?“ Das Mädchen bejahte diese Frage.

Ehe er jedoch dem Mädchen die Schloßkammern im Schlosse mit den gehäuften Goldklumpen zeigte, machte er es auf die Gefahren aufmerksam, die Reichtum in sich birgt. Er gab ihm zu bedenken, daß auch Reichtum nicht alles Glück auf Erden mit sich bringe. Wie viele hätten sich da schon getäuscht. Dauernde Gesundheit sei ein größerer Reichtum als alles Geld auf Erden. Auch in bezug auf Liebe und Schönheit vermöge Goldreichtum nicht immer glückliche Menschen zu schaffen. Manche schöne Mädchengestalt sei sittlich geknickt worden durch – Gold, und mancher sonst gute, sozial denkende Mensch sei zum Verächter seiner Mitmenschen geworden durch – Gold.

Darauf zeigte der Herr dem Mädchen die Goldschatzkammern und forderte es auf, sich soviel zu nehmen, wie es wolle. – Aber das Mädchen wankte zurück; es konnte sich bei der Wahl zwischen Reichtum und Armut nun nicht entschließen. Die zu ihm gesprochenen Worte bewegten noch sein Inneres.

Da gab der Herr dem Mädchen den guten Rat, daß es heute nach Hause gehen sollte, und wenn es weiterhin Begehr nach Reichtum habe, so könne es jederzeit Gold holen. Der Eingang stünde immer offen.

Er führte das Mädchen zurück in den Vorraum des Schlosses, wo der Mann verweilte, den es im Walde getroffen hatte. Derselbe ging mit ihm zurück bis zu der Stelle, wo er ihm begegnet war und verschwand dort plötzlich. Als das Mädchen allein war, ging es noch einmal zurück zu dem einen Greifenstein, um zu sehen, ob der Eingang vorhanden sei. Aber er war verschwunden. So viel das Mädchen ach suchte, nirgends war mehr eine Spur davon zu sehen. – Auch ist im Laufe der Jahrhunderte kein Eingang wieder sichtbar geworden. – „Das sei das Sonderbare an der Geschichte“, so schließt die Sage, wie ja alle unsere Sagen überhaupt von sonderbaren Rätseln berichten, die man auch danach bewerten muß.