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Der blonde Frauenzopf von St. Joachimsthal

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 7 vom 12. Februar 1939. S. 5

Der große Reichtum der alten Bergstadt St. Joachimsthal, die in dieser Woche die Bezeichnung „Radiumbad“ erhalten hat, findet noch in vielen, kunstvoll ausgeführten Hausportalen Ausdruck, die sich über mancherlei Brände bis in unsere Tage erhalten haben. Die alten Chroniken melden, daß ein gewisser Bach aus Geyer zusammen mit dem Schlackenwerther Oeser 1512 hier zuerst nach Silber schürften, den Bau aber mangels ausreichender Geldmittel wieder aufgeben mußten. Erst als sich Graf Stephan Schlick, Inhaber der Herrschaft Schlackenwerth, 1519 der entdeckten Bodenschätze annahm, gelangte der Joachimsthaler Silberbergbau zur Blüte. Der von ihm gegründeten Gewerkschaft gehörte auch der reiche Annaberger Gewerke Hans Thumshirn an. 1516 konnten als erste Ausbeute 516 Taler ausgeschüttet werden. Auf dem Boden der alten Siedlung Konradsgrün wuchs die neue Bergstadt rasch empor und zählte 1521 bereits 5790 Einwohner in 400 Häusern. 29 Zechen lieferten eine Ausbeute von 127.581 Talern. Die Bevölkerung stieg innerhalb von zwei Jahrzehnten auf 18.000 an. Baumeister und Steinmetzen wurden herangezogen. Kirche, Rathaus, Münze und anspruchsvolle Patrizierhäuser entstanden.

Kopie
(Aufnahme: T. A. W.-Bilderdienst-K.)

Unser Bild zeigt das Portal des Hauses „Schlick“ aus dem Jahre 1543 mit dem Wappen des Bauherrn Wolf Thiel, eines Alt-Joachimsthaler Bergbeamten. Vor etwa 20 Jahren wurden gelegentlich kleiner Ausbesserungsarbeiten vom Besitzer H. Früchtl in einem leider mehrfach zersprungenen Gefäße zahlreiche Schlicktaler, die dem Museum geschenkt wurden, ein lateinischer Haussegen und im Mauerwerk der rückwärtigen Haustüre ein langer, dicker, blonder Frauenzopf gefunden, der wahrscheinlich nach uraltem Brauch als Bauopfer für das Haus eingemauert worden ist.

Besonders erwähnenswert sind noch das Portal des Rathauses, des jetzigen Postamtes (1541), der Gemeindebücherei und Lesehalle (1555), des „Spitals“, der Dechantei und des Bergamtes, die ungefähr in gleicher Zeit entstanden sind. Sie kennzeichnen nicht nur den Reichtum der alten Geschlechter, sondern auch deren Kunstsinn.