Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt. Nr. 32, 8. August 1937, S. 1 – 2.
Der erzgebirgische Bergbau war einst von so einschneidender Bedeutung, daß er dem ganzen erzgebirgischen Leben seinen Stempel aufdrückte und somit zum erzgebirgischen Kulturträger ward. Aus der reichen bergbaulichen Eigenkultur, die sich auf Sitte und Sprache, auf Recht und Glauben, auf Kunst und Sachgüter des Bergmannes auswirkte, greife ich das Lied heraus, als einen Teil der „bergläuftigen“ Sprache. Das Erzgebirge ist nämlich die Wiege des Bergliedes, des „Bergreyhens“. Auch die Bezeichnung „Bergreyhen“ hat zweifelsohne mit dem Liede zugleich ihren Verbreitungsweg vom Erzgebirge aus genommen. Reges gesangliches Leben herrschte in den bergmännischen Gemeinschaften des Erzgebirges. Meltzer schildert uns anschaulich die erzgebirgische Sangesfrohheit: „es ist Bergkleuten und Bergk-Städtern ein freyes und lustiges Gemüthe gleichsam angebohren und muß sich dahero dasselbe fast nothwendig durch Singen der Bergk-Reyhen bezeugen. Das Maul muß auffgethan, der Hals dran gestrecket und ja wohl aus allen Kräfften gesungen seyn, daß man es weit genung hören kan: der Seyten auf ihrer Bergkmännischen Harffe oder Zyther schonen sie auch nicht, sondern schlagen mit dem Federkiel weidlich drauff, daß es nur allenthalben fein starck klinget und thönet.“ (Eine Bergzither, eine sogen. „Hummel“, aus dieser Zeit vor 1700 besitzt das Annaberger Erzgebirgsmuseum.) Gedruckt erschienen die ersten Bergreihen 1531 in Zwickau. In den 1547 veröffentlichten zwei Fortsetzungsheften finden wir auch Annaberger Berg-Reyhen, so in dem 2. Band die stark volkliedhafte Altannaberger Liebesballade „Wer ich ein wilder Falcke, ich wolt mich schwingen aus“. Am Schlusse des Liedes stellt sich uns der Verfasser vor:
„Vnd der uns dieses Liedlein sang,
Von newen gesungen hat,
Ein freyer Berckgesell ist er genandt
Auf Sanct Annaberg in der Stadt.“
„Das drit teyl der Bergfreyen“, das sich ausdrücklich „Etzliche schöne Bergreyen von Schneeberg, Marienberg, Annaberg, Freyburg und Sanct Joachimsthal“ bezeichnet, bringt uns das 9strophige Annaberger Bergstadtlied „Wohlauf, ihr guten Gesellen“, dessen Urheber ein einfacher Bergmann zu sein scheint. Ein anderer Bergreihen wieder, „Ich hab‘ durchwandert Städt und Land“, der 1545 in einer Sammlung des Musikers und Buchdruckers Georg Rhau erschien, besingt strophenweis, in der Form des berühmten Pavier Landsknechtliedes, die erzgebirgischen Bergstädte; von Annaberg heißt es da:
„Sanct Annaberg gantz tröstlich ist
Den Hertzogen zu Sachsen,
Erbauet wart in kurtzer frist,
Vil holtz war do gewachsen.
Die Stadt ist fern und weit bekant,
Das thun die Bergwerk machen,
Vil Volck hat sich dohin gewant,
Ausrichten jr Bergsachen.“
Auch in den Bergliedern der späteren Zeiten klingt immer einmal der Name Annaberg auf. So erschienen 1615 von dem Annaberger Mag. Johann Schreiter zwei neue geistliche „Bergreihen“. Als Verfasser des „schönew Berglied“ „In Gottes Namen fahrn wir ein“ ist uns ein Annaberger Bergmann W. R. genannt. ‒ Das bergmännische Hochzeitslied „Auf, Häuer und Bergknappen“ stammt von dem Annaberger Mag. Hoffmann, der es nebst 5 anderen „Bergkliedern“ 1689 in seinem bergmännischen Gebet- und Gesangbüchlein erscheinen ließ.
Wann und wo wurden nun diese Berglieder gesungen? Georg Agricola meldet uns 1556 in seinem bedeutsamen Werke „De re metallica“ (befindlich in der Annaberger Ratsbücherei): „Oft begleiten sie zur Erleichterung der schweren und gefahrvollen Arbeit ihr unterirdisches Schaffen mit schönem Gesang, selbst des Nachts, um Müdigkeit und Schlaf fernzuhalten.“ Vor allem aber erklang das Lied beim Zusammensein in fröhlicher Runde, nach „verfahrner Schicht“ ‒ ganz besonders natürlich an den herausgehobenen Feiern, so den Bergfesten, die von den Knappschaften einmal alljährlich begangen wurden, und zwar ursprünglich allgemein zur Fastnacht. Ein Ueberrest von dem lustigen „Fastnachtsquaß“ der Bergleute ist das Fastnachtstreiben in der erzgebirgischen Kinderwelt. Bei den Bergfesten nun wurden stets „allerley Bergreihen“ gesungen. Aber auch sonst, z. B. bei den Schneeberger Singumgängen, bei Paraden anläßlich von Fürstenbesuchen usw. erschollen die schönen Bergreihen, oft von besonderen Bergsängern und –chören vorgetragen.
Die Berglieder sind leider fast alle aus dem lebendigen Liedschatz unseres Volkes geschwunden. Zum allgemeinen Volksliedgut haben sie eigentlich nie gehört. Sie sind Standeslieder, die infolge ihrer bergläuftigen Sprache mit ihrem eigentümlichen bergmännischen Wortschatze, mit den vielen Bildern und Vergleichen aus dem Bergmannsleben an die bergmännische Gemeinschaft, ihrem Mutterboden, gebunden blieben, und folglich auch landschaftlich gebunden, nämlich an die Bergbaugebiete, und letzten Endes auch zeitlich, nämlich an die Hoch-Zeiten des Bergbaues, wo große bergmännische Gemeinschaften Horte des Bergliedgutes waren. Zum andern sind die Berglieder meist auch zu grüblerisch, nachdenkerisch, als daß sie sich das Herz des ganzen Volkes hätten erobern können. Wie schwer verständlich das Bergdeutsch oft war, läßt schon der folgende Titel eines Bergreihen-Büchleins erahnen: „Der Durch das geistliche Schlägel und Eisen andächtiger Berg-Reyhen und Gebethe Das Gedinge seines Glaubens herausschlagende Christliche Bergmann.“
Die erzgebirgischen Berglieder sind für uns von hoher kulturwissenschaftlicher Bedeutung. Sie erhellen uns Wesen und Art und Lebensweise des erzgebirgischen Bergmannes und lassen uns zugleich das grenzländische Erzgebirgertum erkennen. Unsere Zeit wird ganz besonders angesprochen von dem starken Gemeinschaftsgefühl der Bergleute und ihrem Organisationsgeschick, denn ihr Stand war ein wohl gegliedertes Ganzes und stellte sich als solches bei Paraden und großen Massenaufzügen öffentlich zur Schau.
Deubner