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Besuch beim ältesten sächsischen Nagelschmied.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 6 vom 5. Februar 1939. S. 6.

Noch vor 200 Jahren hämmerten über 400 Nagelschmiede in der weiten Streusiedlung Rübenau am Erzgebirgskamm. Heute brennen etwa noch ein Dutzend Schmiedefeuer einiger Handwerker, die von der fabrikmäßigen Nagelherstellung übriggelassen wurden. Wir gehen am Wiesenhang hoch zum Häuschen Nr. 85. Stabeisen und Anthrazit liegen auf dem Hofe und im warmen Stübchen begrüßt uns der 78jährige Nagelschmied Franz, der schon mit zwölf Jahren an Blasebalg und Amboß begann und heute noch täglich bis zu 750 Nägel pocht. Vater Franz ist geborener Rübenauer, immer hier gewesen und erinnert sich noch sehr gut der Zeiten, da es überall gepocht und geklopft hat. Mutter Franz steht, während wir über das mühsame, rußige, harte Handwerk plaudern, am Ofen und streichelt mit Händen voll tiefen Runen die warmen Kacheln. Sie hat neun Kinder großgezogen und lächelt still in sich hinein, als ihr Alter berichtet, daß er in den jüngeren Jahren mit 8 – 10.000 Stück Nägeln aller Arten auf dem Schiebbock zu den Hufschmieden gefahren sei, um seine Erzeugung an den Mann zu bringen. Großvater und Vater waren auch Nagelschmiede und der alte Franz hat auch von zwei Generationen zurück noch Kunden für seine Nägel im Spreewald. Solche, die er sich selbst durch gute Arbeit warb, nehmen seit 50 Jahren seine Schmiedeware. Früher hat man drüben hinter dem weiten Kriegwald in Pobershau Eisenerze gefunden, im Rübenauer Hammerwerk verhüttet und dann den Nagelschmieden zugeführt. Vater Franz will uns seine Kunst zeigen. Am dicken schwarzen Deckenbalken hat er ein Musterlager seiner Nägel eingeschlagen. Da sind solche dabei, die er ehedem als Schienennägel für die Huntegleise des Freiberger Silberbergbaues lieferte, und Bandnägel als die heute gangbarste Sorte, Fenstereisen, Gasrohr-, Putz- und Bleirohrhaken. Geschickt mischt er einige Hände voll seiner Hobelspäne, klare Steinkohlen, etwas Anthrazit, brennt das Gemengsel an, schiebt zwei halbe Briketts darauf und zieht am Blasebalg. Der hat tiefe, verstaubte, runzelige Falten in seinem über 1,5 Meter langen Lederleib. Der Luftzug faucht die Glut zur Flamme. Vater Franz schiebt ein Stück Stabeisen hinein. Nach kurzer Zeit zieht er´s mit der Zange wieder heraus und schmiedet es mit wohlgezielten und geschickten Schlägen zum formgerechten Bandnagel. Der alte Schmied erklärt, daß die hier geschaffenen Nägel, weil sie heiß geschmiedet werden, weitaus haltbarer seien, als die im Kaltverfahren hergestellten. Stolz zeigt er uns neben schockweise in Lederpappe aus Pockau verpackten Bandnägel eine Lieferung von Schiffsnägeln, die in den nächsten Tagen nach Riesa versandt werden. — Wenn wir uns den Alten betrachten, glauben wir fest, daß erst der Tod imstande ist, ihn vom Amboß wegzurufen …