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Dr. Johann Schreiter, ein Annaberger Stadtkind und Wurzener Stiftssuperintendent vor 300 Jahren.

Ein Beitrag zur Annaberger Geschlechterkunde.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 32 vom 6. August 1939. S. 5 – 7.

Von nicht geringem Wert ist für uns eine Ergänzungsschrift zur Schreiterschen Lebensgeschichte, die uns der Historiker M. Schöttgen geboten hat. Einer seiner verständnisvollen Mitarbeiter auf dem Gebiete heimatlicher Geschichte, M. Samuel Schneider, Pfarrer in Gerichtshain bei Leipzig, lieferte dieselbe als „Bei- und Nachtrag zu Herrn D. Joh. Schreiters, weil. hochverdienten Stifts-Superint. zu Wurzen, eines gelehrten Annabergers, Leben“.

Der „große und fromme Theologe“, von dem uns das Zeugnis gegeben wird, daß er unter den berühmt gewordenen Söhnen Annabergs als „ein Stern erster Größe zu achten“ ist, wurde am 20. Oktober 1578 geboren. Sein Vater, Lorenz Schreiter, war in Annaberg Hüttenschreiber und Stadtrichter; die Mutter, Margarete, war M. Phil. Wagners, des dortigen Superintendenten und späteren Churfürstl. Hofpredigers zu Dresden Tochter. Unser Johann Schreiter hatte noch einen jüngeren Bruder, Philipp, welcher am 23. Mai 1586 ebenfalls zu Annaberg geboren wurde. Es war dieser i. J. 1608 Schullehrer in Joachimsthal, 1615 Hospitalprediger in der Vaterstadt, wo er 1617 Bergprediger wurde, aber schon 1621, den 18. Mai, im 35. Lebensjahre starb.

Seinen Ursprung leitete das Schreitersche Geschlecht aus Dänemark her, wo es den Beinamen „von Erzstein“ führte, den es „durch ritterliche Taten, besonders aber durch seine Erfahrung in der Bergwerkskunde“ dort erworben haben soll. Als die Bergstadt Annaberg emporblühte, war Lorenz Schreiter von Erzstein, der Urgroßvater unseres Superintendenten, um 1530 als Bergsachverständiger nach Sachsen gekommen; er starb 1552 zu Annaberg. Dessen Sohn, Thomas Schreiter von Erzstein, zog nach Breslau, ward daselbst ansässig und wohlhabend, machte sich auch so verdient, daß Kaiser Rudolf II. ihn 1577 samt seinem Bruder Hans, an anderer Stelle Jacob genannt, und den beiderseitigen Erben in des Heil. Röm. Reiches Adelsstand mit dem beibehaltenen Prädikat „von Erzstein“ erhob. Sie erhielten ein eigenes Wappen: Einen aufgerichteten, nach links schreitenden Löwen, der in den Vorderklauen 3 Erzsteine auf dem Tablett trägt. Thomas Schreiter hatte einen Sohn Lorenz, welcher Stadtrichter in Annaberg und dort der Vater unseres Dr. Johann Schreiter ward. Es ist jedoch zu erwähnen, daß Dr. Johann Schreiter wie auch schon sein Vater den adeligen Ehrenstand und Namen verleugnet haben und sich nur kurzweg „Schreiter“ nannten, wenngleich sie das erwähnte Wappen weiterhin im Siegel führten.

In seiner frühen Jugend soll Joh. Schreiter „ein sehr kränklicher Knabe“ gewesen sein, weshalb ihn seine Eltern zu Hause unterrichten ließen. Später aber trieb er seine Schulstudien an der damals berühmten Stadtschule zu Annaberg unter dem Rektor M. Paul Jenisch (Jenisius), nachherigem Superintendenten von Eilenburg, mit höchstem Fleiße. In der lateinischen und vor allem auch griechischen Sprache erlangte er hier eine solche Fertigkeit, daß er in solcher Verse und Gedichte aus dem Stegreif und auf der Stelle zu verfassen imstande war. Schon in seinem 18. Jahre konnte er, von den besten Empfehlungen des ihm sehr wohlwollenden Jenisius begleitet, die Universität Leipzig beziehen, wo er 1596 bei der Theolog. Fakultät inskribiert wurde. Im folgenden Jahre bereits Baccalaureus, erwarb er sich 1601 einen noch rühmlicheren Namen als „Magister legens“. Inzwischen waren die Eltern gestorben und Schreiter verließ die Universität; er ging als Hofmeister zu einem böhmischen Edelmann, Othmar von Hrobschitz auf Lizschka und Otschenhau, wo er Gelegenheit nahm, zugleich die Prager Universität zu besuchen. 1602 sollte er mit dem von Hrobschitz auf Reisen gehen, jedoch dessen schneller und unvorhergesehener Tod vereitelte dieses Vorhaben.

Indes war Schreiter gut empfohlen und ward in der Verwandtschaft des Verstorbenen ebenfalls Hofmeister; mit etlichen Herren von Adel aus dessen Geschlecht kam er 1603 wieder nach Leipzig, wo er an der Universität seine theolog. Studien fortsetzte. Mit vieler Kenntnis und Scharfsinn widerlegte er in dieser Zeit einem röm.-katholischen Eiferer, der die Augsburger Konfession angetastet hatte. Viel übte er sich im Predigen, worin er ein vortreffliches Talent zeigte. Bald darnach begab er sich auf die Universität Wittenberg, wo er in zahlreichen Disputationen hervortrat.

Auf die gewichtige Empfehlung Dr. Weinreichs, Superintendent in Leipzig, der auf Ansuchen des Rats zu Joachimsthal Schreiter als Rektor der dortigen Schule vorgeschlagen hatte, entschloß er sich zur Uebernahme dieses Amtes. Also ging er 1604 nach Joachimsthal, wo er sich auch zum ersten Male vermählte. Nachdem er das Rektorat vier Jahre lang verwaltet hatte, erfolgte 1608, im 30. Jahres seines Alters, die Berufung zum Diakonus in seine Vaterstadt Annaberg. Am 24. Juli hielt er hier seine Probepredigt, nach seinem eigenen Geständnis „mit einer ziemlichen Blödigkeit, da er dergleichen Uebung seit vier Jahren nicht mehr gehabt“. Zugleich versah er die Bergprediger-Stelle und weihte am 15. Oktober 1614 die an Stelle der 1604 abgebrannten neuerbaute Bergkirche mit einer Predigt, die im Druck erschien. Nach siebenjährigem Wirken in Annaberg erging an ihn im Jahre 1615 der Ruf zum Pfarrer nach Kaaden in Böhmen. Am 23. Juli hielt er in seiner Vaterstadt die Abschiedspredigt. Mit seiner Uebersiedlung nach Kaaden begab er sich auf ein nicht ungefährliches Terrain, denn gerade in Böhmen stießen jetzt die konfessionellen Gegensätze, die den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges in absehbarer Zeit heraufbeschwören sollten, hart aufeinander. Das hatte schon sein Vorgänger an sich erfahren müssen, den ein katholischer Meßpriester auf öffentlicher Straße ungescheut geschlagen und mißhandelt hatte; gab man doch von seiten der röm.-kathol. Kirche vor, daß die kaiserlichen Privilegien, welche den Lutheranern in Böhmen der Religionsfreiheit wegen erteilt worden waren, nur auf gewisse Zeit gegeben, jetzt aber abgelaufen und somit null und nichtig wären. Schreiter kehrte sich jedoch nicht daran, sondern trat in seinen Predigten so unerschrocken auf, „daß ihm alles Volk zugelaufen, der Pfaffe hingegen in seiner Messe allein gelassen worden“.

Auf den Rat des Dresdner Oberkonsistoriums hatte Schreiter sich auf diesen schwierigen Posten gewagt. Aber schon im August 1616 hielt man die Zeit für gekommen, ihn aller bevorstehender Gefahr zu entheben und somit wiederum abzuberufen. Wider alles Vermuten erhielt Schreiter vom Oberkonsistorium Befehl, sich in Dresden einzustellen, da er nach Ableben des D. W. Mamphrasius zum Wurzener Stiftssuperintendenten ausersehen worden sei. Ungesäumt kam er der Aufforderung nach; am 18. September 1616 hielt er in der Schloßkirche die Predigt. Inzwischen ward seine Berufung nach Wurzen endgültig beschlossen. Am 6. Oktober reiste er noch einmal nach Kaaden, wo er – nachdem er dort fast 1½ Jahre seines Amtes gewaltet hatte – am 26. Dezember 1616 die Abschiedspredigt hielt. Er wurde höchst ungern weggelassen und es zeigte sich hierbei, welcher Verehrung und Wertschätzung sich der Scheidende erfreute.

Noch in den letzten Tagen des Dezember 1616 setzte Schreiter seine Uebersiedlung nach Wurzen ins Werk. Den 30. kam er dort an und am Neujahrstage 1617 hielt er in der Domkirche die Antrittspredigt. Am 18. September promovierte er an der Universität Leipzig zum Lizentiat und am 6. November desselben Jahres zum Doktor.

Zum ersten Male hatte er sich im Jahre 1606 vermählt in Joachimsthal mit Benigna Kohl, der Tochter des dortigen Bürgermeisters. Diese starb 1615 zu Annaberg und hinterließ ihm zwei Kinder: 1. Gottfried, geb. 1609 zu Annaberg, später Magister, 1638 Pfarrer in Mügeln, gest. 1649; 2. Maria, welche im Jahre 1632 den Leisniger und nachherigen Merseburger Superintendenten M. Gottfried Cundisius heiratete, aber schon den 2. Oktober 1632 an der Pest plötzlich in Wurzen starb. – In zweiter Ehe war Schreiter seit 1621 vermählt mit Maria von Steig, aus altadligem Geschlechte, das teils zu Freiberg, teils zu Annaberg berühmte Ahnen hatte, die schon im Jahre 1500 vom Kaiser Maximilian die Erneuerung ihres Wappens erlangt. Ihr Vater, Hieronymus von Steig, auf Habichtsberg, war Berg- und Bürgermeister zu Annaberg. Diese zweite Gattin hat ihn um 34 Jahre überlebt; sie starb erst 1672 zu Annaberg. Dieser Ehe entsprossen 1. Lic. Johann Schreiter, Syndikus zu Meißen, geb. 1619, gest. 1663; 2. D. Christoph Daniel Schreiter, seit 1657 Stiftssuperintendent zu Wurzen. Er war geboren 1624, stand beim Ableben des Vaters erst im 14. Lebensjahre, erlangte aber ein ungewöhnliches hohes Alter und starb 1714 zu Wurzen im 90. Lebensjahre.

Kopie
Christoph Daniel Schreiter, 1624 – 1714. (T. A. W.-Bilderdienst.)

Welches Ansehen D. Schreiter an höchster Stelle genoß, das beweist seine Entsendung und Beiordnung zu wichtigen theologischen Konventen. Auch trug ihm im Jahre 1625 der Rat zu Annaberg die damals erledigte dortige Superintendentenstelle an, welche er jedoch unter dem Hinweis auf sein Amt und herannahendes Alter ausschlug.

D. Joh. Schreiter war eine Gelehrtennatur. Nachgewiesen sind von ihm 22 Schriften außer zahlreichen Leichenpredigten, von denen 13 im Druck erschienen sind. Schreiters körperliche Konstitution schien nicht immer den Anforderungen gewachsen, die der geistliche Beruf und das Superintendentenamt an ihn stellten. Vieles Schwere brachten die schlimmen Pest- und Sterbezeiten der Jahre 1626, 1632 und 1633; ihn selbst befielen mancherlei gefährliche Krankheiten, die er noch glücklich überstand, „besonders erfüllte ihn aber die im Jahre 1637 in der Marterwoche erfolgte schwedische Angst und Not seiner guten Stadt Wurzen mit solchem Jammer, daß er bettlägerisch wurde“. Daß schwedische Reiter ihn über zwei Stunden lang am Pferde mit herumführten, bis er sich mit schwerem Gelde loskaufen mußte, seine Behausung noch vollkommen leer geplündert ward, daß er mit seinen Söhnen unter höchst entwürdigenden Umständen schwedische Pferde halten mußte, war für ihn – der mit den Seinen noch das Leben rettete – ein Schicksal, welches gegen das vieler anderer Einwohner noch glimpflich zu nennen war. Indessen wollte er weder jetzt noch später dem allgemeinen Unglück sich entziehen; obgleich man ihm riet, sich an einen sicheren Ort zu begeben, etwa dem schützenden Leipzig, folgte er doch seinem oft gebrauchten Leitwort: Es ist etwas anderes, den Glauben zu lehren, als – denselben wirklich auszuüben.

Nachdem er sich vom Krankenlager erhoben hatte, fühlte Schreiter sich stark genug, im August desselben Jahres eine Reise nach Annaberg zu unternehmen, um seine geliebte Vaterstadt noch einmal zu sehen. Doch empfand er auch dort wieder einige Unpäßlichkeit und Schwäche, die aber nur vorübergehend schien. Auch nach seiner Rückkehr nach Wurzen befand er sich ziemlich leidlich, bis zu Anfang Februar 1638 ein Rückfall sich bemerkbar machte. Seine letzte Amtspredigt hielt er am 7. Februar.

Zehn Tage vor seinem Ende stellte sich ein Fieber ein, das er als gewissen Vorboten des Todes ansah. Am Sonntag, dem 21. Februar 1638, erfolgte D. Schreiters sehr sanfte Auflösung, nachdem er sein Leben auf 59 Jahre 4 Monate gebracht und in Schulen und Kirchen 34 Jahre hindurch seines Amtes gewaltet hatte. Am 26. Februar war sein öffentliches, ehrenvolles Leichenbegängnis, bei welchem der Superintendent von Eilenburg, D. Friedrich Leyser, eine Predigt hielt, die nebst den Personalien des Verstorbenen zu Leipzig gedruckt wurde.

W. Koch-Wurzen.