Von W. Ludewig.
Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 29 vom 16. Juli 1939. S. 6 – 7.
Die Belege, die den folgenden Ausführungen zu Grunde liegen, wurden im Zusammenhang mit anderen wirtschaftsgeschichtlichen Studien aus Stadt- und Gerichtsbüchern sowie aus Stadtrechnungen des Annaberger Stadtarchivs zusammengetragen. Sie geben uns zwar kein lückenloses, aber doch ein ausreichendes Bild namentlich von der Kapitalbeteiligung und dem Kuxbesitz Annaberger Bürger an Joachimsthaler Gruben während der Zeit bis etwa 1540. Dabei ist nicht beabsichtigt, an dieser Stelle Beleg um Beleg auch nur im Auszug aneinanderzureihen, vielmehr muß sich der Leser mit der Versicherung begnügen, daß die hier vorgebrachten sachlichen Angaben jederzeit an Hand der vorliegenden Materialsammlung nachgeprüft werden können.
Obwohl die benutzten Schuldvergleiche, Zessionsverträge, Verlassenschaftsverhandlungen mit ziemlicher Sicherheit nur einen Teil der hier in Betracht kommenden Beziehungen erfassen, so läßt sich doch sagen, daß Annaberger Bürger und Einwohner aller sozialer Schichten seit etwa 1517 als Besitzer Joachimsthaler Bergwerksanteile nachweisbar sind. Wir finden unter ihnen zunächst Träger von Namen, die der wirtschaftlich führenden Schicht des damaligen Annaberg angehören. So erscheinen um 1520/21 die Erben der Ratsherren Hans Kürschner und Leonhard Koch als Gewerken in „S. Erasmus“ und „S. Erasmi Vierung“. Um dieselbe Zeit treten Johann Wiesemann, Oswald Gunther und Hans Zebitzer als Mitgewerken der „Vierung der obernächsten Maß n. d. Geyrischen Fundgrube“ auf. Am Dienstag nach Misericord. Dom. (10. Mai) 1519 tritt Nickel Pflug außer einer Schmelzhütte zu Geyer ½ Kux in der „Unternächsten Maß n. d. Geyrischen Zeche“ an den Abt zu Pforte ab, wobei dieser Anteil mit 128½ Gulden bewertet wird. Aus einer Nachlaßverhandlung vom Sonntag n. Leonhardi (10. November) 1532 erfahren wir, daß der Berg- und Hüttenunternehmer Gisbert von Lüttich außer Zechen, Felsen und Pochwerken zu Annaberg, einer Hütte und Zeche zu Geyer, Bergteilen zu Thum auch solche zu Joachimsthal hinterlassen hat. Ebenso werden in einer Vollmacht des Joachimsthaler Berghauptmanns Heinrich von Könneritz vom Freitag n. Oculi (5. März) 1529 Joachimsthaler Kuxe als Besitz des Andres von der Straßen erwähnt.
Sehr lebhaft war Lienhard Reck an Joachimsthaler Zechen beteiligt, wie sich aus einer Zessionsurkunde vom Sonnabend n. Lätare (28. März) 1517 ergibt, durch die Reck einem Nürnberger Gläubiger namens Hans Hesse insgesamt 15 Kuxe in 7 Joachimsthaler Zechen pfandweise übereignet. Das gleiche können wir für Valten Thiel feststellen, der nach einem Inventar vom Dienstag n. Conception. Marie (10. Dezember) 1532 außer zahlreichen Kuxen, Hütten und Halden im Annaberger Revier 11 Teile in 6 Joachimsthaler Gruben hinterlassen hat. Ebenso verzeichnet das 1543 ausgestellte Nachlaßinventar des Annaberger Bürgers Erhart Scharff Anteile an 10 Joachimsthaler Gruben. Daneben stoßen auch auf eine ganze Reihe von Kleingewerken, die einen oder zwei Kuxe in dortigen Gruben bauen, doch gibt es einzelne Handwerker, die über größeren Joachimsthaler Kuxbesitz verfügen. So trifft z. B. Am Montag n. Michaelis (3. Oktober) 1524 der Büttner Hans Gotschalck d. Aelt. letztwillige Bestimmungen über seinen Besitz, unter dem 14 Teile in „S. Wolfgang, Clausmanns Lehen“ zu Joachimsthal genannt werden.
Auf dem zeitweise recht ertragreichen „S. Andreaser“-Gangzug am Türkner zu Joachimsthal bauten in zeitlicher Folge nachstehende Annaberger Gewerken: Gertrudt verw. Georg Mutschen (1519), der Münzmeister Melchior Irmisch (1525), die Erben Erhart Müllrs (1525), Nickel Swabes (1526) und Valten Thiels (1532). Als Gewerken der reichen Fundgrube „S. Catharina Stern“ und ihrer Maßen begegnen uns 1527 die Hinterbliebenen Gabriel Kellers und Philipp Zeigkers, ferner 1532 Hans Kretschmars Erben sowie 1543 Hans Zicker.
Ebenso erscheint auch der Annaberger Rat als Gewerke Joachimsthaler Zechen, wie aus den Stadtrechnungen 1519/20, 1530/31 und 1532/33 hervorgeht.
Danach vereinnahmte er im Rechnungsjahr 1519/20 von je 1 Kux in „S. Urban im süßen Wein“ und „S. Wolfgang, Clausmanns Lehen“ sowie von 2 Kuxen in „S. Georg, Schöpsen Lehen“ insgesamt 41 Gulden Ausbeute, 1530/31 sind von je 1 Kux in „14 Nothelfern, Becken Fundgrube“, in der „Bauern Fundgrube“ und in der „Obernächsten Maß n. d. Heiligen Dreifaltigkeit“ zusammen 39 Gulden und 1532/33 von 1 Kux in den „14 Nothelfern“ 5 Gulden 10 Groschen Ausbeute verschrieben.
Die Beziehungen Annabergs zu Joachimsthal beschränken sich indes nicht auf derartige Kapitalbeteiligungen, sondern der Joachimsthaler Bergbau berührte auch den Metallhandelsplatz Annaberg. Namentlich gingen über Annaberg die für den Hüttenbetrieb unerläßlichen Bleizufuhren, die von Leipzig herkamen. Bereits am Donnerstag n. Pfingsten (16. Juni) 1519 verbürgen sich die Annaberger Bürger Merten Behem, Merten Weymann und Balzer Moler gegen den Metallhändler Cuntz Peyer für 50 Ctr. 38 Pfd. Blei im Wert von 101 Guld. 6 Pf., die Peyer an den Burggrafen Alexander von Leisnig, Herrn zu Hauenstein, einen der ersten Gewerken in Joachimsthal, geliefert hat. Weiter bezahlt am Dienstag n. Quasimodogeniti (18. April) 1531 Gregor Schütz 48 Guld. 1 Gr. 7 Pf. Waaggeld für 6075½ Ctr. Blei, die er im Rechnungsjahr 1530/31 „durch dieses furstenhumb in Dhael“ geführt hatte.
Für die Entwicklung des Joachimsthaler Bergbaues mindestens ebenso bedeutsam wie diese finanziellen und händlerischen Beziehungen ist die Abgabe von Arbeitskräften seitens der sächsischen Bergstädte an das aufblühende sudetenländische Gangfeld. Die Bergknappen des aufgehenden 16. Jahrhunderts waren ein sehr unstetes und gegebenenfalls auch recht unruhiges Bevölkerungselement. Um hier unliebsamen Entwicklungen zuvorzukommen, schlossen die sächsischen Fürsten beider wettinischen Linien am Dienstag n. Marie Heimsuchung (3. Juli) 1520 mit den Herren Schlick für Joachimsthal und Pflug für Schlaggenwald ein interessantes Abkommen über Angebot und Nachfrage von Arbeitskräften, Arbeits- und Lohnbedingungen sowie andere sozialrechtliche Fragen ab. Auf den näheren Inhalt dieser Konvention kann hier nicht eingegangen werden; sie ist abgedruckt bei J. Strieder: Studien zur Geschichte der kapitalistischen Organisationsformen, 2. Aufl. München und Leipzig 1925, S. 427 – 429.
Außer diesen speziell aus bergbaulichen Interessen entsprungenen Wirtschaftsbeziehungen Annabergs zu Joachimsthal lassen sich fast mühelos zahlreiche andere wirtschaftliche, vor allem aber auch sippenkundliche Fäden zwischen beiden Städten feststellen.