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Ehrenfriedersdorf und seine Umgebung in Sage und Geschichte.

Von Max Grohmann. (Unter Benutzung amtlicher Quellen und einer Arbeit von Max Wenzel-Chemnitz.)

(2. Fortsetzung und Schluß.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 28 vom 9. Juli 1939. S. 5.

Sagen um die Greifensteine.

Im früheren Mittelalter hauste ein Ritter namens Odo dort. Bei einem Aufenthalte in Prag lernte er ein Edelfräulein Ardeliska kennen und inbrünstig lieben, so daß er nicht mehr von ihr lassen wollte und konnte. Doch der Vater des Edelfräuleins war Odo feindlich gesinnt und wies ihn als Freier ab. In einer dunklen, stürmischen Gewitternacht entführte er Ardeliska und brachte sie auf seine Burg. Aber ein gräßlicher Fluch des Vaters folgte ihnen! Allem Anschein nach schien das Paar allen Flüchen zu trotzen, sie lebten äußerst glücklich und zufrieden. Ihre Freude kannte keine Grenzen, als ihnen ein Sohn, namens Werner, geboren wurde.

Einstmals fand Ritter Odo auf einem seiner Jagdzüge im Walde verlassen ein kleines Mädchen, das er zu sich nahm und seiner Frau mit heim brachte, die das kleine Mädchen mitleidig aufnahm, auf den Namen Emma taufte und gleich ihrem eigenen Kinde erzog. Das Mädchen war die Gespielin und Freundin Werners, und mit den Jahren wurde daraus eine starke innige Liebe. Doch die Eltern mißbilligten die Wahl ihres Sohnes, da er nach ihrem Wunsche eine ihm ebenbürtige Frau sich holen sollte und nicht ein Findelkind, vielleicht die Tochter eines Häuslers oder armen Bergmannes. Doch Werner nahm Emma heimlich zum Weibe.

Als er einst zum Kampfe auszog, wurde Emma von den erzürnten Pflegeeltern in das tiefste Verließ geworfen. Auf fauligem Stroh, verzweifelt an Gott und Mensch, bekam das arme Weib ein Kind. Aber in einer Nacht, in der ihre Sinne vom Wahnsinn umhüllt waren, zerschmetterte sie das kleine Wesen und sich selbst an den harten Felswänden des Kerkers.

Während sich dies alles auf der Greifenburg abspielte, waren die Kämpfe Werners siegreich ausgefochten worden und er erfuhr, daß sein geliebtes Weib die Tochter Brunos von Scharfenstein sei und sich einst im Walde verirrt habe.

Voller Freude kehrte er heim, denn wenn die Eltern erfahren, daß seine Frau die Tochter eines Adligen war, würden sie sich sicher zufrieden geben.

Als er aber nach Hause kam und das Grausige erfuhr, stürzte er sich von der höchsten Zinne in den Abgrund, seinem Vater Gottes Fluch und Rache verheißend. Im selben Moment erbebte die Erde, Flammen brachen aus dem Boden, und die Burg zerbarst in Trümmer. Ardeliska und Odo wurden samt ihren Helfern in Fels verwandelt. Doch Emma irre mit ihrem Kinde noch heute im Walde umher und rufe liebenden Paaren, die die Einsamkeit des Waldes suchen, ihr warnendes Weh‘ zu.

Unermeßliche Schätze sollen unter dem Felsengewirr vergraben sein.

Einst sammelten zwei Mädchen Streu im Freiwalde und trugen es in ihren Körben heim. Als sie den schmalen Weg abwärts stiegen, sahen sie zu beiden Seiten an den Fichten Strohhalme hängen, als wenn ein Erntewagen vorbeigefahren wäre, was aber bei der geringen Breite des Weges eine Unmöglichkeit war. Sie streiften aus Uebermut die Halme ab und legten sie in ihre Körbe. Als sie diese daheim ausschütteten, fanden sie unter der Streu eine Menge goldener Ketten. Es waren Teile des Greifensteinschatzes, der sich gesommert hatte und außerhalb des Bannkreises wieder in seine ursprüngliche Form zurückverwandelt wurde.

Auch dem Förster Töpel zu Ehrenfriedersdorf geschah ähnliches. Als er einst am Greifenstein vorbeiritt, schlangen sich einige Halme um seinen Hut. Zu Hause merkte er, daß goldene Ketten daraus geworden waren.

Eine weitere Sage erzählt uns, daß einst ein Wanderer, namens Jahn, sich in den Wäldern des Greifensteines verirrte und ziel- und planlos durch die Wildnis streifte. Da plötzlich stand vor ihm eine Zwergengestalt und forderte ihn auf zu folgen. Er führte ihn in eine prächtige Höhle und gab ihm Essen und Trinken. Seinen Ranzen füllte er außerdem noch mit allerlei Speis‘ und Trank. Auf den rechten Weg zurückgeführt, verschwand der Zwerg und Jahn packte seinen Ranzen aus, und siehe, er war mit lauter Goldbarren gefüllt. Voller Freude gelobte er, das Geschenk recht gut anzulegen. Er baute am Thumer Abhang des Greifensteines mehrere Häuser, die er armen Leuten ohne Mietzins überließ. Als schließlich ein ganzes Dorf entstand, ward es ihm zum Andenken Jahnsbach genannt.

Auch einigen Bettelmusikanten wurde einst von den Geistern des Greifensteins für ihr Aufspielen reicher Segen gespendet.

Ein alter verlassener Bergstolln wird noch heute als Wohnplatz spukhafter Ritter in Verbindung gebracht und heißt noch heute die „Ritterhöhle“.

Magister Lehmann erzählt davon folgendes:

„Von solchem Loch aber sollen alte Leute erzehlet haben, daß einst eine Magd, die sonst, wenn sie des Orts gegraset, öfters daselbst mit Nahmen gerufen worden, im Beysein einer andren Magd auf abermahliges ruffen hinein gegangen wäre, mit dem Verlaß, wenn sie schreyen würde, daß ihr die andere zu Hülffe kommen sollte. Es hätte aber die hinein gehende einen großen Kasten mit Gold und Geld und einen Hund darbey liegend angetroffen, und auf Befehl einer Stimme das Grastuch damit gefüllet, als aber inzwischen der Eingang ganz ganz enge geworden wäre, daß sie auf die andere Magd um Hülfe geschrein, wäre der Hund auf sie loßgesprungen, und hätte alles eingefassete wieder aus dem Grastuch gescharret, darauf sie voller Schrecken von der anderen herausgezogen worden, und des dritten Tages darauf wäre sie gestorben.“

Konnte uns die Ritterhöhle in Gedanken ins Mittelalter zurückführen, so erzählt ein anderer Bergstollen von einem Helden neuerer Zeit, vom Nationalhelden des Erzgebirges. Karl Stülpner, der kühne Wildschütz, hat hier zeitweilig gehaust. Er war ein von den Gerichten unseres Landes strafrechtlich verfolgter, für vogelfrei erklärter Fahnenflüchtiger und Wilddieb. Doch man rümpfe darüber nicht die Nase, denn dieser „Räuberhauptmann“ war kein „bayrischer Hiesel“, kein „Schinderhannes“, nein, o nein, er war und ist eben unser „Stülpner-Karl“.

Ein Jäger und Soldat, arm und niedrig geboren, als armer Teufel gestorben, aber ein ungewöhnlicher Kopf, ein Original. Alle guten und weniger guten Eigenschaften unseres Volksstammes finden wir in ihm vereinigt, deshalb ist er ein Stammesheld. Wie oft mag er von den Felsen aus in die Weite gespäht haben, um seine Verfolger rechtzeitig zu entdecken. Denn weit reicht der Blick von der Höhe und die ganze Herrlichkeit des Obererzgebirges leuchtet auf. Oft hört man hier die Worte: „Wie schön, wie herrlich bist du, mein Greifenstein!“