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Zum 380. Todestag des Rechenreformators Adam Ries am 30. März

Von Fritz Deubner-Annaberg.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 14 vom 2. April 1939. S. 1 – 2.

Wenn auch der Name Adam Ries heute nach fast 400 Jahren immer noch umgeht im deutschen Volke in der Redensart „Nach Adam Riese“, so wissen doch die wenigsten genau Bescheid um seine ungeheure Bedeutung für die Rechenkunst. Erahnen kann man sie allerdings aus dieser Redewendung, die ursprünglich lautete „nach Adam Rieses Rechenbuch“, worauf sich damals eben jeder stützte, wenn er die Richtigkeit einer Lösung als unumstößlich hinstellen wollte. Rieses großes Rechenbuch „Die Practica“ war eben damals das Rechenbuch. Des Nürnberger Mathematikprofessors Doppelmayr Urteil bestätigt das: „man achtete sie (Die Practica) vor gar künstlich, daß man davon zu sagen pflegte, wer Riesens Exempla solviret, der soll für einen Meister in der Rechenkunst gelten.“ Und alle damaligen Chronisten geben Ries das Attribut „berühmter Rechenmeister“. Vor allem gehört er zu den ganz wenigen Rechenmeistern, deren Ruhm über die Grenzen ihres Heimatgaues und über ihre Zeit hinauswuchs. Ries ist wirklich der Rechenlehrer des ganzen deutschen Volkes geworden, seine Rechenbücher wurden in ganz Deutschland verbreitet. Und sie haben ihn lange überdauert: fast 200 Jahre lang behaupteten sie ihre Vorrangstellung, erst 1720 wurden sie durch die Mathematikbücher des Zittauer Rechenlehrers Pescheck überholt. Ihre Beliebtheit verdankten die Ries-Bücher vor allem ihrer Volkstümlichkeit: klar, nach seinen eigenen Worten „uffs allerleichtest und gruntlichst wohl zu begreyfen gefertigt, dem gemeynen Mann nutzlich“ waren sie abgefaßt, mit hübschen Aufgaben, so „holdselig“ nach einem Ausspruch jener Zeit, daß viele andere Mathematiker sie nachdruckten – ohne Quellenangabe natürlich! Nur der große, wirklich schöpferische Mathematiker jener Zeit, Stifel, gab in seinen Büchern Ries als Quelle an. Riesens Methode führte die große Wende im Rechnen herauf. An Stelle des bis dahin üblichen Rechnens mit römischen Ziffern, das heißt also des Kopfrechnens unter Zuhilfenahme von Rechenbrett und Rechenpfennigen, setzte sich durch Ries das schriftliche Rechnen mit deutschen Ziffern und nach dem Zehnersystem durch. Aus den Gelehrtenstuben verpflanze er diese bequeme leichte Rechenart ins Volk und bahnte damit dem Rechnen, das bis dahin mehr oder minder auf Gelehrten- und Amtsstuben und Kaufmannskantoren beschränkt gewesen war, den Weg in die Allgemeinheit. In seinen Buchvorreden entwickelte er eine reiche Werbetätigkeit für Verbreitung der Rechenkunst, indem er in Prosa und Poesie die Eltern ermahnt, die Jugend zum Rechnen anzuhalten, indem er darlegt, wie nötig das Rechnen im ganzen Leben, daß kein Ding ohne Zahl und Maß denkbar sei, und wie schon die „Alten“ den hohen Wert des Rechnens gekannt und gewürdigt hätten.

„Ein Mensch, dem Zahl verborgen ist,
Leichtlich der verführt wird mit List.
Das nimm zu Hertzen, bitt ich sehr,
Und jeder sein Kind rechen lehr.“

In unserm Erzgebirgsmuseum kann man neben drei Riesgedenkmünzen vier alte Rechenpfennige sehen, deren zwei einen Rechnenden vorm Abacus zeigen. Deutlich sieht man auf dem Rechenbrett die Linien für die verschiedenen Zahleinheiten, und man versteht dann sofort die Bezeichnung für diese alte Rechenweise „auff den Linihen“, an dessen Stelle Ries das Rechnen „auff der Feder“ setzte, weil er die Geschicklichkeit des deutschen Zahlensystems für das schriftliche Rechnen erkannt hatte. Uebermäßig reich scheint aber Riese trotz der sich immer wiederholenden Auflagen nicht geworden zu sein. Denn die Druckkosten für solche Bücher waren sehr bedeutende und mußten von dem Verfasser allein getragen werden, denn damals gab es noch keine Verlage. Und Privileg, das ist Nachdruckschutz, konnte der Landesherr nur innerhalb der Grenzen seines eigenen Landes geben. Wegen Geldmangels konnte Ries seine bereits 1525 vollendete „Practica“ erst 1550 drucken lassen und da auch nur mit vom Kurfürsten vorgestrecktem Gelde. Seine 1524 angefertigte „Coss“ konnte er nie erscheinen lassen. Ihr Manuskript, ein dicker Notenpergamentband befindet sich im Rathaus zu Marienberg. Dankenswerter Weise hat der Stadtrat von Marienberg eine kleine Abhandlung über die Coss mit Textproben daraus erscheinen lassen aus der Feder von Studienrat Dr. Sommer. – Auch in der Gegenwart noch würdigt die Geschichte der Mathematik als Methodiker in erster Linie Adam Ries.

Zeichnung
Adam Ries.
Nach einem Holzschnitt eine unbekannten Meisters vom Titelbild des Werkes:
Rechenung auf der Linichen und Feder, Leipzig 1550.

Durch das Leben des großen Mathematikers wollen wir uns von ihm selbst führen lassen, und zwar an der Hand seiner mathematischen Bücher. 1482 ist er geboren zu Staffelstein in Oberfranken, das meldet uns keine Geburtsurkunde, wohl aber mehrere Buchtitel, auf denen er sich als Adam Ries „vonn Staffelsteyn“ bezeichnet. Und sein Holzschnittporträt im großen Rechenbuch führt die Umschrift: „Anno 1550 Adam Ries seines Alters im 58.“ Die Buchtitel sind die wahrsten Wegweiser durch sein Leben. Ries, Rechenmeister „zu Erffurdt im 1522. Jar“ meldet ein solcher. Und als dieses Buch drei Jahre später neu aufgelegt wird, erhält der Buchtitel den Zusatz: „Itzt uff St. Annabergk“. Daß Ries sich bereits 1515 einmal in unserer Bergstadt aufgehalten hat, geht aus einer Bemerkung in der „Coss“ hervor, wo er erwähnt, daß er 1515 mit seinem guten Freunde Hans Conrad, der damals Probirer in Annaberg war, mehrere der Exempel gerechnet habe. Aus den genauen Zeitangaben auf seinen Buchtiteln können wir erschließen, daß Ries in dem Jahrzehnt 1515 bis 1525 auf dem Gebiete der Rechenkunst besonders produktiv war. Der Schlußsatz in der „Coss“, „Vorfertigett am Freytag nach Judica im 1524. Jar, und zum ersten gelernett Heinrich von Elterleinß Sohn, eiynem Knaben bey eylff Jaren“ öffnet uns ein wenig die Tür zu seiner „großen und berühmten Rechenschule“, desgleichen die Widmung zur „Coss“, worin er 1524 schreibt, „daß er etzliche Jar Schul gehalten“. Weil sie aus der Praxis seines Rechenunterrichtes erwuchsen, darum sind seine Rechenbücher so praktisch. Schön begründet er das Verfassen seiner Bücher: „Das Pfunt, so mir Gott verliehen, meinen Nächsten gütlich mitzuteilen“. Das Marienberger Manuskript enthält auch noch die „Verdeutschung aus der Datis Iordani“, daraus und ebenfalls noch aus einer Bemerkung in der „Coss“ erfahren wir, daß Ries auch des Lateinischen mächtig war. Im übrigen geben seine Rechenbücher zu erkennen, daß er äußerst gründlich zu Werke ging und alles Erreichbare, was zu seiner Zeit und früher über die Mathematik erschienen war, sorgfältig studierte. Seine saubere, klare, kraftvolle Handschrift läßt Rückschlüsse auf seine Wesenheit zu. Eine andere Buchwidmung gibt uns Allerpersönlichstes aus Riesens Leben: „Meinen lieben Sonen Adam, Abraham, Jakob, Isaac und Paulo zu Händen“, damit wissen wir gleichzeitig, daß er verheiratet war. Nach den Annaberger Kirchenakten wurde er 1525 aufgeboten mit Anna Ceuber aus Freiberg. Sein Heim zu richten erwarb er im gleichen Jahr von seinem Schwager Andreas von der Straßen das Haus in der Nähe des Marktes. 1529 kaufte er außerdem noch von seiner Schwägerin, der Witwe des Andreas von der Straßen, die „Riesenburg“, die nach ihm sein Sohn Abraham erbte. Aus den Händen des Enkels ging sie in fremde über, steht aber jetzt wieder im Besitz eines Nachfahren aus dem „Riesengeschlecht“. Allerdings sind die Gebäude vollständig neue, denn das alte Gut wurde im Dreißigjährigen Krieg von den Schweden niedergebrannt. Ergänzend sei noch kurz bemerkt, daß Adam Ries 1528 Rezeßschreiber ward, als welcher er auf der Liste der lutherisch gesinnten Annaberger Beamten mit verzeichnet steht. 1530 rückte er zum Gegenschreiber auf. 1539 ward er Hofaritmeticus. Von seinen Söhnen traten drei ganz in seine Fußtapfen, das heißt, widmeten sich wiederum der Rechenkunst und gaben auch mathematische Schriften heraus. Besonders tat sich hervor der zu Annaberg verbliebene Churf. Sächs. Mathematicus Abraham Ries, der in sehr gutem Ansehen bei seinem Landesherrn stand; von ihm sind mehrere Mathematikbücher erschienen. Von seinem Bruder Isaak, Bürger und Visierer zu Leipzig, liegt ein dem Rate der Stadt Leipzig gewidmetes Rechenbuch aus dem Jahre 1580 vor. Die Chronisten rühmen noch mehrere Ries, so den Petrus Ries, der 1588 bis 1597 Rektor der Lateinschule in unserer Nachbarstadt Marienberg war, darnach in Chemnitz, und der berühmt war durch Herausgabe von Gedichten. Enkel Carolus Ries legte 1611 seines „lieben Großvaters“ großes Rechenbuch neu auf. Durch Heirat versippt das Riesgeschlecht im Erzgebirge mit den Hammerherren Teubner (siehe I. E. S. Nr. 12), mit den bekannten Röhling, den Mittelbach, Siegel und Elterlein. Die Spuren der Riesnachkommen führen alle aus Annaberg hinaus. Schwer ist es heute, ihrer Fährte nachzugehen, zumal bei der ungeheuren Zahl von Namensträgern Ries. Bis vor 1100 sind Ries nachweisbar, meist in Südwestdeutschland, eine Erhärtung der Behauptung von Riesens fränkischer Abstammung! 7 verschiedene Rieswappen gibt es und auch ein Adelsgeschlecht Riese.

Deubner

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Da über die Schreibweise des Namens Ries und den Geburtsort des Rechenmeisters Meinungsverschiedenheiten bestehen, haben wir den Verfasser vorstehenden Aufsatzes um Klärung dieser Fragen gebeten. Er nimmt dazu folgende Stellung:

Der einzige Kirchenbucheintrag von Adam Ries in Annaberg lautet: Adam Ryeß. Auch bei den Söhnen und Enkeln lauten fast sämtliche Kirchenbucheinträge: Ries oder Rieß, ebenfalls die Matrikeleinträge in der Universität. Ich bin nach Durchforschung sämtlicher Quellen zu demselben Ergebnis gekommen wie Emil Finck bereits 1910, der damals in der Festschrift des Geschichtsvereins schrieb: „Bald nachher konnte ich freilich feststellen, daß der als epochemachender Rechenpädagog viel gefeierte Bergbeamte nicht Riese, sondern Adam Ries geheißen hat. Eine Abänderung des Straßennamens in „Adam-Ries-Straße“ ist jedoch bis jetzt nicht erfolgt.“ Inzwischen ist das alte Schild entfernt worden und lautet jetzt „Adam-Ries-Straße“. Auch auf dem Annaberger Ries-Denkmal steht, wie auf der Riesbüste im Erzgebirgsmuseum Adam Ries.

Ries ist in Staffelstein geboren: Die Commerzbibliothek in Hamburg besitzt das 1525 von Ries erschienene Rechenbuch, auf dem gedruckt steht: „gemacht durch Adam Riesen vonn Staffelsteyn“. (Riesen ist der 4. Fall von Ries, denn damals deklinierte man noch die Eigennamen). Der Riesforscher Berlet hat schon 1860 nach dem Studium des Manuskriptes der Coss festgestellt, daß Adam Ries aus Staffelstein stammt. Damit sind alle Angaben, wie die, daß er (vgl. Sachsens Kirchengall.) aus Zwönitz sei, zurückgewiesen. In seinen Werken findet sich nie eine Beziehung zu Zwönitz, dagegen mehrere zu Erfurt, wo er Rechenmeister war. So sind mehrere seiner Bücher zu Erfurt gedruckt, namentlich im Anfang. Als er erst länger in Annaberg weilte, erschienen sie meistens in Leipzig. Außerdem widmet er seine Coss – die Widmung ist Anfang April 1524 geschrieben – dem Erfurter Arzt Georgio Stortznn. Aus der Widmung geht das enge Verhältnis zwischen beiden Männern hervor, was auf Riesens Rechenmeistertätigkeit zu Erfurt schließen läßt und nicht zu Zwönitz. Im übrigen nennt er sich in dieser Widmung in seiner Handschrift „Adam Rieß vom Staffelstein“.

Deubner