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Aus der Ortsgeschichte von Wiesa.

Von Otto Fiedler.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 8 vom 19. Februar 1939. S. 1 – 2.

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Gesamtansicht von Wiesa (T. A. W.-Archiv.)

Von alten Gutsbezeichnungen.

Mit der Beschaffung von Ahnentafeln ist vielfach auch wieder ein reges Interesse für ortsgeschichtliche Begebenheiten geweckt worden. Jetzt konnte manches Dunkel, das Jahrzehnte, nicht selten Jahrhunderte hindurch bestanden hat, aufgeklärt werden. Viele Erbhöfe führen ortsbekannte Bezeichnungen, über deren Entstehung weder die gegenwärtigen Besitzer, noch die ältesten Ortsbewohner Aufklärung zu geben vermögen.

Man spricht z. B. von dem in der des Bezirkskrankenhauses gelegenen „Weißgut“, obwohl dieser Erbhof viele Jahrzehnte in der Familie Rehnert von Generation zu Generation sich vererbte und vor etwa 30 Jahren in den Besitz der Familie Lange überging. Die Bezeichnung „Weißgut“ ist nach den angestellten Ermittelungen auf den am 13. Mai 1710 geborenen Johann Christian Weiß, Bürger und Seifensieder in Annaberg, und seine Nachkommen zurückzuführen, die Besitzer des Gutes waren und in den Gutsgebäuden nebenher die Seifensiederei betrieben. In jenen Zeiten, als Seife und einschlägige Artikel noch nicht in Fabriken, sondern handwerksmäßig hergestellt wurden, bestand neben der Verwendung von organischen Stoffen noch nicht eine große Auswahl in anderen Hilfsstoffen. Um ein Aetzmittel herzustellen, bediente man sich z. B. der Verarbeitung aufgesammelten Harns. Wegen des üblen Geruchs, der bei diesem primitiven Verfahren entstand, waren die Betriebe gezwungen, sich außerhalb der Stadt anzusiedeln. – Ebenso geläufig spricht man hier vom „Schneiderbennichgut“. Aber weder der gegenwärtige Besitzer desselben, noch sein 83jähriger Vater, Karl Seidel, vermögen zu sagen, wie diese in aller Mund liegende eigenartige Bezeichnung entstanden ist. Die sehr naheliegende Vermutung, der man bisher oft begegnete, ein Benjamin Schneider sei in früheren Zeiten Besitzer des Gutes gewesen, ist unzutreffend. Die angestellten Ermittelungen ergaben folgendes: Der Vater des am 12. Februar 1755 geborenen Erbbegüterten und Gerichtsschöppen Christoph Benjamin Seidel – Vorfahr des gegenwärtigen Besitzers – war Hausbesitzer und Schneider. Man sprach deshalb vom Schneider-Benjamin oder abgekürzt Schneider-Bennich, und zwar ebenso, wie heute noch der Volksmund vom Schuster-Nand spricht, wenn es sich um den Schuhmachermeister Ferdinand Müller handelt.

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Das älteste uns erhaltene Wohnhaus von Wiesa, das am Dorfteichweg steht, ist vor etwa 300 Jahren erbaut. (T. A. W.-Archiv.)

Jedes Kind weiß, wohin es zu gehen hat, wenn es nach dem „Boddoffelgut“ geschickt wird. Dieser Erbhof hat sich aus alten Zeiten in der Familie Beyer von Generation zu Generation vererbt. Die Ueberlieferung in der Familie weiß zu sagen, daß die Beyer aus Wiesenbad stammen. Im Dialekt spricht man von Wiesenbod, oder kurz Bod. Beim Nachschlagen in den Wiesaer Kirchenbüchern findet sich im Taufregister vom Jahre 1629, Seite 215, Nr. 24 folgender Eintrag über eine vollzogene Taufe:

Pater: Doffel Beyer, Bauer.
Mater: Anna.
Infans: Christina.
Compatres:
1. Sabina, Virgo Hanns Reichels.
2. Christoff, Filius relict. Hanns Fiedlers.
3. Rebeca, Filia Elias Küchlers.
Die. 28. Nov.

Der Vater des getauften Kindes ist der Beyer Doffel oder der Boddoffel, weil er aus Wiesenbad (= Bod) stammt.

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Die Boddoffel-Mühle am Ende des Ortes nach Wiesenbad zu gehörte dem damaligen Müller Moritz Beyer. 1903 ging die Mühle durch Kauf in die Hände von Franz Kühne über, der dort eine Jute-Fließ-Fabri einrichtete. Die Gebäude wurden später vergrößert. An Stelle der Scheune entstand ein schmuckes Wohnhaus und 1907 wurde ein Elektrizitätswerk eingebaut, das Wiesa mit elektrischem Licht und Kraft versorgt. (T. A. W.-Archiv.)

Das „Galgensteingut“ führt diese Bezeichnung auf die in alter Zeit im Zuge seiner Fluren gelegene Richtstätte zurück, die mit einer Mauer umzogen und einem Tor versehen war.

Die ebenso in aller Mund liegende Bezeichnung „Niemergut“ hat sich, so unbekannt ihre Entstehung bisher war, trotz des mehrfachen Besitzwechsels in den letzten Jahrzehnten, als stabile Gegebenheit erhalten. Beim Nachschlagen in einem alten Aktenstück ist in einer Kaufsache Seidel als Gerichtsschöppe Gottlob Friedrich Niemer genannt, von dem die Bezeichnung dieses Erbhofes sich herleitet. Ein Nachkomme dieser Familie ist in der Person des Dr. G. Niemer in Striegau in Schlesien bekannt geworden, der sich wegen der Forschung nach seinen Ahnen an das hiesige Pfarramt wandte.

Das „Lohrgut“ trägt diese Bezeichnung nach dem einstigen Besitzer Joh. Christ. Lohr, der die Wirtschaft am 23. März 1798 an Karl Gottlob Fiedler, einem Abkömmling der bekannten Familie Fiedler/Riesenburg, verkaufte.

So überleben diese alten Bezeichnungen über allen Besitzwechsel hinweg Generation um Generation. Auch in anderen Orten unseres schönen Erzgebirges liegen die Verhältnisse ähnlich. Bei einigem Zeitaufwand wird es aber wohl in allen Fällen möglich sein, bestehendes Dunkel aufzuklären.

Die Seifert-Chronik von 1807.

Recht wenig bekannt war auch von den Besitzverhältnissen des Rittergutes aus früheren Jahrhunderten, weil beim Brande im Jahre 1807 wertvolles Aktenmaterial durch Feuer verlorengegangen ist. Weitausgreifende Forschungen blieben erfolglos, bis ein erfreulicher Zufall beim Verfasser eine alte Chronik, geschrieben im Jahre 1807 von dem damaligen Lehrer Gottfried Seifert, in die Hände spielte. Diese Niederschrift ist gerichtet an die Adresse der damaligen Besitzer des Rittergutes, die Grafen von Wallwitz.

Aus dem Anschreiben, das wir im Wortlaut des Originals folgen lassen, geht hervor, daß Seifert besonders auch daran lag, die Heilquellen von Wiesenbad bekannt zu machen. Den Text der sehr sehenswerten Chronik haben wir unter Belassung seiner Form nur unserer Rechtschreibung angepaßt und z. T. mit erläuternden Ueberschriften versehen.

Ihro Excelenz dem Hochgebornen Grafen und Herrn
Herrn Georg Reinhard
Grafen von Wallwitz,
Sr. Königl. Majestät zu Sachsen Höchstbetrautesten Conferenz-Minister, geheimden Rath u. Präsident des Geheimen Finanz-Collegii, wie auch des Chur-Pfälsischen Goldenen Löwen Ordens-Ritter, Erb-Lehn- und Gerichtsherrn auf Schweikershayn Schmorke, Wiese,

Ingleichen

dem Hochgebornen Grafen und Herrn
Herrn Friedrich Sebastian
Grafen von Wallwitz,

Sr. Königl. Majestät zu Sachsen hochbestallten Kammerherrn, Hof- und Justitien-Rath.

Hochgeborner Reichsgraf, Gnädigster Graf und Herr Hochgebietender Herr Conferenz-Minister

wie auch

Hochgeborner Graf, Gnädiger Graf, Kammerherr, Hof- und Justitien-Rath, Gnädige Grafen und Herren!

Eur. Hochreichsgräfl. Excelenz u. Hochgräfl. Gnaden geruhen gnädigst, Höchstdenenselben vorseyende aus verschiedenen ächten Urkunden gesammelte Nachrichten in tiefster Ehrfurcht vorlegen zu dürfen. Die Triebfeder hiezu sind um sowohl Eur. Excelenz und Hochgräfl. Gnaden Beweise der submissesten Devotion und unterthänigsten Dankbarkeit für Höchstderoselben stets gnädiges Wohlwollen abzulegen; als auch diese Nachrichten besonders wegen des Wiesenbades, der Schätzbarkeit dasiger Gesundheitsquelle mehr ins Publikum zu verbreiten, da manche derselben unbekannt möchten.

Unter Anwünschung alles hohen Wohlseyns, das die Vorsehung Eur. Excellenz, Hochgräfl. Gnaden u. Höchstderoselben ganzen Hochgräfl. Familie bis in die spätesten Zeiten in reichem Maase zutheilen wolle, empfiehlt sich zu Höchstderoselben fernern hohen Gunst u. Gnade

Euer Hochgräfl. Excelenz
und
Hochgräfl. Gnaden
Gnädigen Grafen und Herren
Wiese, den 3ten Nov. 1807.
unterthänigster, gehorsamster Diener
Gottfried Seifert,
Jugendlehrer.

Lage, Name und Ausdehnung von Wiesa.

Wiese, im Tal am Fuß des Biehlbergs westwärts liegend, ist ein altes schriftsässiges Dorf und Rittergut.

Den Namen hat es vermutlich von der Situation, welcher sich besonders die ersten Einwohner von Geyersdorf, eigentlich Häuersdorf, eines der ältesten Dörfer hiesiger Gegend, sollen bedient haben, wenn sie einer Legende zu Folge bewaffnet um der wilden Tiere willen den Kirchweg nach Geyer öfter über die hiesigen Wiesen gewählt haben.

Außer dem Rittergut und den dabei im Tal gelegenen Gütern und Häusern gehören zu Wiese das Wiesenbad, die herrschaftlichen Vorwerke, die 3 Güter, die Riesenburg und das Weißgut, so daß sich dessen Territorium in der Länge auf 1½ und in der Breite auf 1 Stunde und darüber erstreckt, und würde noch weiter umspannen, wenn nicht die ehemaligen Besitzer von hiesigen Gütern, so sich mehr vom Berg- als Feldbau genährt und letztern weniger geachtet, einen großen Teil Grundstücke an benachbarte Ortschaften verkauft hätten.

(Fortsetzung folgt.)