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Altes sudetendeutsches Musikgut

Von Dr. Hermann Güttler.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 2 vom 8. Januar 1939. S. 7 – 8.

Die Mission der böhmischen Lande in der Durchführung einer germanisch ernsten Kunstauffassung setzte in verstärktem Maße ein, als Böhmen aufhörte, ein eigenes politisches Leben zu führen. Nach den bewegten Zeiten des Dreißigjährigen Krieges erhärtete sich ein Geschlecht, das in der Verteidigung des germanischen Bollwerkes gegen den Osten die Reinerhaltung deutschen Wesens auch gegen die übermächtige Modeströmung welscher Kultur und Kunst auf seine Fahne schrieb. So erklärt es sich, daß noch gegen das Ende des 18. Jahrhunderts der deutsche Meister Mozart aus dem verwelschten Wien in das deutsche Prag gehen muß, um hier Verständnis für seine Kunst zu finden. Wodurch hat Prag den Ruhmestitel, die fortschrittlichste deutsche Stadt der damaligen Zeit zu sein, sich erworben? Es hat in der Barockzeit bereits Meister besessen, die für das gesamtdeutsche Gebiet schulbildend wirkten. Von einer solchen deutschen, auf kirchenmusikalischem Gebiet wirkenden Schule im alten Prag soll hier gesprochen werden.

Ihr Haupt und Begründer ist Mathias (Bohuslav) Czernohorisky, den man in Deutschland und Welschland den „böhmischen Vater“, den „Padre Boemo“ nannte. Er wurde 1684 im deutschen Nimburg geboren, wo sein Vater Paulus schon Organist war und noch unter dem Eindruck der evangelischen Vergangenheit der „böhmischen Brüder“ und der hussitischen Ketzer stand. Er genoß gelehrte Ausbildung und ging in das klassische Land der Tonkunst Italien, wo er Magister der Musik in Padua wurde und später in Assisi, wo er um 1715 schon seinen ersten berühmten Schüler, den Geiger Guiseppe Tartini gefunden hatte. Als Zeitgenosse der großen Deutschen Bach und Händel erfaßte der universelle Geist des Böhmen des klassischen und deutschen Musikgeistes, so daß Hermann Kretzschmar im Jahre 1900 angesichts seiner großen Orgelwerke bewundernd ausrufen konnte: „Das ist ja der böhmische Bach!“ In diesem Sinne setzte er seine in Italien so erfolgreich begonnene Lehrtätigkeit nach seiner Rückkehr in die Heimat in der Moldaustadt fort, wo er am Minoritenkloster St. Jakob die Leitung der Kirchenmusik übernahm. Leider ist durch den Brand des Klosters 1754, 14 Jahre nach seinem Tode, der größte Teil seines handschriftlichen Nachlasses verloren gegangen, so daß wir nur auf wenige Zeugnisse angewiesen sind, die ihn auf der Höhe jener Epoche, die nach Kiesewetter „alle Gattungen des obligaten Kontrapunktes zur Klarheit entwickelte“, zeigen.

In den Jahren 1732 bis 1736 genoß Christoph Wilibald Gluck, aus dem bayerischen Mittelfranken stammend, als Chorschüler von den Komotauer Jesuiten kommend, seinen Unterricht. In einem äußerlich elenden Leben erwuchs gerade in den Schuljahren bei dem böhmischen Vater sein universeller Musikgeist, der ihn bald zur Oper führte, deren klassischer Reformator in deutschem Sinne er werden sollte. Auch hier bewährte sich wieder die Anregung des kolonialdeutschen Geistesgutes auf den Bayern in der kraftvollen Durchsetzung seines Willens auf dem internationalen Turnierplatz Paris.

(Schluß folgt.)