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Dörfer ohne Wintersonne.

„Polarnacht in Allgäuer Tälern.“ Drei Monate lang im kalten Schatten der Berge.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 1 vom 1. Januar 1939. S. 6 – 7.

Nicht wahr, nicht auszudenken wäre es für uns verwöhnte Mitteleuropäer, wenn im kalten Winter nicht ab und zu die Sonne über unseren Häuptern scheinen würde, um uns mit ihrem gleißenden Licht und ihrer milden Wärme auch die frostigsten Tage erträglich zu machen. Wir wissen, daß nördlich des Polarkreises um diese Zeit ewige Nacht herrscht, daß in Dromsö die Straßenlampen selbst zur Mittagsstunde brennen und die Menschen da droben monatelang in Dunkel und Kälte verharren müssen, bis das Frühjahr die ersten Sonnenstrahlen aus blauem Himmel bringt.

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Annaberg und Buchholz im Lichterglanz der Weihnachtszeit.
(Aufnahme des T. A. W.-Bilderdienstes.)

Es gibt aber auch in Deutschland zwei Dörfer, die in den Wintermonaten sozusagen in der Arktis liegen, so seltsam das auch klingen mag. Die Natur erlaubt sich manche Scherze, im Allgäu aber spielt sie einem paar Dutzend Menschen wirklich übel mit. Sie wohnen in den Weilern Einödsbach im Oytal und Bruck an der Ostrach, den Dörfern des „ewigen Schattens“. In Bruck, das zwischen Hindelang und Hinterstein zu finden ist, hat man schon Mitte November Abschied von Sonne und Licht gefeiert und man muß dort bis Mitte Februar warten, bis der erste Sonnenstrahl wieder ins enge Tal findet. Die Einödsbacher haben es etwas besser, denn dort tritt die „Polarnacht“ erst im Dezember ein, um auch erst im Februar hellen und sonnigen Tagen zu weichen. Diese für unsere Breitengrade merkwürdige Naturerscheinung findet ihre Erklärung in der besonderen geographischen Lage der beiden Täler. Hohe Berge umgeben sie von allen Seiten und verwehren der Sonne, die sich in den drei Wintermonaten auf ihren südlichsten Punkt zurückgezogen hat, den Zutritt. Bis weit in den Vormittag hinein dauert dann die Nacht, die nach kurzer Dämmerung in den Mittagsstunden bereits wieder am frühen Nachmittag ihre Herrschaft antritt.

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Oberhals (Sudetengau) in Rauhreif und Schnee gebettet.
(Aufnahme: T. A. W.-Bilderdienst.)

Wäre nicht der Schnee, der oft meterhoch die Häuser einhüllt und mit seiner Weiße die Düsterheit etwas aufhellt, man müßte wahrhaftig manchmal mit der Laterne in der Hand sich seinen Weg suchen. Aber auch so verlöschen in den Behausungen der Bergbauern fast zwölf Wochen hindurch kaum die Lampen, aber die Menschen, ergeben ihrem Schicksal, verrichten trotzdem unverdrossen ihre Winterarbeit, fällen, sägen und hacken Holz, richten ihre Häuser instand und schaufeln vor allem Schnee. Wohl nirgends wird der Frühling so sehnsüchtig erwartet wie in Bruck und Einödsbach, der ja wieder Licht und Leben in diese Dörfer bringt, wenn es auch noch lange dauert, bis die Sonne Schnee und Kälte vollends vertrieben hat. Dann kommen auch die Fremden wieder, die in diesen düsteren Tagen natürlich die Täler meiden, selbst die Skifahrer machen einen weiten Bogen um diese Dörfer, in denen man erbärmlich friert.

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Die Schneeschutzwände an der Straße bei Kupferberg hatte der starke Rauhreif wunderschön geschmückt. (Aufnahme: T. A. W.-Bilderdienst.)

Ursprünglich ist im Oytal der Übergang vom Licht zum Schatten. Sowie der Wanderer von Norden her, dem einzigen Zugang zum Weiler Einödsbach, aus dem hellen Sonnenglanz eines strahlenden Wintertages in den Bereich der himmelhohen Berghänge gelangt, umfängst ihn auch schon nach wenigen Schritten die Dämmerung der „Polarnacht“ in den Allgäuer Alpen. Nicht viel anders ist es in Bruck, wenn sich auch anfänglich noch durch einen Taleinschnitt um die zehnte Vormittagsstunde einige vorwitzige Sonnenstrahlen bis zu einem Hause stehlen, das die Bauern deshalb „Sonnenhaus“ nennen und dessen Bewohner um dieses bißchen Lichtes wegen nicht wenig beneidet werden. Man kommt vor diesem Haus zusammen und läßt sich von dem wärmenden Bündel bestrahlen, aber nicht lange, dann ist auch diese Herrlichkeit zu Ende und Bruck muß das Los des Dörfchens Einödsbach teilen — deutsche Alpendörfer im ewigen Schatten …