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Vom Silvester zum Neujahr anno dazumal und heute.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 1 vom 1. Januar 1939. S. 1 – 3.

Die Jahreswende ist schon immer Anlaß zu frohen Feiern gewesen, aber trotzdem wurden diese Silvesterfeiern im Laufe der Jahre einem Wandel unterworfen, der für uns nur spürbar wird, wenn wir uns ernsthaft einmal in Gedanken ein paar Jahrzehnte zurückversetzen, wenn wir einmal daran denken, wie unsere Eltern und Großeltern wohl das Neujahrsfest gefeiert haben mögen. Da steigen aus alten Familienalben Bilder vor uns auf, die neben Erinnerungen an Gespräche mit Eltern und Großeltern aus früheren Tagen diese Bilder lebendig werden lassen.

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Vor 50 Jahren bliesen die Postillone das neue Jahr ein. Wo sind die Postillone geblieben?

Blasmusik und Böllerschüsse haben von jeher zur Begrüßung des neuen Jahres gehört. Hier waren es die Postillone, die den Neujahrsgruß schmetterten, dort die Bläser der Stadtkapelle, und wo Soldaten lagen, grüßte ein militärisches Wecken den Neujahrstag. Auch der sonstige Neujahrsbrauch mag sich in den letzten Jahrzehnten nur wenig geändert haben, und dennoch ist bei nur wenig veränderten äußeren Erscheinungsformen auch die Feier der Silvesternacht und des Neujahrstages einem starken inneren Wandel unterworfen worden. Auch dem Jahreswechsel hat die Zeit ihren Stempel aufgedrückt. Und nun wollen wir einmal in einer mittleren Stadt Deutschlands um die Jahreswende 1889/90 einkehren. Tiefer Friede liegt über der kleinen Stadt. Der Laternenanzünder schreitet durch die Straßen. In den Häusern werden die Petroleumlampen angezündet, und es wird Zeit, sich für die Silvesterfeiern anzuziehen.

In dem vornehmsten Saal der Stadt aber treffen sich die Honoratiorenfamilien zum Neujahrsball, wie sich in den anderen Sälen die Kaufleute, die Handwerker und die Arbeiter zusammenfinden, um genau nach Klassen getrennt den Jahreswechsel zu begehen. Der Bürgermeister führt die Frau Oberst zur Polonaise, wie der Oberst die Frau Bürgermeisterin: „Gnädige Frau, Ihr Kleid sieht wieder entzückend aus, als ob Sie es direkt aus Paris bezogen hätten“, und die gnädige Frau errötet wie ein junges Mädchen und erwidert: „Ich wußte gar nicht, daß Sie so schöne Komplimente machen können, Herr Oberst, ich glaubte, Sie können nur kommandieren.“

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So dekorativ stellte der Maler vor 50 Jahren den Gruß an das neue Jahr dar.

Unterdessen unterhalten sich ein paar alte Hagestolze über die verschiedenen Qualitäten des Rotspon, und die Mütter passen auf, daß bei dem Wiener Walzer sich ihre Töchter nicht gar zu eng an ihre Kavaliere schmiegen, denn wer möchte schon ins Gerede kommen? Das Leben plätschert in ruhigem Gleichmaß dahin, und das spiegelt sich in den Gesprächen wider. Dem köstlichen Neujahrspunsch ist es zu danken, daß zuletzt die Stimmung ausgelassen fröhlich wird und sich sogar die älteren Herrschaften dazu hinreißen lassen, den Schlußgalopp mitzutanzen.

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Die Silvesterbowle wird angesetzt. Das war damals so, und das hat sich wohl heute kaum geändert.

Der Neujahrstag galt dann den verschiedensten Neujahrsvisiten. Daß man seinem Chef oder seinem Vorgesetzten persönlich seine Aufwartung machte, war eine Selbstverständlichkeit, so wie am Neujahrstag der Milchmann und der Bäckerjunge sowie die dienstbaren Geister bei den „Herrschaften“ vorsprachen und für ihren Neujahrsgruß auf ein klingendes Geschenk hoffen durften. Sie tauschten ihre Erfahrungen aus, wer an diesen Geldern gemessen die feinsten Herrschaften waren oder wen man in dem Städtchen als den größten Geizhals ansehen mußte.

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Wenn die Stimmung auf dem Neujahrsball ihren Höhepunkt erreicht und um 12 Uhr die Kapelle ihren Tusch geblasen hatte, kam der Nachtwächter in den Saal, um den Honoratioren als erster „Prosit Neujahr“ zu wünschen.

Wenn rechtes hartes Winterwetter herrschte, gehörte eine große Schlittenpartie zu den schönsten Neujahrsvergnügungen der „Hautevolee“. In dicken Pelzen gehüllt, die Füße in wärmenden Fußsäcken und die Hände im Muff wohlgeborgen, saßen die Menschen in den Schlitten, die mit lautem Schellengeklingel durchs stille Land sausten, durch die Dörfer von dem Gebell der Hunde begleitet. Die Damen unterhielten sich viel von den Kleidern, die man auf dem gestrigen Ball getragen hatte, und man war sich darüber im klaren, daß der Oberleutnant, der immer mit der Tochter des Amtsgerichtsrats getanzt habe, sich bald erklären müsse. Die Männer unterhielten sich über die Beförderungen und Ernennungen, die der Landesherr anläßlich des Jahreswechsels ausgesprochen hatte, von Bismarck und von der Jagd. Irgendwo in einem schönen alten Ausflugsgasthof kehrte man ein, wo der Wirt die Gäste mit vielen Verbeugungen empfing. Die Männer setzten sich bei einem steifen Grog zu einem Spiel nieder, indes die Damen bei Glühwein oder Kaffee den mitgebrachten Kuchen verzehrten.

Es ist eine längst verklungene Welt, die aus diesen alten Bildern aufsteigt. Es ist die Zeit, die aus diesen alten Bildern aufsteigt. Es ist die Zeit, in der unsere Väter und Mütter auf ihre Art glücklich waren. Sie wußten noch nicht, daß dieses idyllische Leben, diese allzu große Sorglosigkeit, keine dauernde Geborgenheit bedeutete. Sollen wir uns nach diesen Zeiten wieder sehnen? So ähnlich wie die Menschen um 1890 herum Neujahr feierten, ist es bis zum Ausbruch des Weltkrieges in den deutschen Städten gewesen, nur daß sie noch glanzvoller wurden und die Sitten sich mehr und mehr lockerten.

Von 1914 ab aber standen die deutschen Jahreswenden unter dem ehernen Schritt eines gewaltigen Schicksals. Der Weltkrieg riß der Sorglosigkeit der Vorkriegsjahre die Maske des Idylls ab, die Revolution und die ihr folgende Zeit der Inflation und des Niedergangs gaben den Silvesterfeiern das Bild eines zügellosen Taumels, durch den man das Volk betäuben wollte. Je lärmender die Feiern in den Städten wurden und je ausgelassener, um so innerlich ärmer wurden sie.

Nur das Land ist von dieser Entwicklung nicht voll berührt worden. Seine Neujahrsfeiern, im Schutze uralten Brauchtums stehend, bildeten einen starken Damm gegen ihre Verflachung.

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Jugend von heute erlebt das Wunder des Jahreswechsels in der Schönheit des Bergwinters.

Seltsam, der Neujahrspunsch, die Böllerschüsse und all der fröhliche Lärm der Silvesternacht sind geblieben, aber heute erleben wir unsere Feste mit wachen Augen, wir sind keine Träumer und dennoch glücklicher als in der guten alten Zeit. Irgendwo im großen Deutschen Reich werden am Neujahrsmorgen junge deutsche Menschen auf Schneeschuhen sich einen neuen Weg durch unberührten Winterwald bahnen. Da wünschen sie sich, daß der Weg in ein neues Jahr für sie, wie für unser Volk immer ins Licht führen möge. Wenn die Menschen jener sogenannten guten alten Zeit vor dem Kriege auf diese jungen Menschen herabschauen könnten, sie würden diese Menschen segnen und ihnen ein glückliches frohes neues Jahr zurufen!

Jörg Beßler.