Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 1 vom 1. Januar 1939. S. 3 – 4.
Die uralt-geheimnisvollen Essensgebräuche zur Zeit der winterlichen Sonnenwende haben fast immer ihren Ursprung in alten Opfersitten. Der Mensch, besonders der stark erd- und naturverbundene Bauer, wollte aber auch nach Eindringen des Christentums nicht auf die Ausübung der alten Gebräuche verzichten, um sich Segen für Mensch und Tier für das heraufziehende Jahr zu sichern und um einen kurzen Blick hinter den Schleier der Zukunft zu tun, und so erscheinen sie mehr und mehr zu der kirchlich nicht mehr bedeutsamen Silvesternacht. In dieser Stunde sollen die guten Geister gerufen und durch Opfer freundlich gestimmt, die bösen gebannt werden. Es handelt sich also bei den Gebräuchen um die letzte Mahlzeit des zur Neige gehenden Jahres um ein Speiseopfer, das, nach Ansicht schlesischer Bauern, aber nur dann von Segen ist, wenn wir ein Stück Brot und 1 Pfennig bis zum anderen Morgen auf dem Tische liegen lassen, nämlich für die guten Geister.
Nach altem Brauche soll man am Silvester-Abend entweder 7 oder 9 Speisen genießen (bei uns im Erzgebirge ist dies am heiligen Abend Sitte), weil dies die Glückszahlen sind; jedenfalls soll der Tisch so reich gedeckt sein, wie wir wünschen, daß wir das ganze Jahr zu essen haben. Dabei hat der Silvester-Abend in manchen norddeutschen Gegenden den zwar weniger schönen, dafür aber bezeichnenden Namen „Vollbauchsabend“!
Wir bevorzugen zum Silvesterschmaus solche Nahrungsmittel, die gewissermaßen den Keim des neuen Lebens in sich tragen, wie Hülsenfrüchte und Eier. Da es nun Ende Dezember sehr wenig Hühner- oder früher Vogeleier gibt, rückten die Fischeier oder auch der ganze Fisch an die Stelle der Eier. so viel Schuppen der Fisch hat, so viel Geld wird man im heraufziehenden Jahre haben! Daher also der „Karpfen blau“ zu Silvester; denn bei dieser Zubereitungsweise wird er ja nicht geschuppt! Auch die Hirse ist eine alte Opferspeise, und so muß im schwäbischen Lande ein Hirsebrei auf den Tisch kommen. In Thüringen ißt man Linsen, damit es im nächsten Jahre nicht an Geld fehle. In Mähren kocht man einen Schweinskopf zu den Erbsen, das „Schweinsglück“, wie es uns noch heute als Marzipantierchen oder in Kuchen geformt geschenkt wird. Das Schwein, vielmehr der Eber, war mit eines der bekanntesten Opfertiere. In England kommt noch vielfach der Schweinskopf mit der glücksbringenden Mistel im Maule zu Silvester auf den Tisch, während sich in Schweden das Schwein zum Kalbe verwandelt hat, zum „Julkalf“.
Die englische Sitte, zum Nachtisch einen mit Rum übergossenen Plumpudding, der angezündet serviert wird, zu genießen, hat sich teilweise auch bei uns eingebürgert. Auch hierbei kommt ein alter Opferbrauch zum Vorschein; denn als Speiseopfer brachte man den Göttern auch Kuchen mit Früchten dar. Der Schein des brennenden Rums deutet auf die wiederkehrende Kraft der Sonne hin. Auch Honiggebäck wurde vielfach geopfert; daher unsere Honigkuchen in den Formen von Hirschen, Ebern, Hasen und Wölfen. In Baden hat man die beliebten Springerle sehr viel in der Form von „Wo-Wölfen“, d. h. Wotanswölfen.
Der dänische Bauer ißt nicht nur die „Jul-Grütze“, sondern sie dient auch als Orakel. Er streut 3 Löffel davon in die Ecke des Zimmers und sagt dazu: „Das ist Roggen, das ist Weizen, das ist Gerste.“ Dann wird der Hofhund gerufen und der Teil der Grütze, den er zuerst auffrißt, bezeichnet die Fruchtbarkeit, die im kommenden Jahre besonders gut gedeiht.
In Süddeutschland gedenkt der Bauer in vielen Gegenden seiner Tiere in der Silvesternacht und gibt ihnen die doppelte Menge Futter aus Vorsorge, daß sie im kommenden Jahre auch stets genug zu fressen haben. In Tirol und Mähren geht man sogar noch weiter und sorgt auch für die Obstbäume, damit sie gut Früchte bringen. Wenn die Bäuerinnen den Festteig geknetet haben, streichen sie die mit Teig behafteten Hände an den Bäumen ab und bitten sie, viele Früchte zu tragen. Im Pinzgau ißt der Bauer mit der Familie und dem Gesinde eine Mehlspeise mit einer Schicht Honig darauf, den Rest bringt die Bäuerin den Obstbäumen und spricht dazu: „Bam eßt´s“.
In Thüringen „verdichten“ sich die Wünsche und Hoffnungen, die von den Menschen an, die letzte Mahlzeit des ablaufenden Jahres geknüpft werden:
Prost Neujahr!
Ich wünsch‘ Glück zum Neujahr,
E Bude voll Körner,
E Stall voll Hörner,
E Keller voll Rum,
Di Bänk voll Bum (wohl Blumen),
´n Beutel voll Geld,
Döß´s ganze Jahr net dro fehlt!