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Vom dunklen Annaberg

Heimatkundliche Plauderei von Deubner

(Schluß.)

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 134. Jahrgang Nr. 2 vom 12. Januar 1941. S. 4.

Jede einzelne Laterne verbrauchte, je ob sie ein-, zwei- oder dreidochtig war, 7, 12 oder 20 Loth pro Abend. Ein Laternenwärter hatte die Pflege, das Besorgen der Dochte und das Anzünden unter sich. Dem Laternenwächter wurde ein „Zündkalender“ verabreicht, der ihm genau die Beleuchtungstage vorschrieb. Man beleuchtete nämlich nur vom 2. oder 3. Tage nach Vollmond ab bis zum 1., 2. oder 3. Tage nach Neumond. Durchschnittlich ergaben sich jährlich 166 bis 180 Beleuchtungstage. 1849 z. B. waren nur 148 vorgesehen. Man hatte Mai, Juni, Juli vollkommen ausgeschaltet. Nur bei zu befürchtenden Gewittern waren die Laternen sofort anzubrennen und mußten dann auch die ganze Nacht hindurch in Brand gehalten werden; ebenso bei außerordentlichen Gelegenheiten. War es bei ungünstiger Witterung durchaus nicht möglich, die aufgehängten Laternen anzuzünden, so mußten an beiden Seiten der Straße wenigstens zwei Laternen aufgehängt werden, die Kerzen- oder Rübölbeleuchtung hatten. Von Mittag an hatte der Laternenwächter laut Kontrakt die Laternen geputzt, mit Oel und Dochten versehen brennbereit zu halten. Das Anzünden aller mußte binnen längstens einer Stunde erfolgt sein. Mit der zunehmenden Zahl der Laternen machten sich deshalb mehrere Laternenwächter nötig. 1843 bringt denn auch das „Annaberger Wochenblatt“eine Bekanntmachung des Stadtrates über neue Auflegung von Subskiptionslisten fürs Lichtgeld und die Zusicherung von der Neueinstellung zweier weiterer Laternenwärter. Laut einer Mitteilung unter „Intelligenzen“ im „Annaberger Wochenblatt“ am 2.11.1832 hatte die Stadt die Unterhaltung der Straßenbeleuchtung an den Mindestfordernden vergeben. Zu jener Zeit beginnen sich die Klagen in den Beleuchtungsakten zu häufen, sei es über mangelhafte Beleuchtung, sei es über säumige Beitragszahler. Allerdings hatten die Annaberger damals allerhand Steuern zu zahlen, so an „extraordinären“ z. B. die „Donnerwache“. Trotz mehrfachen Anruderns der Bürger wollte man die Beleuchtungskosten nicht auf die Stadtkasse übernehmen, weil dann „jede Gasse und jedes Gäßchen as Recht hätte, Beleuchtung zu verlangen“. 1845 übernimmt es die Stadt aber doch, ersetzt die „unzweckmäßigen“ Hängelaternen durch Pfahl- oder Hauslaternen und vermehrt die Laternenzahl immer mehr. 1849 sind es bereits 67. Wie aus einer Beschwerde im A. W. 1849 ersichtlich, standen diese 67 Laternen nur in der unteren Stadt, die obere war weder erleuchtet, noch gepflastert, noch wurde sie sauber gehalten. 1854 kommt eine Wende für Annaberg in der Beleuchtungsfrage. Am Benkertberge wird eine Leuchtgasfabrik gebaut zur Erzeugung von Holzgas. Der Markt erhielt zwei Kandelaber, wie wir sie auf alten Marktbildern jener Zeit sehen. Nach und nach ersetzte man eine Oellaterne nach der anderen durch Gaslaternen. Und als 1866 ein Steinkohlengaswerk das alte Holzgaswerk verdrängte, begann man, die Straßenbeleuchtung, die bislang fast nur den verkehrsreichsten Straßen und Plätzen zugute gekommen war, unter Anschluß an das Gasrohrnetz allgemein durchzuführen. 1867 waren bereits 154 Gaslaternen aufgestellt.

Kopie
Marktbild von Annaberg mit zweiarmigen Gaskandelaber um 1860 nach einer Lithographie von Julius Wagner †. (Aus I. E. S. Nr. 40/1926)

Anfangs allerdings klappte es mit dem Gaslicht noch nicht so ganz. Eine Beschwerdezuschrift jener Zeit schließt: „Die Laterne brennt so schlecht, daß man unwillkürlich an die alte selige Oelbeleuchtung erinnert wurde.“ Da das Gasrohrnetz wahrscheinlich die entlegenen Straßen noch nicht durchzog, beließ man dort die Oellaternen, ersetzte sie aber 1880 durch Petroleumlaternen. 1890 hören wir von Petroleumglühlichtlaternen, die, als sie sich nicht bewährten, durch Spiritusglühlichtlampen ersetzt wurden. 1907 kam dann der letzte Umschwung in der Straßenbeleuchtung: das elektrische Licht trat seinen Siegeszug an. Als erster erstrahlte der Annaberger Marktplatz 1907 im hellen elektrischen Schein.

Einmal geht der Krieg zu Ende. Dann wird Annaberg mit einem Schlag wieder hell, und es braucht nicht 400 Jahre zum Uebergang von der Dunkelheit zur Helligkeit wie einst.