Zum Totensonntag vom Buchholzer Friedhof.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 48. — Sonntag, den 23. November 1930, S. 1 – 2.

Man wird ganz selten in Provinzstädten, ja in der Großstadt, und man wird überhaupt nicht im oberen Erzgebirge einen Friedhof von der Schönheit desjenigen in Buchholz finden. Der tirolerisch terrassenförmige Aufbau desselben, die so treu und pietätvoll gepflegte und gehegte Natur in ihm und die von Hügelreihe zu Hügelreihe ins Auge springende liebevoll rührende Pflege der Gräber, bei der sich die große Blumenliebe des Buchholzers augenfällig zeigt, all das vereint sich nebst den vielen sinnigen, teilweise hochkünstlerischen Grabdenkmälern zu einem bezwingenden Gesamtbilde voll bannendster Andacht. Wohl sind die Verkehrsverhältnisse auf dieser Stätte stiller Einkehr, wie wir wissen, recht erschwerte; aber die natürlichen Reize des Gottesackers lassen ihn, wie auch Fremde so oft schon bewundernd eingestanden haben, zu den schönsten, man darf ruhig sagen, Sachsens zählen. Alle, die zu den Hügeln groß und klein auf diesem Friedhof im Lenz und Sommer, oder sei es im Herbst und Winter wandeln, um mit ihren lieben Toten Zwiesprache zu halten, werden hier im tiefsten Inneren getröstet und werden erhoben von der ergreifenden Schönheit dieser Stätte, von der aus der Blick auch beseligt hinschweift zu der wundervollen Gebirgsnatur, die von allen Seiten her auf den Acker Gottes schaut, als wolle sie den Schläfern täglich sagen: Wie schön ist doch eure Heimat, in deren Scholle ihr ruht, für die ihr gelebt und geschaffen, auf der ihr gehofft, geliebt und getrauert habt, auf der des Lebens buntes Wechselspiel auch an euch vorüberzog. In einer fesselnden Schrift hat der Buchholzer Schuldirektor Paul Schulze gedankenschön von diesem Friedhofe geschrieben, zu dem wir morgen, am Tage der Toten, an dem auch in unserer Gebirgsheimat Tausende zur letzten Ruhestatt der Ihrigen wallfahren, ziehen wollen. Mit Recht weist der Verfasser darauf hin, welch stimmungsvoll schönes Bild schon die Kapelle gewährt, die wie verträumt und versonnen daliegt, in Grün eingeschmiegt oder vom Schnee verhüllt. Unser Bild zeigt sie dem Leser. Jahrhundertelang wurde hier den Einwohnern von Buchholz, die dahingegangen waren, letzter Nachruf gewidmet, ihren Hinterbliebenen Gottes Trost gespendet. Und wie ergreifend ist der von hohen Bäumen eingefaßte Weg von der Kapelle zum Kreuz. Alle Linien laufen auf ihn, den Gekreuzigten zu, den Hintergrund bildet des Waldes abschließendes Grün. Wie herrlich sind die alten Bäume, jeder ein Stück Schönheit für sich.

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Die Friedhofskapelle von Buchholz.

Mit Recht gibt aber Schuldirektor Schulze in seiner erwähnten Schrift auch mancherlei beherzigenswerte Anregungen. Er tut dies zunächst unter anderem, indem er die Schaffung eines würdigen Eingangstores empfiehlt! Auch an den Abschlußmauern und Uebergängen aus einer Abteilung in die andere ist bei geringen Kosten noch manch schönes Schaffen möglich. Eines fehle aber vor allem: Schöne Brunnen. Was hier vorhanden ist, sind allerdings reine Zweckmäßigkeitsanlagen primitiver, unschöner Art. Leicht ließe sich da z. B. in einer Nische sprudelndes Wasser schaffen, an anderer Stelle wieder ein Becken usw. Doch auch jeder einzelne könnte zur weiteren Zierde des Friedhofes das Seine tun. Und das besonders bezüglich des Grabschmuckes. Alles Geschmacklose ist hier zu vermeiden, um den sonst so schönen Eindruck des Friedhofes nicht zu stören. Paul Schulze meint hier z. B. das Anbringen von Glaskugeln, Photographien u. a. mehr. Bei Gräberreihen wird man gut tun, die Hügelform zu wahren, nicht die Beetform. Beim Schmuck der Gräber sind naheliegenderweise Blumen der Heimat auch zu bevorzugen. Der schönste Schmuck dieses Gottesgartens sind ja überhaupt Blumen, Sträucher und Bäume, darunter die Blumen wie sie auch im Dorfgärtlein blühen, auch Rosen mit Efeu oder von Buxbaum umrahmt. Wie kann sich hierbei alle Liebe für die teuren Entschlafenen entfalten, vielmehr noch als am toten Stein. Bezüglich der Gedenktafeln und Denkmäler ist bei der Wahl ebenfalls Vorsicht am Platze. Meist verwendet man auch heute noch das Steinmaterial hierbei, kaum noch das Holz, und doch könne z. B. ein schöngeformtes, künstlerisch gemaltes Holzkreuz oder eine Tafel aus Holz prächtige künstlerische Wirkung hervorbringen; namentlich bei Kindergräbern wird eine derartige Wahl des Gedenkmales besonders glücklich sein.

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Grabdenkmal der Familie Blume.

Der schönste Schmuck des Grabmals aber ist, wie Schuldirektor Schulze weiter sehr treffend sagt, die Inschrift; äußerlich schon, wenn sie in passenden Lettern gut geordnet ist. Hier wird manchmal ein schöner Stein durch schlecht ausgeführte Inschriften verunziert. Doch auch dem Sinne nach soll die Inschrift eine Zierde sein. Man hüte sich vor schlechten Versen und meide überhaupt Reime. Auch Kosenamen sind auf Grabsteine meist verfehlt, ebenso lasse man menschlicher Eitelkeit nicht allzu großen Spielraum, vor allen Dingen aber schreibe man orthographisch richtig. „Vergiest“ z. B. ist etwas anderes als „vergißt“. Im allgemeinen halte man es mit der Kürze. Ein schönes Bibelwort, ein schöner Gesangbuchvers paßt immer am besten. Ist es denn wirklich schön, wenn auf 75 Prozent aller Leichensteine steht „Ruhe sanft“. Lassen sich nicht schönere Worte finden, wie z. B. „Bei Gott ist Ruh“, oder „Zum Frieden eingegangen“, oder „Von des Lebens Unrast erlöst“; auch „Du bist bei Gott“. Da nun aber nicht jedem als Gnadengabe Geschmack und Verstehen hier in die Wiege gelegt werden, darum ist es vielleicht angebracht, wenn an einem kleinen Platz des Friedhofes eine Musterbegräbnisstätte mit vorbildlichem Grabschmuck eingerichtet wird. Auch schaffe der Kirchenvorstand eine Beratungsstelle. Jedermann kann sich sowieso ja an das Pfarramt wenden. Dem Kirchenvorstand, der der Gemeinde für das Aussehen des Friedhofes verantwortlich ist, steht auch Recht und Pflicht zu, eventuell Grabdenkmäler abzulehnen, verwahrloste zu versorgen, gegebenenfalls auf Kosten der Besitzer. – Auf unserem Friedhof nun ist, wie gesagt, viel hohe Schönheit vorhanden. Erweisen wir uns dafür dankbar und geben wir nicht den kommenden Geschlechtern den Anlaß über Ungeschmack zu spötteln, tun wir in Treue das Unsere zur Pflege des schönen auf dem Acker Gottes und uns selbst zur Freude und unseren teuren Toten zum guten Gedächtnis.

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Grabmal weiland Kommerzienrat Kunze

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Auch Du wirst sterben!

Ja, wenn wir mit solchen Betrachtungen morgen über den Friedhof gehen (und das gilt auch für andere Orte), so erweisen wir damit unseren Verblichenen Pietät. – Tag der Toten! – Welch ernster Gedenktag! Ein Tag von Trauerschleiern umwoben, ein Tag, dem auch die Natur ihr Gepräge gibt. Ein tiefernster Gruß also ringsum und drinnen. Und er bedeutet zugleich eine Mahnung, daß man das kurze menschliche Leben immer so ansehen möchte. – Der Tod! Wer dieses kleine Wort in seiner umfassenden riesenschweren Bedeutung still auf sich wirken läßt, der wird wohl vieles in Welt und Leben anders beurteilen, als wer gedankenlos immer wieder an der Tatsache des Sterbenmüssens vorübergleitet. Man darf sagen, daß es eine Weisheit des Todes gibt. In dem Sinne, daß von da her ein Wink für die ganze Lebensführung kommt. Stellt man diese Gedanken in den Lichtkreis der christlichen Weltanschauung, dann webt sich um Leben und Sterben ein wundersam großes Hoffen. In dem schlichten sinnigen Kirchenliede heißt es: „Ein Tag, der sag’s dem andern. mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit!“ Dann bleibt es nicht bei dem kalten und im Grunde verzweifelten Satze, daß wir nur leben, um zu sterben. Es leuchtet dann vielmehr ein wirklicher Sinn des Lebens, und ein wirklicher Trost kann reden, auch wenn der Tod mit recht bitteren Begleitumständen erscheint …

Wir gedenken morgen der Toten. An allen Gräbern tauchen die wehmütigen Erinnerungen auf. Man schmückt die letzten Ruhestätten. Pietätvoller Sinn und alte schöne Sitte gehören ja zusammen. Und es mögen vor unserer nachdenklichen Seele die Hunderttausende von Gräbern und Kreuzen aufsteigen, die irgendwo weit da draußen zu finden sind, wo einst der Weltkrieg tobte. Ein dankbares Gedenken muß uns selbstverständlich sein. Die deutschen Brüder, die ihr Leben für Volk und Heimat opferten, dürfen nimmer vergessen werden …

Man hat den Tod oft genug mit einer gewissen freundlichen Poesie umweben wollen. Aber das Grauen des Todes ward damit niemals behoben. Der christliche Ewigkeitsglaube aber hat schon wieder bangenden Menschenseelen den Halt gegeben, der sonst nicht zu finden war. Wenn das heute bei manchen Leuten als nicht modern gilt, so hat das wenig zu besagen. Unzähligen Menschen bleibt der Gedanke an die Ewigkeit der Anker des Lebens.

Totensonntag! Winter! Und doch sind die Gräber der Verstorbenen geschmückt. Ein wohltuender Anblick dieses Werk der Liebe, die nicht vergessen kann! Aber daneben so mancher Grabeshügel, den niemand pflegt! Das Gras wächst wuchernd auf der Ruhestätte der Vergessenen. Vielleicht schlafen dort Menschen, die schon einsam waren im Leben und einsam beim Sterben. Aber vielleicht auch Menschen, an deren Sarge viel Tränen flossen. Ein wehmütiger Anblick, solch Grab ohne Liebe! Eine Anklage gegen die Menschen, die die Treue vergessen! Ja, vergessen, wie oft geschieht es auch da, wo man im ersten Schmerz ein „Unvergeßlich“ auf den Grabstein geschrieben hat! Vergessen, sehr schnell vergessen ist auch so mancher stiller Schläfer in Feindesland, vergessen unter den Sorgen des Tages, aber mehr noch in den Freuden des Lebens, vergessen in der eigenen Familie, vergessen vom deutschen Volke, für das er sein Leben geopfert! – Ach, und so mancher denkt an den Reichtum der Liebe, den die Entschlafenen gegeben haben. Wie war ihr Herz so reich an Güte, als sie auf Erden wandelten. Das alles ist nun dahin. Sie können uns nicht mehr Freude im Leben geben. Ach, das ist ja nicht wahr! Nichts ist verloren. Die Liebe stirbt nicht. Die Liebe segnet weiter. Wir schließen unseren lieben Toten die Augen für dieses Leben und sie öffnen uns die Augen für jenes Leben. Wenn das doch an allen Trauernden wahr würde!