Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 27. – Sonntag, den 29. Juni 1930. S. 2 – 3.
(Aus den 1807 erschienenen „Nachrichten von dem Dorfe Wiese“ des Wiesaer Schullehrers Gottfried Seifert.)
Von Dr. M – r.
Jüngst fiel mir ein altes vergilbtes Büchlein in die Hände, das die Geschichte des Dorfes Wiesa einschließlich Wiesenbads bis zum Jahre 1807 enthüllt. Sein Verfasser ist ein Lehrer Gottfried Seifert, der vor mehr als 100 Jahren an der Schule in Wiesa wirkte. Das letzte Kapitel dieses mit großem Fleiß und peinlicher Gewissenhaftigkeit zusammengestellten Büchleins trägt die Ueberschrift: „Vermischte Nachrichten und Begebenheiten, die sich in Wiesa zugetragen.“ Hieraus sei meinen Lesern folgendes mitgeteilt:
Es war am 21. Juli des Jahres 1565, als eine ungeheure Wasserflut über Wiesa hereinbrach. Wochenlang hatte es vorher ununterbrochen in Strömen geregnet. Die Zschopau schwoll immer mehr an, bis ihr Bett die gewaltigen Wassermassen nicht mehr halten konnte. Sie stürzten mit furchtbarem Ungestüm über das wehrlose Dorf, dessen Bewohner noch immer gehofft hatten, daß das Wasser zurückgehen würde. Es wurden an diesem Unglückstage „13 Häuser mit 2 Pochwerken, Schmelzhütten und allem Vorrath von hier weggeführt, 4 Häuser zerrissen, als sich das Wasser an 262 Ellen hoch erstreckt.“ „Ein Kind schwamm mit seiner Wiege davon und wurde auf einem Baum hangend todt gefunden und zu Schönbrunn begraben. Hans Seideln ertranken 3 Kinder, Andreas Schenken 1 Kind. Die Aeltern mußten ihre Kinder dahin schwimmen sehen, hörten ihr klägliches Schreien und konnten ihnen nicht helfen.“ Bei dieser Wasserflut sind in Wiesa insgesamt „13 Personen, meistens kleine Kinder, umgekommen.“
In den folgenden Jahren ging es den Bewohnern Wiesas herzlich schlecht. Ihre Aecker und Wiesen waren durch die Ueberschwemmung verschlammt und zerwühlt. Es kostete harte Arbeit und Mühe, bis sie wieder die alten Erträge gewährten. Wieviele Häuser mußten neu aufgebaut oder ausgebessert werden! Es war wahrlich eine bittere Zeit, die durch die leidvolle Erinnerung an den schrecklichen Tod so vieler teurer Familienangehöriger ganz besonders trübe und qualvoll erschien. Nach wenigen Jahrzehnten aber war wieder alles überwunden. Das Leben ging wieder seinen ruhigen, friedlichen Gang. Die Falten, die Kummer und Sorge auf den Gesichtern der Dorfbewohner gegraben hatten, waren geglättet. Man konnte wieder froh und freudig sein, namentlich als 1593 vom 12. September bis 3. Oktober die wegen ihrer Leutseligkeit verehrte Kurfürstin-Witwe Sophie mit ihren Söhnen Christian und Johann Georg in Wiesenbad weilte. In festlicher Kleidung zog jung und alt nach dem nahen Bad, um der Fürstin und den Prinzen zuzujubeln, die sich wie selbstverständlich unter das Volk mischten und für jeden ein freundliches Wort hatten. Auch hatte die Fürstin für Belustigungen gesorgt, sodaß überall, auch in die ärmste Hütte, eine gehobene, festliche Stimmung einkehrte.
Doch wir leben nun einmal in einer Welt der Gegensätze. Und solch ein Gegensatz zu dem vorhin gezeichneten heiteren Bild zeigt sich uns in der kurzen, dafür aber um so erschütternder wirkenden Bemerkung des Wiesaer Chronisten:
„1613 sind in Wiese 133 Personen an der Pest gestorben.“ Welch ein maßloses Elend verbirgt sich hinter diesen wenigen Worten! Die Zahl von 133 Toten beweist, wie furchtbar die Seuche gewütet haben muß. Ich weiß nicht, wieviele Einwohner damals, vor mehr als 300 Jahren, Wiesa gehabt hat, vermute aber, daß es nur paar Hundert gewesen sind. Zu jener Zeit war die Bevölkerungsdichte bei weitem nicht so stark wie heute. Man denke nur an die damaligen Einwohnerzahlen selbst der Städte, die als besonders groß und bedeutend galten. Also ist anzunehmen, daß durch die Pest ein wesentlicher Teil der Bevölkerung Wiesas hinweggerafft worden ist. Was ein Geschichtsschreiber von der Pest in Annaberg im Jahre 1568 berichtet: „Kein Haus blieb damals verschont und was sich heute noch gesund begrüßte, war morgen schon eine Beute der Pest“, traf wohl nicht minder auch auf Wiesa zu.
Fast ein halbes Jahrhundert blieb nun Wiesa vor weiterem Unheil bewahrt. Während dieser Zeit – es war im Jahre 1625 – hielt sich die Kurfürstin-Witwe Sophie abermals in Wiesenbad auf, dessen heilkräftige Bäder ihrer Gesundheit äußerst zuträglich waren. Auch ihre Enkel besuchten das so idyllisch gelegene Bad, darunter der damals 2jährige Prinz Johann Georg, der spätere Kurfürst Johann Georg II. Die Prinzen vergnügten sich hier im lustigen Spiel. Es wurde den Prinzen in Wiesenbad eine Vogelstange aufgerichtet und laut erschallte ihr Jubel, wenn es geglückt war, den Vogel herunterzuschießen. 30 Jahre später, „1655 im Monat May brauchte Johann Georgs II., damals Churprinzens, Frau Gemahlin die Badekur allhier, welche von der Altenburgischen Fürstin im Bade besucht wurde“.
Nicht lange danach (1661) wurde Wiesa von einer zweiten Wasserflut heimgesucht. Es wurden „in Wiese zwei Brücken und in der Rosenau die Brücke 36 Schritte lang mit vielem Land und Ufer abgerissen“. Menschenleben waren jedoch erfreulicherweise anscheinend nicht zu beklagen. Im Laufe der Zeit aber forderte das Wasser doch noch zahlreiche Menschenopfer, wenn es auch verheerende Ueberschwemmungen nicht mehr anrichtete. So wurde am 6. Juni 1699 „an einem Wehr in Wiese August Graupner, Stadtschreiber in Annaberg, von einem Fischer im Wasser gefunden“. „1739 am 27. Jul. zu Mittage um 1 Uhr ist Herr M. Johann Georg Böhm, Pastor zu Stadt Zwönitz, 63¼ Jahr alt, ingleichen dessen Eheliebste, Frau Johanna Sophia Böhminn geb. Schreyinn, 47½ Jahr alt, wie auch deren Knecht und Magd beim obern Steg in Wiese im Wasser ertrunken, als diese Personen nach gebrauchter Badekur nach Hause fahren wollten.“ Durch solche und andere Ereignisse wurde das, abgesehen von Zeiten großer Schrecknisse, im allgemeinen ruhig und gleichmäßig dahinfließende Leben der Dorfbewohner für eine Weile aufgewirbelt. Nicht wenig Aufregung und viel Gesprächsstoff brachte auch der Sommer des Jahres 1691, da „hat man hinter dem Wiesenbad große Schlangen wahrgenommen, die mit erhabnem Kopfe fortgeschlichen, Mäuse, Frösche, Forellen und andre Fische gefressen haben.“
Wenn es aber nur immer bei derartigen Vorfällen geblieben wäre! Die grausige Wasserflut vom Jahre 1565 und die mörderische Pest im Jahre 1613 sind bereits geschildert worden. Es ist noch zu erwähnen, daß Wiesa auch von furchtbaren Hungersnöten heimgesucht wurde. Aus der Geschichte des Erzgebirges sind uns die Hungerjahre 1771 und 1772 mit ihrem unsäglichen Elend bekannt. Sie waren die Folgen einer Mißernte, wie sie in einem solchen Ausmaße bei uns bisher noch nicht dagewesen war. „Schon im Frühjahr 1770“, so lautet ein Bericht, „als ein später Schneefall den Wintersaaten großen Schaden zufügte und darauf anhaltendes Regenwetter folgte, begann eine allgemeine Besorgnis um die Zukunft sich der Gemüter zu bemächtigen; sie bestätigte sich in den seit Johannis von Woche zu Woche steigenden Getreidepreisen und in einer Mißernte, die sich nicht bloß über das Erzgebirge, nicht bloß über Sachsen, sondern über die fruchtreichsten Gegenden Deutschlands erstreckte. War die Bedrängnis schon groß, welche dadurch für die dichte Bevölkerung unseres Obererzgebirges herbeigeführt wurde, so mußte sie sich zur höchsten Not steigern, als im nächsten Jahre der späte Schneefall und die regnerische Witterung sich wiederholte. Die Felder boten den düstersten Anblick, sie waren von den Eigentümern entweder mit selbsterbautem geringen oder teuer erkauftem Samen möglichst dünn bestreut, oder aus Mangel an solchem gar nicht besät, und die Kartoffelsaat war hier und da wieder aufgewühlt. So ließ sich das Schlimmste befürchten, eine nochmalige Mißernte. Und sie trat ein! – trat zu einer Zeit ein, als auch die anderen Nahrungsquellen bei der herrschenden Gewerbslosigkeit versiegten und alle Zufuhren aus Sachsens Kornkammern, aus Böhmen und Altenburg, gehemmt waren. Da entrollte sich endlich vollständig das Bild der furchtbarsten Hungersnot, die je erlebt worden war.“
Ein geradezu erschütterndes Bild bekommen wir von der Hungersnot in Wiesa. „1772 stieg die Theurung so hoch, daß ein Scheffel Korn 16 Thaler, ein Scheffel Waitzen 17, ein Scheffel Gerste 13 und ein Scheffel Hafer 6 Thaler und drüber galt. In hiesiger Kirchfahrt starben 200 Personen theils Hungers theils ansteckenden Seuchen, ohne die von hier auswärts noch Brod gegangen und im Hunger umgekommen sind. Von diesen Verstorbenen wurde der größere Theil in der Stille begraben und zu mehreren Malen in Ein Grab 6 und 8 Personen in Brod- und Kleiderschränken statt Särgen gelegt. Feldquecken und Grasgewächse waren öfters die Nahrung der Armen.“
Etwa 30 Jahre später, 1805, „entstand abermals eine so große Theurung, daß 1 Scheffel Korn im Sächs. Gebirge auf 20 Thaler, in Böhmen auf 54 Gulden, 1 Scheffel Hafer auf 6 Thaler stieg und 1 Kanne Butter 1 Thaler galt. Wiewohl diese Theuerung jene (von) 1772 in allen Lebensbedürfnissen weit übertraf, so ist doch nicht gehört worden, daß Jemand Hungers gestorben.“
Wir nähern uns damit dem Ende der Aufzeichnungen, die mit dem Jahre 1807 abschließen. Es wird noch an bemerkenswerten Ereignissen erwähnt, daß 1806 „eines Posamentierers Frau, Langerinn, aus Anaberg durch einen unversehenen Fall in den großen Riß im Plattenwald ihr Leben – – verlohr.“