Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 25. — Sonntag, den 15. Juni 1930, S. 1 – 2.
Zum Annaberger Trinitatisfest.
Wie die „O. Z.“ bereits vor einiger Zeit mitteilte, wird das diesmalige Trinitatisfest Annabergs dadurch von besonderer Bedeutung sein, weil vor nunmehr hundert Jahren an diesem Fest die Weihe der neuerrichteten Hospitalkirche stattfand, deren Vorgängerin am 28. September 1826 ein Raub der Flammen geworden war. Aus alten Chroniken erfährt man von der Geschichte der früheren Annaberger Friedhofskirchen, daß anno 1498 eine kleine Kapelle vor dem Wolkensteiner Tor stand, dort, wo sich jetzt das Hospital befindet. Als man dann 1502 die Bergkirche in der Stadt gebaut hatte, wurde jene Kapelle zur Hospitalkirche verordnet. Sie war aber seit langem schon recht baufällig, weshalb man schon immer mit dem Plane umging, einen Neubau zu schaffen, dessen Ausführung jedoch durch die damaligen unruhigen und schlechten Zeiten immer wieder verhindert wurde. Endlich entschloß man sich anno 1684 zur Erbauung der neuen Hospitalkirche. Man fing sofort an, den Grund zu graben, und schon am 30. September konnte die Kirche gehoben werden, die dann am 8. Oktober fertig ward. Für das Gotteshaus stiftete u. a. der Landesfürst Johann Georg III. vieles wertvolle. Anno 1685 wurde am Dreifaltigkeitstage zum ersten Male in der neuen Kirche von Martin Seidel, dem Hospitalpfarrer, gepredigt. Uebrigens datiert auch die Entstehung der Kät bekanntlich aus jenen Zeiten. Die damalige Hospitalkirche wurde an die alte ehemalige kleine Kapelle, deren Ueberbleibsel noch vorhanden waren, angebaut, und zwar auf einem Platz, wie es in der Chronik heißt, wo alles „wüste aussah“. Wo der Altar dann stand, waren große Löcher (wie die Ortsgeschichte erzählt) „da hinein man zu gehen Scheu trug“. An der Stelle der Sakristei stand eine „schmutzige Küche nebst Rauchloch“. Die Vorfahren waren 80 Jahre lang mit dem Bau umgegangen, bis „nunmehro statt der unansehnlichen Kapelle, welche wie eine scheuernmäßige Wüsteney zuletzt sahe und weil das Altarchor an einem düsteren Orte stund“ der Neubau errichtet wurde. Bei der Einweihung wurden „erstlich drei Pulse auf der Kirche gelauten, hernach sind von der Hauptkirchen ausgegangen die Musicanten mit Zincken und Posaunen, die lateinische Schuljugend nebst den Schuldienern, die Geistlichen, hernach die Bürgerschafften, die teutschen Schüler mit ihrem Schulmeister, die Mädgen, welche auf das schönst geputzet, alle Jungfrauen und Weiber, welche sich auf dem Rathaus versammelt und dann eingetreten, als das Mannvolck beygewesen. In der Prozession wurde gesungen und wechselweise von den Thürmern und den Stadt-Pfeiffern geblasen. Vor den Kirchenchore stunden 12 Mann mit schwarzen Habit, Mänteln und Partisanen, welche niemand durften hineinlassen, als wer im Proceß ging.“

Das vorstehende Bild stellt die gegenwärtige fünfte Hospitalkirche dar, die am 6. Juni 1830 geweiht wurde, und zwar in ihrem Zustand von vor 60 Jahren etwa. Das Bild ist aufgenommen von der jetzigen Rudolf-Keller-Straße aus, und zwar zur Winterszeit. Das niedrige Gebäude vor der Kirche ist die spätere dort befindliche gewesene Kupferschmiede von Neugebauer. Rechts ist der Garten der Hospitalpfarre, die aber selbst auf
Hinter der Hospitalkirche redet der alte Annaberger Gottesacker seine feierlich stille Sprache und erzählt auch seinerseits interessantes Geschichtliches aus der Vergangenheit der alten Bergstadt. Bei Erbauung der Stadt war der Friedhof bei der St. Annenkirche. Als sich aber eine epidemische Krankheit entwickelte und dieser Gottesacker für die vielen Leichen damals zu beschränkt im Raume war, faßte man den Plan, vor dem Wolkensteiner Tor hinter dem Hospital einen Platz für einen neuen Friedhof auszuwählen. Dies geschah und man umgab ihn 1506 mit einer Mauer, mit welcher man, wie die Chronik erzählt, „biß Anno 1508 zugebracht hat“. 1517 hat man diesen Friedhof dann erweitert und ein steinernes Kruzifix auf denselben gesetzt. Herzog Georg und der hohe Rat der Stadt hatten dann beim Papst nachgesucht, diesen Gottesacker zu einem „heiligen Felde“, wie dasjenige in Rom bei dem dortigen Hospital, zu verordnen und heilige Erde von da nach hier zu senden. Der heilige Vater belegte daraufhin die Hospitalkirche und den Gottesacker mit den gleichen Privilegien, welche die Kirche gleichen Namens samt ihrem Friedhof in Rom besaß. Damit erteilte der Papst allen Gläubigen in und außerhalb der Stadt, welche sich diesen Ort zum Begräbnis erlasen, „völlige Vergebung der Sünden, wenn sie über diese betrübt werden und mit dem Munde bekenneten“. Der Papst gab die Erlaubnis, soviel von der heiligen Erde zu Rom wegzunehmen, als man dazu benötigte, um das heilige Feld zu Annaberg zu bestreuen. Diese hierüber anno 1517 erteilte päpstliche Bulle ist anno 1604 bei dem Brande nebst anderen Privilegien vernichtet worden; man besitzt jedoch eine Abschrift von ihr. Auf diesem Friedhof steht bekanntlich die berühmte Annaberger Linde, von der die Sage geht, daß sie umgekehrt in die Erde gesetzt worden ist, mit den Aesten nach unten und den Wurzeln nach oben. Letztere hätten dann Blätter getrieben und Aeste erhalten. Der Chronist erklärt hierzu, daß die Gestalt der Linde die Sache den Augen auch wahrscheinlich mache. Die Pflanzung wäre folgendermaßen vor sich gegangen: „Ein Marstaller uff St. Annaberg habe einen ruchlosen Sohn gehabt, welcher sonderlich keine Aufferstehung glauben wollte, dahero ein Priester sich alle Mühe gegeben, diesen bösen Menschen auf bessere Gedancken zu bringen. Er sey mit dem jungen Purschen auf den Gottesacker gegangen und habe ihm vorgestellet, daß dieses das Feld des Herrn sey. Darauf habe dieser Pursche eine noch kleine Linde auf dem Kirchhoff erblicket und zu dem Priester gesagt: So wenig als diese Linde, ausgerissen und umgekehrt mit den Aesten in die Erde gesetzt, ausschlagen würde, so wenig würden auch diejenigen, welche todt wären wiederum lebendig und auferstehen. Der Priester habe im göttlichen Eifer geantwortet: Gott würde so gnädig seyn, solche Ruchlosigkeit zu straffen und ein Zeichen seiner Allmacht sehen lassen. Er wolle die Linde umgekehrt in die Erde setzen, und würde sie ausschlagen, so sollte der Pursche seinen bösen Unglauben erkennen lernen, welches auch hernach also geschehen.“