Eine Geschichte von anno 1677 von Oswald Rathmann.
Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 24. — Sonntag, den 8. Juni 1930, S. 2
„Da hilft kein Mittel weiter nit, als du räucherst den Stall mitsamt deinem Vieh aus“, meinte Regina Möller, als ihr der Bauer Valentin Korn seine wundersame Geschichte erzählt hatte. Seit einigen Nächten nämlich war sein Vieh arg unruhig, brüllte und zerrte an den Ketten, und die Leute fanden dadurch keinen Schlaf. Den hätten sie aber nur gar zu gut brauchen können jetzt, denn auf den Feldern gab es schon allerlei zu tun Ende April, und so kam es denn, daß das Gesinde mürrisch und lustlos die Arbeit verrichtete und der Bauer selbst nur alles halb tat. Da kommt eine Bauernwirtschaft zurück dabei, und das alles verdankte er nur der Walpurgis Baumann, die nach seiner und der anderen Meinung sein Vieh und den Stall verhext hatte.
Die Baumannin war ein altes, armes Weib, das gewiß keinem Menschen etwas Böses antat, doch ihre Kunst, Wunden zu besprechen und allerlei Gebrechen mit seltsamen Sprüchlein zu heilen, hatte ihr den Ruf einer Zauberin eingetragen, und wer solche Hexenkünste zum Guten verwertet, der brauchte sie auch sicherlich dazu, einem Menschen zu schaden. Der Aberglauben damaliger Zeit trieb reiche Blüten, keiner zweifelte an solchen Machenschaften, und so kam es denn, daß die Baumannin bald in argen Verruf geriet. Die Regina Möller dagegen stieg ob ihres Wissen gewaltig im Ansehen der Leute, denn sie war es, die mit Gegenmitteln umzugehen verstand, und das war noch mehr beliebt als das Zaubern selbst.
Nun hatte das dumme Weib Valentin Korn geraten, den Stall auszuräuchern, um all die Teufeleien, die die Baumannin da hinein gehext habe, zu vertreiben. Doch an einem ganz besonders dazu geeigneten Abend müsse das geschehen, sollte es die richtige Wirkung erzielen, nämlich am Walpurgisabend, wo die Hexen nicht daheim waren, sondern ein Stelldichein mit ihren teuflichen Buhlen hatten. Alles war genau beredet worden, die Mittel zum Beräuchern lagen bereit, und der Bauer ersehnte den Abend herbei, an dem er sein Vieh erretten konnte von arger Pein. Die Möllerin selbst zog es natürlich vor, nicht bei der Prozedur anwesend zu sein, ob aus Klugheit oder aus Vorsicht, bleibt dahingestellt. Die Tage vergingen dem Bauer zu langsam, er konnte es nimmer erwarten, seine Hände zu dem wichtigen Werk zu regen, und als dann endlich der Abend vor dem Tage Walpurgis anbrach, kannte seine Erregung keine Grenzen. Die Stunden bis zum letzten Glockenschlage wurden ihm zur Ewigkeit, doch mußte er sich gedulden, sein Räucherwerk nicht vorzeitig tun, wenn es den richtigen Erfolg haben sollte.
Endlich konnte er beginnen. Einen mit allerlei Ingredienzien getränkten Wergbündel in Brand setzend, ging er, wundersame Sprüchlein murmelnd, von einem Tier zum anderen, strich ihm über den Rücken und machte drei Kreuze hinterher, denn so hatte es ihm die Möllerin geraten. Das Vieh guckte blöde drein und erschreckte ob des plötzlichen Lichtscheines, dem Hexenfehder focht das nicht an, er schritt achtsam und ganz im Banne seines albernen Tuns weiter von Stall zu Stall, betete und litaneite, und bemerkte es nicht, daß sich ein kleines Teilchen des brennenden Wergs vom Bündel löste und weiterglimmend auf dem strohbedeckten Stallboden liegen blieb.
Mit eins hörte er ein furchtbares Brüllen hinter sich, und nichts anderes meinend, als daß der Teufel dahinter stecke, warf er in seiner Angst das brennende Bündel von sich, merkte dann erst zu seinem Schrecken, daß nicht der Böse, sondern eine seiner Kühe diesen Schrei ausgestoßen hatte, weil ihr die Füße von dem aufflammenden Stroh gesengt wurden. Jetzt ernüchterte der Bauer jäh, doch es war schon zu spät. Rings um ihn schlugen die Flammen empor, leckten gierig weiter, kletterten an den Firsten der Ställe entlang und verbreiteten sich in rasender Schnelle. Hilfeschreiend rannte Valentin Korn aus dem brennenden Gebäude, nicht daran denkend, das wertvolle Vieh loszubinden, besessen von dem Wahne, daß die Hexe Walpurgis ihm diesen neuen argen Tort wieder angetan habe.
Als Menschen herbeigeeilt kamen mit Ledereimern und Krügen war es zur Rettung der Ställe zu spät. Unter entsetzlichem Gebrüll fielen all die Tiere den Flammen zum Opfer, die weiter strebten und schon das Wohnhaus Korns ergriffen hatten. Ohne eingreifen zu können, mußten die Menschen machtlos zusehen, wie das stattliche Gehöft vernichtet wurde von dem tobenden Element, verwirrt und geängstigt rannte alles durcheinander, so dem Brand nur Gelegenheit gebend, weiter und heftiger um sich zu greifen. Bald stand die ganze Häuserzeile, in der das Feuer angekommen war, in lichtem Lohen, knisternd und prasselnd fielen Scheunendächer zusammen. Funken flogen in der Luft umher und fielen hier und da nieder, immer neue Brandherde schaffend. Weithin leuchtete der große Brand von Scheibenberg wie ein Fanal in die Nacht hinaus, von Nachbardörfern eilten hilfsbereite Menschen herbei, doch ihr Tun konnte sich nur auf Schützen der Häuser beschränken, die noch nicht gesengt hatten, alles was Feuer gefangen hatte, mußte man ausbrennen lassen, wollte man nicht Gefahr laufen, selbst ein Opfer des Feuers zu werden.
Die ganze Mainacht hindurch wüteten die Flammen, erst als der Morgen graute, beschränkte sich das Feuer auf seinem Herd, schwelte nur noch knisternd und erlosch endlich ganz, als der junge Tag erschienen war. Doch ein trauriges Bild war es, das sich ihm darbot. Sechsundvierzig schöne Häuser waren nicht mehr. Trümmerhaufen und glühende Asche nur zeigten an, daß sie einstmals gestanden, desgleichen zwölf Scheunen, dazu kam fast das gesamte Vieh des abergläubischen Bauern, der durch seinen Unfug diesen entsetzlichen Brand heraufbeschworen hatte. Die Möllerin hütete sich wohlweislich, etwas von ihrem guten Rat verlauten zu lassen, und auch der Bauer schwieg darüber. Später aber kam es doch irgendwie an den Tag, daß Unvernunft und Aberglaube schuld waren an dem großen Feuer, das Scheibenberg am 1. Mai 1677 heimsuchte.