Von Dr. M – r.
Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 25. — Sonntag, den 15. Juni 1930, S. 2.
Etwa um die Mitte des 16. Jahrhunderts wirkte als Pfarrer im Dorfe Clausnitz bei Sayda Wolfgang Uhle, ein Bürgerssohn aus Elterlein. Das Unglück wollte es, daß er 1563 den dortigen Ortsrichter Georg Biber in wildem Jähzorn mit einem Hammer erschlug.
Uhle wurde für seine unselige Tat zum Tode verurteilt, entzog sich jedoch der Strafe durch schnelle Flucht nach Böhmen. Er wurde nun geächtet und irrte jahrelang in dem fremden Lande umher, ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft, verfolgt wie ein wildes Tier. Wie oft war er in seiner Verzweiflung nahe daran, seinem elenden Leben ein Ende zu machen. Aber immer wurde der Todesgedanke von der Hoffnung überwunden, es werde das Geschick, das so grausam mit ihm verfahren habe, ihn vielleicht doch einmal aus seiner Not wieder befreien. Er sollte sich nicht täuschen. Ihm kam Rettung, freilich auf ganz andere Weise, wie er sich’s ausgemalt hatte. In der Stadt Annaberg war nämlich 1568 die Pest ausgebrochen. Sie wütete furchtbar unter ihren Bürgern, verschonte kein Haus und löste alle Bande der Gesittung. Männer und Frauen, Kinder und Greise, die heute noch gesund waren, waren morgen schon die Beute der entsetzlichen Seuche. „Vergeblich verlangten die Sterbenden“, so wird uns erzählt, „nach Tröstung durch das Heilige Abendmahl, da die dasigen Geistlichen nicht zu den Verpesteten gehen durften. Es erschien daher die Anstellung eines besonderen Pestgeistlichen nötig. Aber niemand fand sich, der den todbringenden Seelsorgerdienst übernehmen wollte.
Hiervon erfuhr der Geächtete. Lange schwankte er hin und her, aber schließlich ließ er dem Annaberger Rate sagen, daß er sein Leben in den Dienst der Pestkranken stellen wolle, wenn er begnadigt würde.
Auf die Befürwortung des Rates hin begnadigte ihn auch wirklich der Kurfürst August unter der Bedingung, „daß er seines Berufes als Pestprediger treu warte.“
Darauf kehrte Uhle in sein Vaterland zurück und begab sich nach Annaberg, wo bereits 2228 Personen an der Pest gestorben waren. Mutig setzte er sich der größten Gefahr aus. An allen Sterbebetten konnte man ihn finden, in allen noch so verseuchten Häusern ging er aus und ein, um mit Rat und Tat den Unglücklichen zur Seite zu stehen. Furcht schien ihm fremd zu sein. Er benahm sich so unbekümmert, als ob ihm die Pest nichts anhaben könne. Und er blieb auch wunderbarerweise von der schrecklichen Krankheit unberührt.
Als die Pest erloschen war, wurde Uhle für immer begnadigt. Er wurde zum Pfarrer in Breitenbrunn ernannt, wo er segensreich seines Amtes waltete, von allen aufs höchste verehrt und geliebt. Seiner Uebeltat gedachte man nicht mehr und auch über ihn war Ruhe und Frieden gekommen, hatte er doch den Mord durch seine todesverachtende Hingebung während der Annaberger Pestzeit vollauf gesühnt. Und gleichsam als Lohn hierfür war ihm ein schöner Tod beschieden. Er erteilte gerade am Altar seiner andächtigen Gemeinde den Segen, als er plötzlich vom Schlag getroffen wurde und tot zu Boden sank. Dies geschah im Jahre 1594, an einem warmen, heiteren Frühlingstag. Die Natur feierte ihre fröhliche Auferstehung und wir dürfen hoffen, daß sie auch dem ehemals Geächteten vergönnt sein wird.