Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt. Nr. 31, 1. August 1937, S. 6.
Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen! Die Wahrheit dieses viel zitierten Wortes erfuhr im Jahre 1804 auch ein Reisender, der die deutschen Lande durchstreifte und in Annaberg Station machte. Von seinen Eindrücken und Erlebnissen daselbst berichtet er uns in einem Reisebericht folgendes:
„Ich kam nach Annaberg, einer landtagsfähigen Bergstadt. Sie ist nach dem Brande im Jahre 1731, der 375 Häuser verzehrte, fast ganz von Stein recht hübsch neu aufgebaut, und viele Häuser sind mit Schiefer bedeckt. Gegenwärtig enthält die Stadt Annaberg mit den ihr zustehenden 3 Mühlen 592 bewohnte Häuser und 4223 Einwohner, unter denen sich 398 Posamentierer und 269 andere Handwerker befinden.
Nächst der Landwirtschaft, wozu die Einwohner 113 Kühe besitzen, und den Handwerken sind das hier zuerst im Gebirge 1561 eingeführte Spitzenklöppeln, die Bandmanufaktur, der Handel und Bergbau nebst der Bierbrauerei die Hauptnahrungszweige. Hier hat das Mühlenamt, ein Bergamt, in dessen Revier sich im Jahre 1780 = 77 Gruben und wo 1788 mit 479 Bergleuten nebst 18 Schichtmeistern gearbeitet worden ist, eine Buchdruckerey, eine lateinische Schule, ein Waisenhaus und ein Postmeister seinen Sitz. An der St. Annenkirche ist der Pastor zugleich Superintendent und hat in seinem Sprengel 18 Städte, 28 Landparochien, 8 Filialkirchen und 63 Prediger. An der Bergkirche, der einzigen in Sachsen, ist ein besonderer Prediger für die Bergleute angestellt. Die Stadt besitzt auch eine Stelle in der Landschule zu Meißen und hat seit 1795 ein neues Stadtschulgebäude erhalten, zu dessen Erbauung die Einwohner ansehnliche Beiträge und auch Auswärtige Beihilfen gegeben haben.
Außer dem Bergbau treiben die Annaberger einen beträchtlichen Seidenband- und Spitzenhandel nicht nur auf ihren zwei Jahrmärkten, sondern auch auf den Leipziger Messen und mit auswärtigen Kaufleuten. Es werden hier die feinsten Spitzen geklöppelt, von denen die Elle bis 2 Reichsthaler zu stehen kommt und nur zu Annaberg werden die sogenannten Schmelzspitzen, auch Gorl genannt, verfertigt. Alle Wochen ist hier Dienstags ein Spitzenmarkttag, wo aus allen Gegenden des Gebirges sowohl Käufer als Verkäufer, Verleger und Klöpplerinnen zusammengekommen. Die ehemalige Scheuereckische Handlung hat eine Maschine zum Nesselgarndrehen angelegt und darüber ein Privileg für Sachsen erhalten, Herr Mende aber ließ eine Seidenspinnmaschine nach einem piemontesischen Modell und eine Nesselgarnmanufaktur anlegen, wo erst auf 6, dann auf 60, hierauf auf 96 und endlich auf 432 Spulen gearbeitet wird. Er erhielt dafür im Jahre 1790 aus der churfürstlichen Prämienkasse eine Belohnung von 1000 Reichsthalern und Sr. Churfürstliche Durchlaucht haben 1791 diese Maschine selbst in Augenschein genommen. Sie hat zugleich das Wohltätige, daß sie über 50 arme Leute beschäftigt, ehe noch das Garn auf der Maschine gedreht wird. Zur Abwendung einer ähnlichen Hungersnoth wie sie 1771 und 1772 die Stadt drückte, wo der Dresdner Scheffel Korn nicht einmal für 15 bis 20 Thaler immer zu haben war, hat der hiesige Stadtmagistrat die vortreffliche und nachahmungswürdige Einrichtung getroffen, daß in wohlfeilen Zeiten die Bürger gewisse Beiträge monatlich geben, wofür Getreide gekauft wird. Den Armen wird alsdann aus dem Magazine wöchentlich zu einem billigen Preise Brot gebacken, wenn theure Getreidepreise eintreten.“
Dr. H. Schmidt-Herford.