Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 10 – Sonntag, den 2. März 1930, S. 1
Die winterlichen Sportveranstaltungen, von denen das Annaberger Wintersportfest am vergangenen Sonntag mit zu den letzten gehört, gehen zu Ende. Die Sonne scheint schier schon zu warm, um noch einen festen Grund zu schaffen für Ski- und Rodelsport. Nur auf den Bergen herrscht noch unbeschränkte Herrschaft des Winters. Die Bilder unseres Heimatblattes zeigen es uns heute.

Zwischen den Erzgebirgsriesen, zwischen Keil- und Fichtelberg eingebettet, erkennen wir das Städtlein Gottesgab. Die warme Sonne scheint auf den Hochgebirgsflecken und wirft bald in diese, bald in jene Ecke eine Hand voll Glanz, als wolle sie gewissermaßen so die Heimat unseres Toler-Hans-Tonels heiligen. Ein ebenso prächtiges Bild bietet die Winterlandschaft der Mühle bei Christofhammer, wie sie unser zweites Bild zeigt. Dieses Bild ist unseren Lesern gewiß schon bekannt aus dem schmucken Werbeplakat unserer „Obererzgebirgischen Zeitung“. Jeder kennt das Bild des Zeitungsboten, der über das Winterfeld zu den einsamen Hütten läuft und dort mit seiner Heimatzeitung schon freudig erwartet wird. Diese Hütten und Häuslein also, die wir auf dem O.Z.-Werbeplakat sehen, sind die Gebäude der Mühle bei Christofhammer, wie sie heute unser Heimatblattbild zeigt. Lassen wir beide Winterbilder jetzt, wo es gilt, bald Abschied zu nehmen von Eis und Schnee, noch einmal auf uns einwirken. Ob im hellen Sonnenschein des Tages, ob bei heller Mondennacht, immer ist sie doch gleich schön, die Welt unserer Berge.

Langsam und doch zu schnell, um alle die wandelbaren Eindrücke des klaren Wintertages festzuhalten, sinkt die Dämmerung herab. Der frühe Winterabend legt sich zwischen Hütten und Häuser, zwischen Bäume und Binsen, zwischen den bewaldeten Wuschelkopf der Berge und die stillen träumenden Täler. Die Formen werden einfacher, größer, schwerer, dumpfer. In den Augenblicken, da bald die Möglichkeit des Segens aufhört, stellt uns ein seltsames Gefühl das heimliche und unheimliche Wesen der Dinge tiefer vor die Seele. Die schneebeladenen Reihen der Bäume verdichten sich zu einem breiten welligen Bande, die Stämme erscheinen wie dunkle starre Träger der plumpen Masse, die weite weiße Erdfläche wird weich und grau wie der Himmel, der darüber hängt und gegen den das zart blau schimmernde Luftmeer sich kaum merklich abhebt. Das letzte Zittern eines Abendrots zerfließt irgendwo wie ein Hauch, wie ein Traum …
Die Nacht kommt: alles wird noch dunkler, höher, einfacher, geheimnisvoller. Irgendein schweres Gefühl klemmt in unserer Brust. So war es uns als Kindern zumute, wenn wir aus den Fenstern in die dunklen Gärten der Finsternis blickten, voller ängstlicher Wonne und aller gespenstischen Gestalten gewärtig … Nur ganz in der Ferne schimmert der gelbe Fleck eines Lichtes und sagt uns, daß auch hier zwischen Nacht und Schnee, zwischen Bergen und Bäumen menschliche Seelen wohnen. Und wie ganz anders wieder wirken alle Bilder, wirken der Blendglanz des Schnees und das silbrige Glitzern des Anraums, sobald der Mond seine bleichen Finger durch das Geäste der Waldwipfel taucht, bald die Linien der fernen Höhen mit magischem Lichte übergießt, bald in das murmelnde Wasser eines nimmermüden Bergbachs sich senkt. Die Welt der kurzlebigen gewachsenen Dinge versinkt in unserer uralten Bergwelt, deren Leben nach den höheren Gesetzen der Ewigkeit geregelt ist. Und bis du, bergfroher Wanderer, göttlicher Andacht fähig, so gehen hinauf zu den Bergen und sauge sie in dich: die Schönheit deiner Heimat, die Ewigkeit, die Beständigkeit und die Ruhe! Dort findest du Frieden!