Wie „schnell“ man vor 100 Jahren reiste.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 49. — Sonntag, den 30. November 1930, S. 2.

Die zunehmende Industrialisierung Deutschlands, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach englischem Vorbild erfolgte und in Sachsen ganz besonders rasch und gründlich vor sich ging, brachte natürlich eine sehr bedeutende Steigerung des Verkehrs mit sich. Mehrere für unsere engere Heimat dadurch unbedingt notwendig gewordene Verbesserung der Verkehrsverhältnisse traten vor 100 Jahren in Kraft. Vom 3. Juli 1827 an gingen außer den bisher schon laufenden vier großen Eilposten der Strecke Leipzig–Dresden, die um 6 Uhr früh sich in Bewegung setzten, dreimal in der Woche zwei kleine, mit zwei Pferden bespannte. Sie sollten für die Reisenden vor allem bestimmt sein, die infolge beschränkter Zeit gern die Nacht zur Zurücklegung der Strecke benützen wollten. Die Wagen verließen Dienstag, Freitag und Sonnabend um 6 Uhr nachmittags Leipzig und kamen um 6 Uhr früh in Dresden an; dort gingen sie am Mittwoch und Sonnabend um 5 Uhr, am Sonnabend um 7 Uhr ab, um 5 Uhr früh bez. 7 Uhr am Ziel zu sein. „Wer demnach“, so sagt das Königl. Sächs. Oberpostamt wörtlich in seiner Bekanntmachung, „z. B. Sonnabends abends 6 Uhr von Leipzig nach Dresden abreist, kann schon am Montage morgens 7 Uhr wieder in Leipzig sein, und fast den ganzen Sonntag in Dresden zugebracht haben.“ Verwendet wurden zu diesen Fahrten „in Federn hängende, ganz bedeckte, viersitzige, mit einem offenen, zweisitzigen Kutscherbock versehene Chaisen.“ Im Innern des Wagens zahlte man 9 Groschen, auf dem Bock 8 Groschen für die Meile; die ganze Tour kostete 4 Taler 6 Groschen. Dabei waren 20 Pfund Freigepäck. Wer mehr als 20 Pfund Gepäck hatte, mußte dieses durch einen Packwagen voraus- oder nachschicken, erhielt aber die 20 Pfund Freigepäck angerechnet. Wer Briefe mit diesen Eilwagen befördern lassen wollte, mußte sie eine volle Stunde von Abgang des Wagens zur Post geben.

Wenige Tage darauf trat eine wesentliche Verbesserung der Verbindungen zwischen Berlin und Dresden und eine Reihe sächsischer Städte ein. Zweimal wöchentlich verkehrte, neu eingelegte Eilwagen legten die Strecke Dresden–Berlin und umgekehrt in 26 Stunden über Großenhain zurück. Dienstags und Freitags, 6 Uhr abends, fuhr man nach Ankunft des Eilwagens, der von Prag kam, in Dresden ab; Berlin verließ man Montags und Donnerstags um 6 Uhr früh, um in Dresden nach dreistündigem Aufenthalt Anschluß nach Teplitz, Prag und Wien zu haben. Auf der Strecke Dresden–Berlin hatte man sogar 30 Pfund Freigepäck. Schwereres Gepäck mußte man mittels eines „Adreßbriefes“ und mit der Aufschrift „Passagiergut“ versehen durch die Packwagen befördern lassen. Diese nahmen auch bis zu vier Personen für 5 Groschen pro Meile mit, während in den Eilwagen die Meile ebenfalls 8 Groschen, die ganze Strecke Dresden–Berlin 16½ Taler einschließlich Postillionstrinkgeld kostete. Auch kleine Geldbeträge – bis zu 50 Taler Silber und 100 Taler Gold – sowie Pakete bis zu 8 Pfund nahm diese Eilpost mit, die Pakete allerdings nur unter Erhöhung des Portos um 50 Prozent.

Der Verkehr zwischen Leipzig und Hamburg wurde zur selben Zeit durch Einlegung zweier Eilwagen in der Woche verbessert. Diese fuhren über Halle, Bernburg, Magdeburg, Stendal, Perleberg und brauchten 55 Stunden. Auch hier war darauf Bedacht genommen, daß die Reisenden in Hamburg und Leipzig verschiedene Anschlüsse erreichten. Eine erhebliche Beschleunigung erfuhr zu gleicher Zeit der Verkehr zwischen Sachsen, Schlesien, Polen und Rußland, indem neue Eilwagen zwischen Löbau und Görlitz geschaffen wurden, die direkten Anschluß an die Eilwagen Dresden–Bautzen–Löbau–Zittau hatten, so daß der Aufenthalt, den Reisende und Briefe bisher in Löbau gehabt hatten, wegfiel. Gleichzeitig wurde schließlich der sehr lebhafte Paket- und Briefverkehr zwischen Sachsen, Westdeutschland, Frankreich und Belgien durch eine neue Reitpost zwischen Leipzig und Halberstadt beschleunigt. An beiden Orten setzte sie sich Donnerstags abends 8 Uhr in Bewegung, um Freitag mittag ihr Ziel zu erreichen. Ein Donnerstag nachmittag zur Post gegebener Brief erreichte Köln nach dieser Neuregelung Sonntag abend.