Von Dr. R. Nicolai-Buchholz.
Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 12 — Sonntag, den 17. März 1929. S. 1

Es mochten wohl viele den Kopf geschüttelt haben, als Lehrer und Eltern des Annaberger Staatsrealgymnasiums im Herbst 1922 daran gingen, das alte „Schießhaus“ bei Jöhstadt zu erwerben und es zu einem „Schullandheim“ umzugestalten. War es doch bis dahin etwas ganz Ungewöhnliches, daß sich die Schule mit dem Gedanken, sich ein Heim anzugliedern, beschäftigte. Damals im Jahre 1922 war es in erster Linie die körperliche Not, die den Anstoß zu der Gründung gab. Stand ja die Jugend besonders stark unter den Nachwirkungen der Unterernährung der Kriegs- und Nachkriegszeit; war ja das kommende Jahr 1923 der Höhepunkt wirtschaftlicher Nöte. Die Schule sah ein, daß sie verpflichtet war, nicht nur geistiges Brot zu geben, sondern auch mitzuhelfen, die körperlichen Nöte abzuwenden. Und so hat das Jöhstädter Landheim in dem nunmehr 7jährigen Bestehen vielen Hunderten von Kindern die Möglichkeit zu einer Kräftigung ihrer Gesundheit gegeben. Welche Freude herrscht doch in den einzelnen Klassen, wenn es heißt: nächste Woche geht es ins Landheim! Und draußen ist das Leben ganz auf gesundheitliche Zwecke eingestellt. Jeder Tag beginnt mit einer morgendlichen Gymnastik draußen auf der waldumrauschten Wiese. Da saugen sich die Lungen voll mit ozonreicher Luft; da werden alle Muskeln und Glieder planmäßig durchgearbeitet. Und den ganzen Tag über wird versucht, Licht, Luft und Sonne so stark wie möglich zur Geltung kommen zu lassen. Nach Möglichkeit werden alle Unterrichtsstunden und Mahlzeiten im Freien abgehalten. Eine tägliche Mittagsruhe sorgt dafür, daß die Kinder bei aller Beweglichkeit nicht zu viel Kräfte ausgeben, sondern ansammeln. Als in diesem Jahre das Staatsrealgymnasium den Versuch unternahm, auch im Winter eine Belegschaft ins Heim zu schicken, wurde es so eingerichtet, daß die Unterrichtsstunden in die Morgen- und Abendstunden gelegt wurden, damit die Mittagsstunden zum Wintersport zur Verfügung bleiben. Gerade dieser erste Versuch brachte das erfreuliche Ergebnis, daß auch im Winter das Heim seine Zwecke erfüllen kann. Großer Wert wird darauf gelegt, daß im Heim ein geregelter Unterricht erteilt wird; denn bei den hohen Anforderungen, die das Leben stellt, kann ein Nachlassen in den wissenschaftlichen Leistungen nicht verantwortet werden. Bisher sind die unterrichtlichen Ergebnisse auch jederzeit zufriedenstellend gewesen. Die körperliche Frische ermöglicht eine ganz andere geistige Tätigkeit als sie ein kränklicher Körper leisten kann. Das Wichtigste am Landheim ist, daß die Jugend hier erzieherisch stärker beeinflußt werden kann, als in der Stadtschule. Die häusliche Erziehung ist oft dadurch eingeengt, daß die Eltern bei der starken Berufstätigkeit „keine Zeit“ für ihre Kinder haben. Außerdem kann im engen Kreise der Familie, zumal wenn das Kind ein Einzelkind ist, die Erziehung zum sozialen Menschen, d. h. zu dem Menschen, der die Pflichten der Gemeinschaft erkennt, nicht so gut durchgeführt werden wie in einer breiteren Lebensgemeinschaft. Im Heim lernen die Kinder, daß gewisse Grundbedingungen unbedingt erfüllt sein müssen, wenn eine Gemeinschaft bestehen soll, wie Rücksicht auf den Mitmenschen, gleiches Recht und gleiche Pflicht für alle, Pünktlichkeit, Ordnungsliebe, freiwillige Unterordnung unter einen Führer, Behaupten des Einzelmenschen gegenüber den andern u. a. Die Uebernachtungszahlen 1926/27: 7200, 1927/28: 8400 und 1928/29: 9000, beweisen, daß das Heim sich steigender Beliebtheit erfreut. Da einige Veränderungen im Innern des Heimes (Vergrößerung des Schlafsaals, Schaffung von Kranken- und Lehrerzimmern, Abortanlagen, Gesamtheizung usw.) nötig sind, wird voraussichtlich im kommenden Frühjahr ein Umbau stattfinden. Eine große Anzahl von Eltern haben bereits jetzt ihre wirtschaftliche Mithilfe zum Umbau zugesagt; denn nur, wenn alle Eltern das Unternehmen stützen, kann es gedeihen und seine hohen Aufgaben erfüllen. So wird das Heim in einer neuen Gestalt eine vorbildliche Leistung darstellen.