Vom großen Johanngeorgenstädter Brand am 19. August 1867.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 20 – Sonntag, den 11. Mai 1930, S. 2 – 3.

Wie oft hat mir der Großvater, der damals als Papiermühlenbesitzer in Breitenbrunn ansässig war, von diesem großen Brande meiner Heimatstadt erzählt, bei dem verbrannte Stücke von allerlei Dingen, durch den Wind getrieben, in großer Zahl sich auch nach Breitenbrunn verirrt hatten. Lebhafter freilich erzählte mir der Alte im schlohweißen Haar von dem persönlich erlebten großen Breitenbrunner Brande, der am 29. Juli 1874, also nur 7 Jahre nach dem Johanngeorgenstädter, 69 Wohngebäude mit Nebengebäuden eingeäschert und 191 Familien obdachlos gemacht hatte. (Der große Schwarzenberger Brand war bekanntlich am 2. Mai 1824, von den früheren Bränden in den Jahren 1709, 1649 u. a. abgesehen). Daß diese gewaltigen Feuersbrünste so rasend schnell um sich griffen, lag neben den Begleitumständen des Sturmes, großer Hitze usw. selbstverständlich in der mangelhaften und unpraktischen Bauweise. (Dicht zusammengedrängte Häusermassen, viel Holzbau, Schindelbedachung, schwierige Wasserbeschaffung zum Löschen usw.). Diese Tatsachen wollte freilich der alte gute Großvater nicht recht gelten lassen. „Neumodische Bauweisen“ waren ihm zuwider.

Aus seinem Nachlaß ist mir nun folgendes Interessante und Charakteristische über den Johanngeorgenstädter Brand und die Zeit nach ihm zu Händen gekommen.

Im Grundstein des neuen Rathauses findet sich dies aufgezeichnet (2 Jahre nach dem Brande):

Für unsere lieben Nachkommen fügen wir hiermit folgendes zu wissen: Am 19. August 1867, vormittags 9¾ Uhr, brach im Dachraum des dem Tischlermeister Eduard Schäfer gehörigen Hauses Nr. 256 Feuer aus, welches bei einer ungeheuren Hitze infolge von Flugfeuer in kurzer Zeit so um sich griff, daß in 3 Stunden 278 Wohnhäuser im Feuer standen und schon nach 5 Stunden diese mit Kirche und Schulen, den Wohnungen der Geistlichen, dem Rathause, Spritzenhause, Brauhause, Gerichtsamte, Postamte und der Apotheke ein Raub der Flammen wurden. Das Feuer hatte so rasch überhand genommen, daß 8 Menschen mit verbrannten und 3 an Brandwunden gestorben sind. An 3200 Einwohnern waren obdachlos, und obschon ein Teil in den stehengebliebenen Häusern, dem alten Bergmagazin, in Wittigsthal, Jugel, Steinbach und besonders im nahen Böhmen Aufnahme gefunden, mußte ein ziemlich großer Teil immer noch auf den Feldern, in Militärzelten und in den Brandruinen so lange wohnen, bis sie teils in weiterer Ferne, wie in Wildenthal, Eibenstock, Breitenbrunn, Breitenhof, Schwarzenberg usw., Unterkommen gefunden hatten. Schon am nächsten Tage früh erschien Herr Kreisdirektor Ritter Uhde, gründete ein Hilfskomitee und traf alle nur möglichen Anstalten, dem Weitergreifen der Not zu steuern.

Von allen Seiten kam Hilfe; Nahrungsmittel und Kleider für die Menschen und Futter für das Vieh. Auch reichliche Spenden gingen ein, sodaß eine Suppenanstalt gegründet werden konnte. Am Sonnabend in derselben Woche, am 6. Tage nach dem Brande, geruhte selbst Se. Maj. der König, die Ruinenstadt zu besuchen. Se. Maj. spendete Trost und Hilfe, wohin sie kam, und kehrte damit Hoffnung, Vertrauen und frischer Mut wieder in die Herzen ein. Von allen Seiten kam Hilfe und selbst Se. Maj. der König von Preußen ließ durch den Kanzler des Norddeutschen Bundes Grafen Bismarck-Schönhausen sämtliche Behörden im Königreich Preußen auffordern, für unsere Stadt zu sammeln, sowie die Regierungen der anderen Bundesstaaten einladen, in ihren Landen ein Gleiches zu tun. Infolge dieser großen Teilnahme kamen über 200.000 Th. Hilfsgelder zusammen. Wie man aber im Allgemeinen für die Allgemeinheit sammelte, so wurden auch Sammlungen für besondere Zwecke veranstaltet. Vorzüglich hervorgetan haben sich die Herren Direktor Lansky in Dresden und Kantor Fischer in Potschappel, welche in der von ihnen redigierten Sächsischen Schulzeitung zu einer Pfennigsammlung in den Schulen Sachsens aufgefordert und damit die bedeutende Summe von über 5000 Th. zusammengebracht und der Stadt zum Wiederaufbau ihrer Schule geschenkt haben. Diese sind dann und werden noch so aufgebraucht, daß neue Schulden deshalb nicht gemacht werden dürfen. Aber auch für den Rathausbau wurde eine Sammlung angeregt und mit einem schönen Resultate zu Ende geführt. Schon wenige Wochen nach dem Brande hatte nämlich Herr Bürgermeister Weidauer in Schwarzenberg im Einverständnis der dortigen städtischen Kollegien und mit Genehmigung der Kgl. Hohen Kreisdirektion die Städte Sachsens aufgefordert, die arme Schwesterstadt Johanngeorgenstadt sowohl beim Wiederaufbau ihres Rathauses, als auch bei der Fortführung der städtischen Verwaltung zu unterstützen. Diese Aufforderung hatte die günstigsten Folgen. Zum Wiederaufbau des Rathauses wurden 5939 Th. 16 Gr. 4 Pf. und zur Fortführung der Verwaltung 3722 Th. auf die Jahre 1867—72 gespendet und in Aussicht gestellt. Die Mittel, welche zum Wiederaufbau des Rathauses die städtische Verwaltung zur Verfügung hatte, bestanden in 6052 Th. Brandschädenvergütung, 5939 Th. Beihilfe der Städte, 305 Th. aus der Hilfskasse, 705 Th. Vergütung für die Uhrglocken, 1187 Th. von einer von dem Kgl. Hohen Ministerium und den Hohen Kammern bewilligten Unterstützungssumme für städtische Zwecke von 5000 Th. Die Baukosten sollten 13.500 Th. und 400 Th. für eine Uhr betragen. Möge Gott, durch dessen Gnade es uns möglich geworden, diesen Grundstein legen zu können, seine Vaterhand ferner über uns halten, daß wir ohne Schaden und Unglück das Haus vollenden und daß diejenigen, denen ferner die Verwaltung der Stadt anvertraut sein wird und welche diese im neuen Hause führen werden, nicht mit Not und Sorgen zu kämpfen haben, sondern ihre Tätigkeit widmen können einer glücklichen Stadt.

Die jetzigen Verhältnisse unserer Stadt sind ziemlich günstig zu nennen. Der Bergbau, der wohl die Veranlassung war, daß die Stadt auf diesem Berge erbaut war, hat zwar in Bezug auf Gruben etwas abgenommen, dagegen hat er jetzt eine Blüte erreicht, wie seit 60 Jahren nicht. Bei sämtlichen Gruben ist für Arbeit auf längere Zeit der erforderliche Reservefonds vorhanden und drei Gruben, Adolphus, Gewerken Hoffnung und Wildermann, geben seit einigen Jahren bereits Ausbeute, und wenn der Wismut, das Hauptprodukt hier und anderer Gruben, seinen damaligen Preis nur annähernd behält (1 Pfd. wird jetzt mit 6 Th. Bezahlt), werden andere Gruben bald nachfolgen. Die Hauptindustriezweige unserer Stadt sind die Schatullenfabrikation, die Handschuhnäherei, die Band- und Bandzacken- und die Zigarrenfabrikation. Die Schatullenfabrikation, welche von Karlsbad aus hier eingeführt worden ist, beschäftigt ungefähr 400 Personen, hierunter sind noch 41 zünftige Meister, von denen 5 die Leipziger Messe beziehen; Louis Lorenz, Gotthold Heinz und Gustav Schäfer haben die bedeutendsten Geschäfte. Die Handschuhfabrikation, die hauptsächlich im Nähen von zugeschnittenen, hierher gesandten Glaceelederhandschuhen besteht, wird von 18 Fabrikanten besorgt und beschäftigt hier und in der nächsten Umgebung ungefähr 800 Personen. Die Bandzackenfabrikation, von Max Unger eingeführt, und darin bestehend, daß Bänder in Zackenform gebrochen und mittels Stepp- oder Nähmaschinen zusammengenäht und zu den verschiedensten Wäsche- und Kleiderbesätzen verwendet werden, beschäftigt hier und in der nächsten Umgebung mehr als 2000 Personen. Die Bandweberei, welche ebenfalls von Max Unger hier ins Leben gerufen worden ist, wird jetzt wohl nur noch auf 20, durch Dampfkraft in Bewegung gesetzten Stühlen betrieben, doch soll die Zahl der Webstühle aufs Doppelte und Dreifache gebracht werden. Für diese und die vorhergehend erwähnte Fabrikation dient das von Max Unger gekaufte frühere Kornmagazin. Außerdem fabrizieren noch Bandzacken: Schilling und Thierfelder, Wilhelm Kircheisen, Ludwig Fink, Porst, Oskar Bauer und einige kleinere Geschäfte. Die Zigarrenfabrikation betreibt die Firma Tittel und Heymann in Zwickau und beschäftigt jetzt 80 Leute. Außer diesen Fabrikationszweigen hat sich, wenn auch sehr verringert, doch immer noch die Spitzenklöppelei erhalten. Infolge dieser Industrie haben aber auch die hier wohnenden Professionisten Arbeit und Verdienst, und da in diesen Industriezweigen fast sämtliche Bewohner der böhmischen Grenze beschäftigt werden und ihre Arbeiten hierher liefern, kann es nicht ausbleiben, daß auch diese einen großen Teil ihrer Bedürfnisse hier einkaufen und somit den hiesigen Kauf- und Handelsleuten Verdienst bringen.

Wir hinterlassen diese Nachrichten unseren lieben Nachkommen mit dem innigen Wunsch, daß Gott, der uns Schweres auferlegte, dieses aber auch uns tragen hilft, durch dessen Gnade wir die Stadt, die in 5 Stunden ein Raub der Flammen gewesen, in 2 Jahren fast wieder aufgebaut haben, diese Stadt ferner vor großem Unglück gnädig bewahren, in seinen heiligen Schutz nehmen und reichlich segnen wolle.

Mai 1869.