Verhältnisse in Jöhstadt vor mehr als 100 Jahren.

Von Dr. M – r.

Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 31. Sonntag, den 27. Juli 1930, S. 2 – 3.

Im Jahre 1817, also kurze Zeit nach den Befreiungskriegen, veröffentlichte ein gewisser Schumann ein Lexikon von Sachsen. Dieses Buch enthält in anschaulicher Form alles Wissenswerte über das Sachsenland. In seiner Art stellte es für die damalige Zeit eine Neuheit dar und erregte weit und breit großes Aufsehen. Schumann behandelte in seinem Werke auch das Obererzgebirge und vergaß dabei natürlich nicht Jöhstadt, das reizvoll gelegene Städtchen hart an der böhmischen Grenze. Hören wir nun, was er über Jöhstadt schreibt:

„Die heutige Hauptnahrung der Stadt fließt aus dem Spitzenklöppeln, dem Bandweber, den Handwerken, dem Handel mit Spitzen, Olitäten, Medizin, Kräutern, Eisenwaren, dem Feldbau, der Viehzucht usw. Jährlich werden etwa 2000 Stück Spitzen und 1600 Stück Band geliefert. Man fabriziert Eisenartikel und unterhält 18 Branntweinbrennereien, die starken Vertrieb nach Böhmen haben. Es gibt hier über 100 Landreisende oder Olitätenkrämer. Hier ist die Bevölkerung im Verhältnis zur Rauheit der Gegend außerordentlich groß.

Drei bis vier Familien, jede mit einer Herde Kinder, wohnen nicht selten zusammen in einer Stube und geben gemeinschaftlich den Zins, der für jede wöchentlich 1 oder 1½ Groschen beträgt, wofür der Wirt aber überdies das Heizen besorgt. Wer den Zins nicht bar zahlen will, muß ihn durch Holzlesen und ähnliche Hilfsdienste abarbeiten.

Erdäpfel und Kaffee sind die täglichen Delikatessen des Mittagstisches. Jede Familie hat ihr besonderes Plätzchen und, wenn der Raum es erlaubt, auch am Herde. Außerdem muß mit der Zubereitung der Speisen eins auf das andere warten.“

Hiermit schließt die kurze, aber eindrucksvolle Schilderung der damaligen Verhältnisse in Jöhstadt. Man ersieht aus ihr, daß zu jener Zeit in manchen Teilen der Bevölkerung eine erschreckende Not herrschte. Sie war zweifellos noch die Folge der Napoleonischen Kriege, die auch über Jöhstadt ihre trüben Schatten warfen. Sie brachten Teuerung, Hungersnot und ansteckende Krankheiten. Es „herrschet“, so heißt es in der Denkschrift, die 1811 in den Turmknopf der St. Salvatorkirche niedergelegt wurde, „eine empfindliche und außerordentliche Nahrlosigkeit, indem durch den unglücklichen Krieg zwischen England und Frankreich alles Kommerzium (Handeln) gehemmt und die Kräfte der Unterthanen durch unaufhörliche Kriegskontributionen und Abgaben aller Art erschöpft sind.“ In den folgenden Jahren hatte Jöhstadt wiederholt unter der Einquartierung österreichischer, preußischer und russischer Truppen zu leiden. Diese verzehrten nicht nur den größten Teil der ohnehin schon so knappen Vorräte an Nahrungsmitteln, sondern schleppten in das Städtlein auch ansteckende Krankheiten ein, namentlich das Nervenfieber, das in Jöhstadt in den Jahren 1813 – 1815 arg hauste.

So war die Lage, wohl für die Mehrzahl der Jöhstädter, recht traurig und drückend. Sie halfen sich aber, so gut es ging, um für sich und ihre Familien Nahrung zu verschaffen. Man kann es verstehen, daß sie in ihrer Not oft Wege gingen, die nicht so ganz in der Ordnung waren und von dem Verfasser des Lexikons über Sachsen nicht erwähnt werden konnten, wenn er überhaupt davon wußte. Die Jöhstädter trieben nämlich, ich will es nicht verschweigen, einen ausgedehnten Paschhandel. Dieser wurde durch die Nähe der Grenze, durch die großen bis an die Stadt heranreichenden Wälder und durch eine damals anscheinend recht nachsichtig gehandhabte Grenzkontrolle sehr begünstigt. Ohne zu übertreiben, kann man fast sagen, daß die Pascherei geradezu für viele Einwohner ein Beruf, ein Gewerbe war. Man hatte allerlei Einrichtungen getroffen, um den Paschhandel im großen Maßstab durchzuführen. Es wird erzählt, daß für ihn „eigene Warenhäuser“ bestanden, „in denen die Pascher Kaffee, Tabak und andere Waren einkauften und in große Päckte und Hucken packten, die sie dann bei Nachtzeit – – über die Grenze schmuggelten.“ Später hat jedoch dieser Paschhandel, durch schärfere Gesetze und Bestimmungen gehemmt, etwa seit Anfang der dreißiger Jahre vorigen Jahrhunderts gänzlich aufhören müssen, was vom Standpunkt der Moral nur zu begrüßen war, für viele Einwohner aber ein Versiegen ihrer Einnahmequelle bedeutete. Manchem mag der Paschhandel einträglichen Verdienst verschafft haben. Im allgemeinen aber muß er doch nicht so gewinnbringend gewesen sein, sonst wären nicht solche Verhältnisse denkbar, wie sie uns Schumann vorhin geschildert hatte. Insbesondere wäre nicht eine im Vergleich zu der Einwohnerzahl des Städtchens, die damals nicht viel über 1300 betrug, sehr erhebliche Zahl von Personen gezwungen gewesen, auf den mühsamen und beschwerlichen Hausierhandel zu gehen. Schumann hat diesen nur gestreift, obgleich er damals für Jöhstadt von hervorragender Bedeutung war, weshalb eine nähere Beschreibung am Platze sein dürfte. „Man baute und sammelte ehemals hier allerlei Arzeneikräuter“, so beginnt ein älterer Bericht hierüber, „aus denen in besonderen Destillationsanstalten allerlei Tinkturen, Essenzen, Liköre und Pillen gegen die Gebreste von Menschen und Vieh bereitet wurden. Ein Denkmal dieser Arzneibereitung hat sich lange erhalten, das sogenannte Laborantenhaus, das mitten auf dem Markte stand und erst bei dem Brande von 1848 vernichtet wurde. Mit diesen Olitäten – später kamen dazu noch Spitzen, Eisen- und Nadler-, Kurz- und Galanteriewaren, Wäsche-, Putz-, Gold- und Schmucksachen – zogen jährlich Hunderte von sogenannten Landreisenden hausierend in Sachsen und Preußen von Ort zu Ort. Manche gingen noch viel weiter, nach Polen, Schweden und sogar bis in die Türkei. Erst zum Winter, manchmal sogar erst nach mehreren Jahren kehrten sie wieder heim, den durch Handel auswärts erworbenen Verdienst in der Heimat zu verzehren. Da in den Laborantenhäusern auch Branntwein gebrannt und abgezogen wurde, so wurde auch damit ein starker Handel, besondrs im Böhmerland hinein, getrieben. – – Die Waren wurden in eigens dazu eingerichtete Tragkästen fein säuberlich fächerweise verteilt und verpackt, und dann ging es, freilich unter viel Mühe und Schweiß, mit dem „Reffe“ von Haus zu Haus, von Ort zu Ort.“

Wie haben sich doch inzwischen die Zeiten geändert. Der beschwerliche, in den meisten Fällen nur kärglichen Verdienst einbringende Hausierhandel, der so viele Einwohner nötigte, ihre ihnen so ans Herz gewachsene Heimat zu verlassen und in weiter Fremde unter vielen Entbehrungen umherzuziehen, schlief allmählich ein. Es entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte eine reich gegliederte, bedeutende Industrie, die den Einwohnern auskömmlichen Verdienst gewährt, sodaß sie nicht mehr in der Fremde ihr Brot zu suchen brauchen. Die Lebenshaltung ist in allen Schichten der Bevölkerung breiter und behaglicher geworden. Derart traurige Wohnverhältnisse, wie sie nach der Schilderung Schumanns vor hundert Jahren bestanden, haben Gott sei Dank aufgehört. Mögen auch der Weltkrieg und die unselige Inflationszeit hemmend und drückend gewirkt haben, die allzeit rührigen und tatkräftigen Bewohner Jöhstadts bemühen sich nicht nur mit Erfolg, das Verlorene zurückzugewinnen, sondern streben sogar mit vorbildlichem Eifer nach Erweiterung und Vervollkommnung des bereits Geschaffenen.