Erzgebirgische Heimatblätter. Beilage der Obererzgebirgischen Zeitung. Nr. 45. — Sonntag, den 2. November 1930, S. 1 – 2.
Ausstellung heimatlicher Volkskunst in Seiffen.
Der erste Schnee ist, wenn auch noch als sehr vergänglicher Vorbote des Winters gefallen, der Kalender trägt in diesen Tagen das erste Novemberdatum, kurz und gut: In wenigen Wochen ist Weihnachten. Da will das Erzgebirge wieder trotz aller Härte der Zeit seinen heil’gen Ohmd, seine Adventszeit, so recht nach Väterart begehen. Vom Boden und aus Winkeln wird ringsum geholt, was zu Krippen und Pyramiden gehört, werden Bergleute und Engel herbeigeschafft und zurecht gemacht, auf daß sie ihr Licht hinaussenden in der Dezemberzeit, in welcher der Gebirgler sein Weihnachtsfest sich so innig und sinnig gestaltet.
Da kommen denn auch vor und nach dem Feste die Krippen-, Schnitz- und anderen Vereine und veranstalten ihre Ausstellungen, in denen wundervolles Volksgut an herrlicher Volkskunst gezeigt wird. Schon beizeiten hatte diesmal Seiffen die erste Ausstellung dieser art gebracht, hat schon vor Wochen in einer großen schönen Schau gezeigt, was des Erzgebirglers Heimat hervorzuzaubern imstande ist. Laßt uns heute einmal wandern durch all das, was dort zutage trat an Schätzen, die hervorgingen aus der Pflege des Schnitzens und Bastelns im Erzgebirge. – Als man nach der Eröffnungsfeier den großen Saal im „Erbgericht“ zu Seiffen betrat, wurde einem bei alledem so wohl zu Mute. Einer, der dort geweilt, erzählte so recht anschaulich und warmherzig davon. Hören wir ihn an:
Große schöne Tannen von den Erzgebirgshöhen, mit goldenen Holzsternen behangen, schmücken den Saal. Und was hing da in so reicher Zahl von der Decke herab? Kostbarstes Volksgut – Volkskunstwerke im besten Sinne des Wortes. Das Wort Volkskunst wird oft als Schlagwort gebraucht. „Volkskunst-Ausstellung im Warenhaus etc.“ heißt es da und meist ist es nur Industrieware, die mit Volkskunst nichts zu tun hat, aber das Wort „Volkskunst“ klingt besser. Damit sind jedoch die in Seiffen gezeigten Dinge nicht zu verwechseln. Die dort ausgestellt gewesenen holzgedrechselten Leuchter, Erzgebirgsspinnen, Laufleuchter, geschnitzten Engel, Lichterkränze tragend, und die schönen Pyramiden (Drehtürme) wurden von den Verfertigern nicht um des Geldverdienens willen geschaffen, sondern für das eigene Heim, für die Verschönerung des Festes aller Feste. Am Weihnachtsabend dreht sich die Pyramide und im huschenden Schatten springen Hirsche und Rehe, Füchse und Hasen durch grüne Bäume, oder die heilige Familie zieht, hinter ihr Hirten mit Schafen und die 3 Weisen aus dem Morgenlande, an uns vorüber auf sich drehender Scheibe. Daher auch der Name Drehturm. Ein turmartiges Gebäude, in welchem sich mehrere übereinander befindliche Scheiben drehen, die durch einen senkrechten Stab mit einem Flügelrad verbunden sind, welch letzteres wieder durch die Wärme von brennenden Kerzen bewegt wird. Die Scheiben selbst tragen die kleinen herrlichen, geschnitzten und gedrehten Dinge, die so entzückend sind, daß sie Menschenherzen höher schlagen machen. In manchen Häusern brennt wieder der selbstgefertigte Leuchter. Im Scheine der vielen Kerzen singt man Weihnachtslieder, spielen selig die Kinder mit neuen Spielsachen. Und welch herrliche Leuchter gibt es! Wie ein Märchen ist es. Wir wußtens dem Gewerbeverein Seiffen und voran seinem Vorsitzenden, Herrn Studienrat v. Schultz, herzlich Dank – denn diese waren anläßlich des 60jährigen Bestehens des Vereins die Veranstaltung der so wertvollen Schau –, daß sie der Anregung Herrn Professors Seifert folgten und diese Ausstellung arrangierten. Professor Seifert erzählt: Sobald der Erzgebirgler von früher ein eigenes Heim hatte und das erste Kindlein erwartet wurde, begann er seinen Leuchter, seine Pyramide zu bauen. Und da gab es in den Wochen vor dem Feste nach Feierabend kein frühes Schlafengehen. Bis weit, weit in die Nacht hinein sah man in den kleinen, tiefeingeschneiten Häusern und Hütten hell erleuchtete Fenster, und da saß er, der gute Schnitzer, Drechsler und Bastler und baute an einem Leuchter oder an einer Pyramide. Und wenn dann am heiligen Abend die Mutter, das Kindlein auf dem Arme, vor dem kleinen Wunderwerk stand und der Widerschein der vielen Kerzen sich in den Augen beider spiegelte, oder das Kind schon die Aermchen dem Lichterglanz entgegenstreckte, dann war er belohnt, reichlich, tausendfach belohnt, der fleißige Vater, für alle Mühe und Arbeit. Und gibt es wohl einen besseren Lohn, als wenn man Kinderherzen jubeln und Kinderaugen leuchten machen kann? Der bekannte Volkskundler Hofrat Seyffert in Dresden sagte einmal: „Das Volk ist das glücklichste, welches sich seine Feste selbst machen kann“. Und das kann der Erzgebirgler, wie die Ausstellung zeigt, wirklich. Aus einem inneren Drange heraus geboren und alles Können, alle Liebe, ja die ganze Seele des Schaffenden ist in diese Werke hineingeheimst. Daher „Volkskunst“.

Die in Seiffen ausgestellt gewesenen Leuchter selbst konnte man in vier Gruppen einteilen. Den Perl- und Kettenleuchter, den Laufleuchter, die Erzgebirgsspinne und den Lichterkranz. Der Kettenleuchter ist, wie schon sein Name sagt, ein Gebilde aus Ketten, und diese Ketten sind aus Holzperlen. Meist bilden zwei horizontal übereinander liegende Holzringe, auch solche von sechs- und achteckiger Form, durch Ketten miteinander verbunden, das Gerippe. Der obere Ring ist der kleinere und am unteren größeren Ring wird wieder durch nebeneinander hängende Ketten eine Halbkugel gebildet. Am unteren Ring sind noch die Arme mit den Lichttüllen angebracht. In der Grundform erinnern diese Leuchter an den Glaslüster, wie er früher in den Gegenden der böhmischen Glashütten entstand. Eine Unmenge Perlen in den verschiedensten Größen gab es zu drehen. Und welcher Formenreichtum war wieder in den sogenannten Tropfen zu beobachten. Der Laufleuchter ferner ist eine Komposition von Kettenleuchter und Pyramide. Er muß im Innern eine stabile Konstruktion haben, ein Gebälk, welches die Spindel trägt, und diese trägt wieder die Scheibe und das Flügelrad. Ein Mittelkern, oft mit Spiegelscheiben besetzt, verdeckt die Spindel und gibt dem Leuchter etwas Kompaktes. Durch Wärme, wie bei der Pyramide, wird das Flügelrad in Bewegung gesetzt und die Scheibe dreht sich. Auf der Scheibe, es gibt oft auch 2 Scheiben übereinander, sind die Figuren aufgeleimt, und diese nun wieder spiegeln sich in dem „Spieglein an der Wand“, wodurch die Wirkung des Ganzen noch erhöht wird. An einem Leuchter des Nestors aller Drechslerkünstler, Oswald Zeidlers in Seiffen, des geistigen Vaters der heutigen Fachschule, wurden sogar zwei kleine Scheiben nebeneinander angebracht, und die Figuren verschwinden, wenn sich die Scheiben drehen, in einem Tor oder Tunnel, um auf der anderen Seite erneut zum Vorschein zu kommen. Diese Idee ist ganz besonders reizend. Auf der Bühne war auch ein reich mit Glasperlen verzierter Leuchter zu sehen, der durch Anwendung von Strohintarsien als Verzierung – eine ausgestorbene Handwerkstechnik – bemerkenswert war. Die dritte Gruppe waren die sogenannten Erzgebirgsspinnen, Leuchter mit spinnenartigen Armen an einem meist schweren, gedrechselten, buntbemalten Mittelkörper. Auch hier kann man sagen, daß es nicht zwei gleiche Stücke in der ganzen Ausstellung gab. Wir sahen solche mit gedrechselten Holzarmen und solche mit Drahtarmen. Es gab auch Leuchter, an denen Figuren angebracht sind. In den zwei Kojen des Saales waren prächtige Stücke, die auch farbig gut und stark sind, aufgehängt. Als 4. Gruppe sind die sogenannten Schwebeengel zu nennen. Engel, oft mit künstlichem Haar wie bei Puppenköpfen, die Lichtkränze tragen. Reich vergoldete Flügel, auch Kronen sind angebracht, und Perlen, Tropfen, auch Glasperlen und Glastropfen, verzieren das Ganze. Die Engel sind meist aus einem riesigen Holzstück geschnitzt. Zuletzt seien die „Pyramiden“ genannt. Und noch eins soll erwähnt werden, eine Weihnachtskrippe, die, von Soffittenlicht bestrahlt, vor Erzgebirgstannen aufgebaut war. Es handelte sich hier um einen Krippenbau in der Form der alten spitzgiebeligen Erzgebirgshäuser. Von dem verdeckten Giebel kommt Lichtschein herunter und beleuchtet die etwa 15 Zentimeter großen Figuren Maria, Joseph, das Christkind in der Krippe, Ochs und Eselein. Die heiligen 3 Könige, Geschenke bringend, die Hirten mit Schäfchen, auch der Schäferspitz, alles kommt, das liebe Christkind zu schauen. Rechts stehen noch helm- und panzergeschmückte Landsknechte, ein Führer hält 2 Kamele, ein stehendes und ein liegendes. Reich mit bunten Stoffen behangen, mit Kettchen, Flitter, Perlen verziert sind diese Tiere. Mit Kisten und Kasten, ja auch mit einem Fruchtkorb beladen ist das liegende Kamel. Und noch ein edles schwarzes Vollblutpferd, ebenfalls besattelt und reich mit Gold und Perlen behangen, steht zur Seite mit seinem Führer. Diese Krippe ist ein Musterbeispiel dafür, wie man, auf traditioneller Grundlage weiterbauend, Neues schaffen kann. Denn es sind die guten alten gedrechselten und geschnitzten Seiffener Krippenfiguren, die hier zum Muster gedient haben, und welch schöne, scheinbar ganz neue Dinge wurden daraus. Das Ganze ist entworfen von Professor Seifert, dem Anreger der Ausstellung und dem Direktor der Staatsfachschule für Spielzeug in Seiffen und Grünhainichen. Da ein Schüler der Seiffener Fachschule an dem Werke mitschuf, und da es als ein Musterbeispiel sicher erzieherisch auf die heutige jüngere Generation wirken wird, kam diese neue Arbeit hier mit zur Ausstellung und hat viele Freunde gefunden. Auch zu einer Bestellung hat es geführt, die ein früherer Schüler der Fachschule übernahm.

So hatte die Ausstellung neben dem materiellen Erfolg vor allen Dingen den, daß alle die, die von nah und fern kamen, staunten über die „Kunst der Väter“, und daß so viel Tradition, so viel gute Ueberlieferung, so viel angeborne Talente in der Erzgebirgs-Bevölkerung stecken, wußten nur wenige. Man kennt die Seiffener meist nur als die Verfertiger von einfachen, billigen Spielsachen. Man traut ihnen oft auch gar nicht zu, daß sie Neues bringen, wenngleich sie heute noch in ihrer Spezialität „Miniaturfiguren“ unübertroffen sind. Ging man nun von der Ausstellung zur Fachschule, so war bis dahin in jedem der vielen Schaufenster das zu sehen, was heute in Seiffen industriell hergestellt wird. Es marschierten in der sogenannten Ladenstraße auf: Puppenmöbel, Kaufläden, Pferde und Wagen, Hampelmänner, Büchsen und Dosen, buntbemalt, kleine Tiere, große Tiere u. a. m. Und den Schluß dieser seltenen Schau bildete die schöne Ausstellung in der Fachschule. Hier gab es zwei Gruppen zu unterscheiden. Erstens die Spielsachen der Alten, also das traditionelle Spielzeug. Was sind das für wunderhübsche Dinge, mit denen sich die Leuchterbauer, die wir in der Ausstellung kennen lernten, ihr Brot verdienten. Spielsachen, die kleine Volkskunstwerke darstellen. Dabei waren seltene Stücke, die wir in keinem anderen Museum wiederfinden. Es ist ein ganz besonderes Verdienst des Herrn Professor Seifert, diese Stücke gesammelt zu haben. Die Sammlung besteht seit 1914. Heute stehen alle diese Dinge wohlverwahrt in schönen Glasschränken und sind so für die Zukunft gerettet. Für die, welche erzgebirgische Volkskunst studieren wollen und für die Schüler der Fachschule ist diese Sammlung eine seltene Fundgrube von Ideen und Vorbildern für Handwerkskünste. Und als zweite Gruppe der Saal mit den Schülerarbeiten. Fortentwicklung der Tradition nach neuzeitlichen Grundsätzen. Bevorzugung handwerklicher Fertigkeiten gegenüber der Maschinenarbeit. Das ist die Richtung, in welcher die Schularbeit betrieben wird. Welch köstliche Dinge sind da entstanden. In den modernen Schauschränken stehen allerlei kleine feine Dinge, die zum Verweilen zwingen. Wenn in dem Sinne der gewerbliche Nachwuchs für die sächsisch-erzgebirgische Spielwaren-Industrie geschult wird, so soll uns vor deren Zukunft nicht bange sein. Qualitativ Bestes, immer Neues zu schaffen, das lernen die jungen Leute hier, und das ist die Forderung der Zeit. „Christmette in Seiffen“, dieser alte, gute Brauch, er lebt hier noch und ist in einer großen Ausstellungsgruppe nachgebildet. In einer Ecke des schönen freundlichen Spielzeugsaales ist dieses Schaustück aufgebaut und erfreut alle Besucher von nah und fern.