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Scharfenstein, einmal früher gesehen.

Illustriertes Erzgebirgisches Sonntagsblatt 132. Jahrgang Nr. 3 vom 15. Januar 1939. S. 1.

Manches Erzgebirgsdörfchen hat schon in der Welt von sich reden lassen, weil eine bedeutende Industrie oder eine kunstfertige Heimarbeit von hier den Weg zur großen Volkswirtschaft fand. Auch Scharfenstein hat Anspruch, sich in die Reihe der „Prominenten“ einreihen zu dürfen. Lange Zeit war es der Herrschaftssitz der Waldenburger und Einsiedels und hatte einen bedeutenden Klang im Erzgebirge. Dennoch blieb es lange Zeit ein friedlich dahinschlummernder romantischer Ort, dessen Bewohner ganz dem Dienste des Ritterguts ergeben waren.

Die Industrialisierung Scharfensteins begann im Jahre 1833. Damals legten die beiden Spinnereibesitzer Fiedler und Lechla den Grundstein zur größten Spinnerei in Sachsen, soweit es sich um die „höhenmäßige Größe“ handelte; denn das Gebäude wurde acht Stockwerke hoch gebaut und im Jahre 1836 vollendet. So ein werk konnten nur Geldleute errichten. Das zeigt sich auch schon darin, daß die Erbauer zu den zweithöchst Besteuerten in Sachsen gehörten. Diese Spinnerei bestimmte viele Jahre den Gewerbefleiß der umgebenden Dörfer. Der Arbeitermangel mußte schon damals durch Heranziehung auswärtiger Arbeitskräfte gedeckt werden, ja sogar Kinder von zehn Jahren wurden eingestellt. Trotzdem der Verdienst sehr gering war, begannen viele bäuerliche Arbeiter in die Spinnerei abzuwandern. Ja, damals begannen auch landwirtschaftliche Betriebe den Ansprüchen des Werkes zu weichen. Die meisten Veränderungen erlitt der Plan oder die Weigelwiese. Dort wurden Wohnhäuser gebaut, um den Arbeitern die Anmärsche zu ersparen. Der Bauer Weigel gab später auch die Klötzerwiese ab, sah seine Landwirtschaft unrentabel und verwandelte sein Haus samt Kuhstall und Scheune in Wohnhäuser (heutiges Schreiter- und Bergelthaus). Die zunehmende Vergrößerung des Werkes machte weiteren Grundstückserwerb notwendig. Unmittelbar am Wächterteich in der Zschopauschleife baute man 3 Beamtenhäuser. Damit wurde sogar der Festplatz für das Schulfest weggenommen, das ständig dort stattfand. Die Spinnerei ließ bei ihren Ansprüchen noch die alte Brett- und Mahlmühle (heutige Kantine) und Schule (heutiges Pesterhaus) verschwinden. Die abseits im Holzbach liegende Oel-Quetschmühle wurde von dem Einwohner Haase in eine Drechslerei umgewandelt, die ebenfalls dem Werk Dienste leistete. Eine Menge alter und schöner Dorferinnerungen, Wirtschaftsgebäude, Kuhställe und Mühlen waren unserem Orte verloren gegangen.

Ohne Beziehung zum Werk wurden ferner umgewandelt: Das Einsiedelsche Gartenhaus an der Hofgasse (Lindnerhaus) und die Böttcherei und Tischlerei (Schaarschmidthaus) zu Wohnhäusern. In dem Jahre 1862 verschwand auch der große Sumpf, auf dem der Scharfensteiner Bahnhof entstand. Wege- und Bahngelände nahmen weiteren Wirtschaftsbesitz in Anspruch.

So ist Scharfenstein ein Ort, der immerfort Opfer an Grund und Boden für die Industrialisierung brachte. Wenn auch 1915 die große Spinnerei abbrannte, wenn auch unter Moll die Fabrik in eine Blecherei verwandelt wurde, wenn auch Raßmussen später andere Wege ging und schließlich die DKK-Werke kamen, die Forderung der Industrialisierung hat nicht aufgehört. Der letzte Beweis wurde durch die Begründung der Werksiedlung an der Hopfgartner Straße erbracht.

Während das „alte“ Scharfenstein mit Schloß, Rittergut und Gänsewinkel noch in alter Romantik träumt und an den erzgebirgischen Wildschützen Karl Stülpner erinnert, dringt vom Werk aus der Ruf Scharfensteins in die große Welt.

ns.